Tennis:Der erste Italiener im Wimbledon-Finale

Day Eleven: The Championships - Wimbledon 2021

"Das war heute der beste Tennistag meines Lebens": Matteo Berrettini nach seinem Sieg gegen Hubert Hurkacz aus Polen.

(Foto: Mike Hewitt/Getty)

Matteo Berrettini besiegt den Federer-Bezwinger und fordert nun Novak Djokovic heraus. Seine Aufschläge umschreibt die britische Presse als "Bomben" - sein Spiel ist tatsächlich hochexplosiv.

Von Gerald Kleffmann

Es gibt verschiedene Arten von Applaus. Den überraschten zum Beispiel. Oder den euphorischen. Oder den höflichen, den pflichtbewussten. Nirgends lassen sich die vielen Formen dieser Anerkennung ja so gut studieren wie auf dem Centre Court von Wimbledon. Weil nirgends Stille und Geräusche so sehr aufeinanderprallen wie an diesem speziellen Ort des Weltsports. "Quiet, please!", erst danach wird ja emotional reagiert auf der Tribüne. Je länger das Männerhalbfinale an diesem Freitagnachmittag dauerte, desto klarer wurde (auch dem Fernsehzuschauer): Hubert Hurkacz erhielt sanften, unterstützenden, aufbauenden Applaus. Viele unter den gut 15 000 Zuschauern wollten nun mal keine komplett einseitige Partie sehen. Matteo Berrettini indes wurde auch konsequent beklatscht, aber eher auf die schwer beeindruckte, respektvolle Art, die zum Ausdruck bringt: Ist der gut! Der ist der Bessere und wird gewinnen! Aber muss er so schnell und überlegen gewinnen? Das Pimm's in der Hand ist ja nicht mal leer!

Hurkacz hatte sich dann tatsächlich kurz aufgebäumt und den dritten Satz im Tie-Break gewonnen, doch mit einem sofortigen Break riss Berrettini das Match wieder an sich. Und so besiegte der Italiener den 24-jährigen Polen, der im Viertelfinale Roger Federer ähnlich kompromisslos aus dem Turnier geworfen hatte, verdient mit 6:3, 6:0, 6:7 (3), 6:4 - und ist nun der erste Profi aus seinem Land, der jemals das Finale von Wimbledon erreichte. Bei den Männern wie bei den Frauen.

Der 25-jährige Römer hatte schon vor diesem Duell deutlich gemacht, wie selbstbewusst er gerade ist. "Alles, was ich erreiche, ist großartig, aber es ist nicht etwas, das ich nicht erwarten würde." Neben dem Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic aus Serbien, der nach ihm den Kanadier Denis Shapovalov mit 7:6 (3), 7:5, 7:5 bezwang und nun um seinen 20. Grand-Slam-Titel spielt, war Berrettini tatsächlich der beste Akteur im Männerwettbewerb. Der Weltranglisten-Neunte glänzte mit knallharten Schlägen, vor allem mit seiner pistolenartigen Vorhand. Seine Aufschläge umschreibt die britische Presse als "Bomben". Das mag alles martialisch klingen, aber sein Spiel ist nun mal wirklich hochexplosiv. 22 Asse donnerte er gegen Hurkacz ins Feld. Für ihn ist das ein normaler Wert.

Wimbledon

Kein Spaß für seine Gegner: Neben seinem Aufschlag ist die Vorhand der beste Schlag von Matteo Berrettini.

(Foto: Toby Melville/Reuters)

2019 stand Berrettini im Halbfinale der US Open. Nun steht ihm das wichtigste Match seiner Karriere bevor, was ihm so langsam dämmerte nach dem Viersatz-Erfolg. "Mir fehlen die Worte. Ich brauche ein paar Stunden, um zu verstehen, was passiert ist", sagte Berrettini beim Interview auf dem Platz. Aber dann fielen ihm doch ein paar Gedanken ein. "Ich habe davon nie geträumt, weil das zu groß für einen Traum war. Ich bin einfach so glücklich. Das war heute der beste Tennistag meines Lebens. Aber ich hoffe, der Sonntag wird noch besser."

Während der Sohn unten stand und sprach, fingen die Fernsehkameras bei der Übertragung die Eltern oben auf der Tribüne ein. Mutter Claudia filmte die Szenen mit dem Handy, Vater Luca schnaufte durch. Er war fix und fertig gewesen und hatte während der Partie immer wieder die Kappe übers Gesicht gezogen. Als Berrettini den dritten Satz gegen den Weltranglisten-18. aus Breslau verlor, sagte er sich: "Nein, ich verdiene es, das Match zu gewinnen", das erzählte er fröhlich weiter, und das Publikum applaudierte. Diesmal war es ein gönnender, herzlicher Applaus. Dass dieser kernige, erfrischende, zehnkämpferhaft fitte Italiener im Finale steht, wurde in Wimbledon absolut wohlwollend aufgenommen.

© SZ/jki
Zur SZ-Startseite
Mandatory Credit: Photo by Javier Garcia/Shutterstock (12200578ca) Angelique Kerber reacts during her semi-final match W

Tennis
:Come on, Körbör

Angelique Kerber verlässt Wimbledon trotz des verpassten Finales mit dem Gefühl, es den Kritikern gezeigt zu haben - und ist nun sogar Kandidatin für die Rolle als Fahnenträgerin bei Olympia.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB