Dominic Thiem hat am Dienstag gegen Thomas Fabbiano (Italien) drei Sätze verloren, der an vier gesetzte Österreicher ist bei den US Open bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Stefanos Tsitsipas (Griechenland) hat ebenfalls drei Durchgänge verloren, gegen Andrej Rublew (Russland), der Achte der Setzliste ist auch nicht mehr dabei. Und dessen Landsmann Karen Chatschanow, die Nummer neun, hat sich ebenfalls bereits verabschiedet.
Natürlich muss man nicht erwähnen, dass einer scheitert, wenn er drei Sätze verliert, so sind nun mal die Regeln bei Grand-Slam-Turnieren. Es lohnt indes, diese Niederlagen in einem größeren Zusammenhang zu betrachten: Rafael Nadal hat bislang, wenn er nicht gegen die erbitterten Rivalen Novak Djokovic oder Roger Federer angetreten ist, bei den bedeutenden vier Turnieren dieses Jahres in 18 Partien insgesamt nur drei Sätze verloren - so viele wie Chatschanow, Tsitsipas, Thiem bei ihrem einzigen Match in New York.
Letztere hatten schon in Wimbledon ihre Auftaktpartien verloren - so wie damals auch Alexander Zverev, der sich am Dienstag gegen Radu Albot mehr als drei Stunden lang und über fünf Sätze plagen musste: "Ich bin das schon gewohnt mittlerweile", sagte er danach: "Ich werde 16 Stunden schlafen, am Mittwoch vielleicht zwölf Minuten trainieren und danach wieder schlafen." Ein Scherz, gewiss, aber es stimmt schon: Zverev hat in dem Spiel viel Energie verbraucht, er ist alleine mehr Meter gelaufen (3878) als Federer und Djokovic zusammen (3666) - und das bei einer Veranstaltung in einer Stadt, die, wie Zverev sagt, "auch sehr viel Energie rauben kann".
"Die jungen Spieler klopfen an die Tür, es wird immer lauter"
Für Federer, Nadal und Djokovic, die so genannten "Big Three", dienen diese ersten Partien bei einem Grand-Slam-Turnier dem Einspielen und Eingewöhnen, viele andere kämpfen da bereits ums Überleben. Federer bemerkte in Runde zwei nach verlorenem ersten Durchgang gegen den Bosnier Damir Dzumhur - der erst siebte Grand-Slam-Satzverlust in diesem Jahr gegen die Nicht-Big-Three-Rivalen - dass er nun lieber mal vom dritten in den vierten Gang schalten sollte; er hätte freilich noch zwei weitere zur Verfügung gehabt. Djokovic (sieben verlorene Sätze) und Nadal gestalteten ihre ersten Partien jeweils als gemütliche Spazierfahrten im zweiten Gang.
Diese Drei haben die vergangenen elf Grand-Slam-Turniere untereinander aufgeteilt, in diesem Zeitraum hat es bei den Frauen neun verschiedene Siegerinnen gegeben. Die womöglich krasseste Statistik zu dieser Dominanz: Thiem ist der einzige aktive Spieler, der jünger ist als 30 Jahre und schon mal einen Satz in einem Grand-Slam-Finale gewonnen hat. "Die jungen Spieler klopfen an die Tür, es wird immer lauter", sagt Federer. Ja, sie klopfen, diese designierten Nachfolger, und bisweilen können sie die Etablierten mit der Trommelei etwas ärgern - es gibt aber keinen, der diese Tür nun endlich mal eintritt.
Es verlangt ja niemand, dass nun einer daherkommt und Grand-Slam-Turniere in Serie gewinnt, und es gibt auch immer nachvollziehbare Gründe für frühe Niederlagen. Thiem plagte sich vor den US Open mit einer Grippe, Tsitsipas konnte am Ende der tollen Partie gegen Rublew wegen Krämpfen kaum noch laufen - dafür noch sehr ausdauernd über den Schiedsrichter schimpfen -, Zverev plagte zuletzt eine Zitterhand beim zweiten Aufschlag.
So was passiert, gerade bei jungen Spielern. Nur: Wer außer Nadal, Federer und Djokovic traut sich eigentlich öffentlich zu sagen, dass er in New York gewinnen will? Daniil Medwedew (Russland), der zuletzt die Endspiele von Washington und Montréal erreicht und das Turnier in Cincinnati gewonnen hatte, sagte vor Turnierstart, dass er "mit dem Einzug ins Viertelfinale zwar nicht unbedingt glücklich, aber durchaus zufrieden" wäre. Thiem sagt über die großen Drei: "Ich bin viel näher an ihnen dran, aber ich bin noch nicht dort." Und Zverev: "Bei meinen Leistungen zuletzt gehöre ich sicherlich nicht zu den Favoriten."
Es verlangt ja auch keiner, dass die jungen Spieler protzen wie die Herausforderer beim Preisboxen, zum Vergleich jedoch die erinnerungswürdigste Aussage von Djokovic vor Turnierstart: "Ich will den Grand-Slam-Rekord von Federer."
"Ein Grand-Slam-Turnier ist eine andere Hausnummer"
Die großen Drei im Männertennis sind keine alternden Box-Weltmeister, die ihre Titel gegen hungrige Herausforderer verteidigen müssen. Sie treiben sich gegenseitig an, seit 15 Jahren schon, und sie machen sich deshalb gegenseitig besser. "Sie kämpfen um diesen Rekord für die meisten Grand-Slam-Titel", sagt Marin Cilic, US-Open-Sieger vor fünf Jahren, über dieses Wettrennen im siebten Gang, das Federer (20) vor Nadal (18) und Djokovic (16) anführt: "Sie fordern sich gegenseitig heraus, und das macht es für alle anderen nur noch schwerer, sie zu erreichen."
Junge Tennisprofis wollen auch die ganz großen Veranstaltungen gewinnen, aber sind sie auch wirklich bereit, dafür so viel zu opfern, wie es die großen Drei auf ihrer Jagd nach Rekorden tun - oder reicht ihnen der Sieg bei einem Masters-Turnier erst einmal? "Ein Grand-Slam-Turnier ist eine andere Hausnummer", sagt Djokovic: "Es dauert zwei Wochen, es geht über drei Gewinnsätze, allein sportlich ist das eine völlig andere Erfahrung. Dazu kommen die vielen Termine abseits des Platzes, die Atmosphäre, es braucht Geduld und Konzentration. Nicht jeder ist dafür gemacht."
Thiem und Tsitsipas haben nun sowohl in Wimbledon als auch in New York gleich in der ersten Runde erfahren, dass sie zwar an die Tür klopfen mögen, vorerst aber noch draußen bleiben müssen. Zverev wird am Donnerstag gegen Frances Tiafoe (USA) versuchen, einen weiteren Schritt zurück zu dieser Tür zu machen: "Ich werde schon irgendwie auf den Platz kriechen." Noch ein Scherz, gewiss, und doch klingt es nicht so, als würde er sich gerade zutrauen, diese Tür einzutreten.


