Deutsche Tennistalente Niemeier und Schunk:Zwei für die Zeit nach Kerber und Petkovic

Lesezeit: 4 min

Jule Niemeier

Jule Niemeier ist in Wimbledon bislang eine erfreuliche Überraschung aus deutscher Sicht.

(Foto: Frank Molter/dpa)

Noch vor kurzem sah die Zukunft des deutschen Frauentennis eher finster aus. Inzwischen geben die 22-jährige Jule Niemeier und Teenager Nastasja Schunk Anlass zur Hoffnung - auch in London.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Die Frau, die in gar nicht so ferner Zukunft die beste deutsche Tennisspielerin sein könnte, hat drei Tätowierungen, Stand jetzt. Jule Niemeier lacht, als sie auf diese angesprochen wird. Sie zieht den dünnen Stoff ihres Sweatshirts zurück. Drei Striche sind zu sehen. Eine Lücke. Wieder drei Striche. "Ich habe das hier mit meinen zwei Brüdern zusammen", erklärt sie. "Ich habe drei von drei Strichen, der mittlere zwei von drei, und der älteste hat eins von drei." Ein Stück darüber dann ein Wort: "Perseverance" ist zu lesen, Beharrlichkeit, Ausdauer. "Das habe ich mir stechen lassen, als ich viele Verletzungen hatte und fast eineinhalb Jahre nicht spielen konnte."

Ein anderes Tattoo sei nicht zu sehen, sie grinst. Mit 18 Jahren hätte sie sich zu diesen Körperbemalungen entschieden, und, das betont Jule Niemeier, alles in Absprache mit ihrer Mutter. Aber sie wollte das alles unbedingt. Sie hat ihren Kopf.

Auf seinem eigenen Weg zu beharren, kann gerade für eine Leistungssportlerin keine schlechte Einstellung sein, zumal wenn man eher noch am Anfang der Karriere steht. 22 Jahre alt ist Niemeier, sie schwirrt aktuell um den 100. Weltranglistenplatz herum, mit klarer Tendenz nach oben. Vielleicht würde sie schon weiter vorne stehen, hätte sie nicht gesundheitliche Probleme gehabt, an der Schulter, am Rücken. Im vergangenen Jahr erst hat sie deshalb ihre Aufschlagbewegung geändert und holt nun deutlich mehr in einem weiten Bogen aus.

Man darf jetzt anfangen, sich für solche Details zu interessieren, denn Niemeier ist eindeutig jene junge deutsche Tennisspielerin, die die Lücke schließen soll, wenn Angelique Kerber und Andrea Petkovic, beide 34, sich irgendwann zurückziehen. Die Dortmunderin, als BVB-Fan selbstredend immer "up to date", was ihren Lieblingsklub betrifft, führt ein Duo an, über das Bundestrainerin Barbara Rittner der SZ sagt: "Wir bauen auf Jule und Nasti." Sie meint noch Nastasja Schunk, 18, die Linkshänderin aus Mainz, die sich auch gerade prächtig entwickelt. "Beide haben das Potenzial für die ersten 20", sagt Rittner.

Deutsche Tennistalente Niemeier und Schunk: Nastasja, genannt "Nasti", Schunk ist ebenso eine hoffnungsvolle Deutsche im Frauentennis.

Nastasja, genannt "Nasti", Schunk ist ebenso eine hoffnungsvolle Deutsche im Frauentennis.

(Foto: Shaun Botterill/Getty Images)

Vielleicht war die Furcht, dass nach der Generation um Kerber, Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki auf Jahre nichts nachfolge, doch verfrüht. Plötzlich tauchen diese neuen Gesichter Niemeier und Schunk nun schon zum zweiten Mal hintereinander auf der größtmöglichen Bühne im Tennis auf: bei einem Grand-Slam-Turnier. Bei den French Open standen sie erstmals im Hauptfeld, Niemeier trotzte der früheren US-Open-Siegerin Sloane Stephens einen Satz ab, Schunk ihrerseits Simona Halep, die 2019 in Wimbledon triumphierte. Rittner wäre gerne im All England Club anwesend, der Deutsche Tennis-Bund fördert die zwei maßgeblich, nur hat sie das Coronavirus aufgeschnappt. Aber Rittner weiß ohnehin: "Sie sind ja in besten Händen."

Niemeier wird nun von Christopher Kas als Trainer betreut, der sich schon um Lisicki und Mona Barthel gekümmert hat und einige mehr. Schunk wird von Benjamin Ebrahimzadeh angeleitet, der auch mal mit Kerber von Turnier zu Turnier gereist ist. Niemeier galt früh als sehr begabt und hatte viele Erfolge, aber in Wimbledon erzählt sie, dass sie diese heute ganz anders einzuordnen weiß. "Für mich persönlich sind das zwei komplett unterschiedliche Welten", sagt sie, "wenn man eine gute Juniorin war, heißt das nicht direkt, dass man ein guter Profi oder mal sehr hoch stehen wird. Die Intensität und das Niveau sind nicht zu vergleichen." Niemeier spricht ruhig, sie sei auch eine Stillere, was auf dem Platz ein kleines Problem darstelle. "Das passt eigentlich nicht ganz zu meinem Spiel."

Sie spielt bevorzugt offensiv, kreativ, mit Slice, Stopp, ihre Vorhand aus dem Handgelenk ist voller Dynamik. Sie will "dieses Aggressive auch immer zeigen und gefährlich sein" und daher lernen, "ein bisschen selbstbewusster zu sein". In der ersten Runde gegen die Chinesin Wang Xiyu gelang ihr das gut, 6:1, 6:4 - es war ihr erster Matcherfolg bei einem Grand Slam. "Ich bin einfach glücklich, dass ich jetzt direkt im zweiten Anlauf den ersten Hauptfeldsieg geholt habe", sagt sie. In der zweiten Runde trifft sie auf die Weltranglistenzweite Anett Kontaveit aus Estland. Niemeier erwartet ein "sehr gutes Spiel". Sie wirkt geerdet.

Rittner schwärmt von Niemeier: "Sie ist groß, hat kraftvolle Schläge, ein gutes Netzspiel, ist variabel. Sie hat ein bisschen Zeit gebraucht, das zu realisieren." Schunk, die auch Mitglied im Talentteam des DTB ist und vor einem Jahr noch das Finale des Juniorinnenturniers von Wimbledon erreichte, zeichne ihr Mut aus. "Sie ist ganz unbeeindruckt von der großen Bühne. In Paris hat sie gegen Simona Halep toll gespielt", sagt Rittner.

Nach der Dreisatzniederlage hat Schunk aber auch sehr enttäuscht geschaut, als sie zur Pressekonferenz erschien. Ein gutes Zeichen. Sie will nicht nur mitspielen. In Wimbledon nun setzte sie sich wieder in der Qualifikation durch, am Dienstag hatte sie ihre Erstrundenpartie gegen Mihaela Buzarnescu. Die Rumänin, 34, spielte beim 6:4, 6:2 ihre ganze Erfahrung aus. Schwankungen gehören dazu.

Doch wieder lernte Schunk einiges, "darum geht es gerade in diesen Phasen", sagt Christopher Kas. Der frühere Doppelspezialist ist von Niemeiers Neugier begeistert und ihrem Drang, Neues zu entdecken. Niemeier selbst erzählt auch, wie sie sich Rafael Nadal gerade im Training ansah. "Wenn du diesen Sound hörst, wie bei ihm der Ball aus dem Schläger geht, das ist schon sehr beeindruckend", sagt sie mit leuchtenden Augen.

Beide können und werden sicher noch mehr an der Fitness arbeiten. "Ich glaube, dass das Körperliche mittlerweile extrem wichtig ist", sagt Niemeier. Sie will auch weniger streng mit sich sein, sie erwarte oft zu viel von sich, etwa, dass sie perfekt spiele - "das ist unmöglich", weiß sie. Andrea Petkovic, die am Dienstag ziemlich schmucklos gegen Viktorija Golubic 4:6, 3:6 verlor, übernahm vor eineinhalb Jahren die Rolle einer Mentorin für Niemeier und Schunk - auch das ein Signal dafür, dass die Stabübergabe verstärkt anläuft, "das hilft den beiden ungemein", sagt Rittner. Die talentierte Eva Lys, 20, in Kiew geboren und in Hamburg zu Hause, profitiert als Dritte vom gegenseitigen Helfen. Rittner hat auch sie auf dem Schirm.

Dass sich jetzt die Blicke stärker auf sie richten, die neuen Gesichter des deutschen Frauentennis, übe keinen Druck aus, sagt Niemeier. "Für mich spielt das keine große Rolle." Sie will ohnehin ihren eigenen Weg gehen. Wie damals mit den Tattoos.

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