Serena Williams in Wimbledon:Die Queen ist raus

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Serena Williams in Wimbledon: Sie jubelte, sie pushte sich - aber am Ende hat es nicht gereicht: Serena Williams ist in Wimbledon in der ersten Runde ausgeschieden.

Sie jubelte, sie pushte sich - aber am Ende hat es nicht gereicht: Serena Williams ist in Wimbledon in der ersten Runde ausgeschieden.

(Foto: Hannah McKay/Reuters)

Zwei Punkte fehlen Serena Williams bei ihrem Comeback zum Sieg - doch sie verliert in der ersten Runde gegen eine Debütantin aus Frankreich. Danach stellt sich die Frage: Kehrt sie überhaupt noch einmal in den All England Club zurück?

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Irgendwann in diesem furiosen Match - es spitzte sich immer mehr zu und steuerte unweigerlich auf seinen dramatischen Höhepunkt zu - tat Serena Williams etwas, das nur sie so kann. Sie schwang das linke Bein derart hoch in die Luft, dass es wie ein Spagat aussah. Die Arme reckte sie dazu in die Höhe. Ein anderes Mal, nach einem anderen intensiven Ballwechsel, sank sie hernieder, auf einem Knie stützte sie sich ab. Die Pose, die sie einnahm, hatte etwas Feierliches. Als würde sie gleich eine Medaille umgehängt bekommen.

Als sie ihrer Gegnerin schließlich das Aufschlagspiel abluchste, zum 5:4, da riss sie wieder die Arme hoch - hatte sie je ein Break heftiger gefeiert? Sie hatte jetzt die Chance, zum Sieg zu servieren. Alles war bereitet in diesem Moment für die großen Schlagzeilen: Serena triumphiert in ihrem ersten Match seit einem Jahr! Die Queen lebt!

Aber auf diese Zeilen hatte Harmony Tan keine Lust, die nun ihren kleinen, großen Platz in der Tennis-Historie errungen hat. 7:5, 1:6, 7:6 (10:7) lautete das Endergebnis zugunsten der 115. der Weltrangliste. Tan, bei allem Respekt, war bislang in ihrer Karriere noch nicht besonders auf den schillernden Bühnen dieses Sports in Erscheinung getreten. Aber nun ist die 24 Jahre alte Französin aus Paris eine, die für einen spektakulären "Upset" sorgte, wie es in der Tenniswelt heißt. Denn nun ist die Geschichte von Serena Williams eine ganz andere als es vorgesehen war.

Sie ist raus aus dem Turnier, Wimbledon geht ohne die siebenmalige Siegerin dieses Rasen-Klassikers weiter. Frühestens im Spätsommer bei den US Open hätte sie die nächste Gelegenheit, um ihren ersehnten 24. Grand-Slam-Titel zu kämpfen. Wenn sie dann noch will. Und kann.

Kommt Williams noch mal zurück nach Wimbledon? "Das kann ich nicht beantworten", sagt sie

Natürlich drehte sich nach der Partie, die über 3:10 Stunden bis in die Dienstagnacht hineinging, alles um die Fragen zur Zukunft. Kommt Williams noch mal zurück in den All England Club? "Das kann ich nicht beantworten", sagte sie bei der Pressekonferenz, "wer weiß, wo ich als Nächstes auftauchen werde." Wird man sie wenigstens beim nächsten und letzten Grand-Slam-Turnier in dieser Saison wiedersehen? "Wenn du zu Hause bist, besonders in New York, und bei den US Open, dem Ort meines ersten Grand-Slam-Siegs, ist das immer etwas super Besonderes", sagte Williams: "Das ist definitiv viel Motivation, besser zu werden und zu Hause zu spielen."

Serena Williams in Wimbledon: "Es ist ein Traum für mich. Ich habe Serena im Fernsehen gesehen, als ich jung war", schwärmt die 16 Jahre jüngere Französin Harmony Tan.

"Es ist ein Traum für mich. Ich habe Serena im Fernsehen gesehen, als ich jung war", schwärmt die 16 Jahre jüngere Französin Harmony Tan.

(Foto: Glyn Kirk/AFP)

Das immerhin klang so, als plane sie einen Start dort ein. Die US Open starten Ende August, sie hätte somit durchaus Zeit, sich intensiver auf den Hartplatzbelag vorzubereiten, als sie es für ihre Auftritte bei den beiden Rasen-Turnieren in Eastbourne (nur im Doppel) und Wimbledon getan hatte. Und das wäre auch nötig, denn trotz aller Spannung und Dramatik, die Williams geboten hatte: Es wurde auch ersichtlich, dass selbst eine Überfigur wie sie nicht einfach nach langer Pause den Schläger auspacken und alle weghauen kann. Williams war beim Wimbledon-Turnier vor einem Jahr in der ersten Runde ausgerutscht und hatte sich am Oberschenkel derart verletzt, dass sie seitdem nicht mehr ihren Beruf als Tennisspielerin ausüben konnte.

Natürlich hätte Williams diese Partie gegen Tan gewinnen können. Es fehlte ja nicht viel. Bei 5:4 und 30:30 waren es nur zwei Punkte. Die große Martina Navratilova ließ sich in der BBC gar dazu hinreißen, zu behaupten: Hätte Williams dieses Match gewonnen, hätte sie das Turnier gewinnen können. Das mag sein, doch dann hätte sich Williams deutlich steigern müssen. Ihr Stellungsspiel wirkte hin und wieder eingerostet, läuferisch - und das ist ja nur zu menschlich - gehen die Jahre auch nicht spurlos an ihr vorbei, am 26. September wird sie 41 Jahre alt. Sie schlug nur fünf Asse, das ist extrem wenig, denn ihr Aufschlag ist, gerade auf Rasen, die Säule ihrer Dominanz. 61 Winner, also direkt gewonnene Punkte, feuerte sie ins Feld auf dem Centre Court, doch fabrizierte sie auch 54 leichte Fehler. Williams erkannte selbst: Es hätte die "Toughness" gefehlt, die man erst bekommt, wenn man mehrere Wochen am Stück spielt. Hat sie aber nicht.

Tan zudem machte ihr das Leben schwer, und gerade ihre Taktik verdiente eine Würdigung. Sie agierte zäh, hielt Bälle im Spiel, nutzte Gelegenheiten zum Angriff. Und dass sie mit der Vorhand gerne den Slice praktizierte, einen Schlag mit Unterschnitt, der die Bälle äußerst flach wegspringen lässt, war Gold wert. "Jede andere Gegnerin hätte meinem Spiel besser gelegen", klagte Williams bezeichnend. Verwunderlich, dass nicht viel mehr Profis generell den Vorhand-Slice wagen. Es ist eine der giftigsten, am meisten unterschätzten Schlagvarianten.

Als Serena Williams den Platz verließ, wurde sie laut bejubelt

Beim 5:6 im dritten Satz hatte Williams noch einen Matchball Tans abgewehrt. Sie rettete sich in den Tie-Break, der in Wimbledon im Entscheidungssatz nicht bis sieben, sondern bis zehn ausgespielt wird. 4:0 führte Williams. Das war so ein Moment, in dem es schien, als sei sie nun ins Rollen gekommen. Aber Tan stoppte sie radikal. Sie war furchterregend hartnäckig wie die britischen Polizisten, wenn sie einen streng ermahnen, den Gehweg zu benutzen und nicht auf der Straße zu laufen. Binnen weniger Minuten führte Tan 5:4. Den zweiten Matchball nutzte sie, Williams schlug eine Vorhand ins Netz.

Als die Unterlegene den Platz verließ, wurde sie so laut bejubelt, dass die Einmaligkeit dieses Augenblickes zu spüren war. Die Siegerin selbst konnte ihr Glück kaum fassen. "Es ist ein Traum für mich. Ich habe Serena im Fernsehen gesehen, als ich jung war", schwärmte die 16 Jahre jüngere Tan: "Als ich die Auslosung gesehen habe, hatte ich wirklich Angst. Sie ist so eine Legende. Ich habe gedacht: Oh mein Gott, wie kann ich gegen sie spielen? Es ist gut, wenn ich ein oder zwei Spiele gewinne."

Williams fand spät in der Nacht immerhin ihren Humor wieder. Sie hätte den Kampf wirklich angenommen, sagte sie zu Recht, "ich machte, was ich machen konnte". Sie sei auch nicht wütend gewesen: "Das war ein großer Sieg für mich, mein größter jemals. Und ich habe keinen Schläger zerschlagen."

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