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Preisgelder im Tennis:Zu viel und doch zu wenig

2019 US Open - Day 3

Serena Williams zählt zu den Topverdienerinnen im Tennis.

(Foto: AFP)
  • Wie steht es um die Chancengleichheit im Profitennis? Bei den US Open gibt es Diskussionen über diese Frage.
  • Der aktuelle Schlüssel bevorteilt die etablierten Spieler, was zu Unmut führt.

Von Jürgen Schmieder, New York

Es regnete am Mittwoch auf der Tennisanlage in Flushing Meadows, und deshalb wurden nur die Partien in den beiden großen und mit Dächern ausgestatteten Arena ausgetragen. Dort spielen an den ersten Tagen der US Open die Zugpferde des Turniers, Serena Williams zum Beispiel, Madison Keys, Roger Federer, Novak Djokovic. Die Gegner sollen frech, letztlich aber chancenlos sein, die Promis sollen schließlich auch in der zweiten Turnerwoche begeistern und um das Preisgeld von 3,85 Millionen Dollar für die jeweiligen Sieger spielen. Wer in der zweiten Runde ausscheidet wie zum Beispiel Damir Dzumhur gegen Federer, der bekommt 100.000 Dollar.

Über diesen Unterschied wird derzeit debattiert im Tennis, und wenn die Akteure gelangweilt in den Katakomben hocken, dann werden diese Debatten schon mal intensiver - so intensiv offenbar, dass sich Federer ausführlich dazu äußerte. "Der Unterschied zwischen dem Sieger und jemandem, der in der ersten Runde verliert, ist zu groß geworden", sagte er nach dem lockeren 3:6, 6:2, 6:3, 6:4 gegen Dzumhur: "Es soll keine Loser-Tour werden, ich bin jedoch der Meinung, dass, sollten die Preisgelder weiterhin steigen, dieses Geld nicht an Top-Leute gehen sollte. Wir haben da oben ein ordentliches Niveau erreicht."

Vasek Pospisil hatte diese lodernde Debatte nach seinem überraschenden Fünf-Satz-Sieg gegen Karen Chatschanow am Dienstag mit frischem Öl versorgt. "Die Leute sagen immer: 'Schau dir den Typen an: Verliert in der ersten Runde 6:2, 6:3, 6:3 und verdient 58.000 Dollar.' So darf man das aber nicht sehen", sagte der Kanadier. Diese Prämien seien kein Gehalt, sondern die Einnahmen einer Ich-AG, denen gewaltige Investitionen gegenüberstünden: "Wir bezahlen Flüge, Hotel, Trainer, einfach alles." Er habe deshalb die Unterschriften von ungefähr 100 Profis eingeholt, um eine Gewerkschaft zu gründen und die Prämienstruktur zu ändern.

Die aktuelle Verteilung bevorteilt die Etablierten, auch sportlich, weil Tennisprofis nicht nur Reisen und Trainer finanzieren, sondern auch in die Entwicklung ihrer Fähigkeiten investieren. Rafael Nadal etwa hat eine Entourage von 38 Leuten dabei, ihm wird bis auf Tennisspielen so ziemlich alles abgenommen. Federer reist mit Ehefrau Mirka und den vier Kindern meist im Privatflugzeug, Novak Djokovic mietet für sein Team ein Haus, um dem Trubel im Hotel zu entgehen. Es sei ihnen jeder Cent gegönnt, sie haben sich Annehmlichkeiten und bessere Bedingungen bei der Vorbereitung auf Turniere aufgrund ihrer unfasslichen Erfolge verdient. Wegen ihnen sind die großen Stadien gefüllt, wegen ihnen gibt es bestens dotierte Verträge mit TV-Sendern und Streaming-Portalen, wegen ihnen sind die Einnahmen der Veranstalter so immens.

Es wird jedoch für junge Spieler immer schwerer, die immensen Kosten zu stemmen - bedeutsame Turniere werden mittlerweile auf allen Kontinenten ausgetragen - und den gehobenen Ansprüchen an einen Tennisprofi (Physiotherapeut, psychologischer Betreuer, Equipment-Manager) gerecht zu werden. Es ist keine Neiddebatte, das ist in Gesprächen mit Akteure und Managern im Spielergarten deutlich zu hören, es geht vielmehr um Gerechtigkeit: Ist es okay, dass die Sieger der US Open 3,85 Millionen Dollar und 2000 Weltranglistenpunkte bekommt, die Teilnehmer am Viertelfinale indes nur 500.000 Dollar und 430 Punkte? Dass die Großen noch größer werden und die Kleinen sich ein Leben als Profi kaum leisten können?

"Ich habe bei meinem ersten Grand-Slam-Sieg in Melbourne vielleicht 450.000 Dollar bekommen, jetzt sind wir bei 3,6 Millionen oder so", sagt Federer. Nun, bei den Australian Open sind es in diesem Jahr sogar 4,1 Millionen Dollar gewesen. Der Sieger der ATP Finals am Saisonende kann auf ein Preisgeld von 2,1 Millionen kommen, bei den WTA Finals der Frauen kann die Gewinnerin knapp 2,4 Millionen Dollar einnehmen. Es qualifizieren sich die jeweils acht besten Akteure des Jahres, es sind exklusive Veranstaltungen für die Besten und ohnehin Reichsten.

Die Veranstalter der US Open verteilen 14 Prozent der Einnahmen an die Akteure, Männer und Frauen bekommen jeweils die gleichen Prämien. Man kann darüber debattieren, ob das genug ist, in der US-Footballiga NFL erhalten die Spieler 48,5 Prozent der Einnahmen. "Es war wichtig, die Preisgelder zu erhöhen, damit wir mit Sportarten wie Golf mithalten können", sagt Federer: "Sie sind drastisch gestiegen, was erst einmal positiv ist - die Schere hat sich nur zu weit geöffnet."

Profisport ist im besten Fall eine Meritokratie, die Besten verdienen das meiste Geld. Das funktioniert nicht immer, weil Unternehmen nicht unbedingt die Erfolgreichsten als Werbefiguren verpflichten, sondern die ihrer Meinung nach Vermarktbarsten, und da spielen bisweilen andere Dinge eine Rolle als die reinen Ergebnisse. Bei den Prämien allerdings geht es ausschließlich ums Ergebnis, und es muss dann beim Profitennis schon die Frage erlaubt sein, ob die Sieger einer Runde wirklich das Doppelte des Unterlegenen bekommen soll.

"Wir werden das hoffentlich in den nächsten fünf bis zehn Jahren regeln", sagt Federer, der nun wieder dem Spielerrat angehört: "Ich weiß schon, dass Veranstalter es nicht sexy finden, das Geld in der ersten oder zweiten Runde der Qualifikation zu vergeben. Es wäre aber schön, wenn Leute auf der Challenger-Tour von ihrem Beruf leben können." Es regnete am Mittwoch, Federer und Williams mussten das trockene Arthur Ashe Stadium keine Sekunde lang verlassen. Andere, und das ist dann schon eine Botschaft, wurden trotz Nässe auf die Nebenplätze geschickt. Kristina Mladenovic und Fiona Ferri etwa wärmten sich auf, spielten einen Ballwechsel - und wurden zurückbeordert. Einen Tag später kämpften sie um den Einzug in die dritte Runde und ein Preisgeld von 163.000 Dollar.

© SZ.de/jbe
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