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Novak Djokovic bei den French Open:Der gnadenlose Gummimann schreibt Tennis-Geschichte

2021 French Open - Day Fifteen

Historischer Grand-Slam-Titel Nummer 19: Novak Djokovic hat nun als erster Profi jedes der vier Major-Turniere mindestens zweimal gewonnen.

(Foto: Clive Brunskill/Getty Images)

Novak Djokovic setzt seinen Siegeszug fort: Gegen Stefanos Tsitsipas holt er im Finale der French Open einen 0:2-Satzrückstand auf - und hat nun die Chance, alle vier Grand Slams 2021 zu gewinnen.

Von Gerald Kleffmann

Die Vier-Stunden-Marke war mal wieder wie so oft bei Matches bei diesen French Open erreicht, als beide, Novak Djokovic und Stefanos Tsitsipas, noch einmal Platz nahmen. Sie wischten sich jeder für sich mit einem Handtuch ab, ein Schluck Wasser, glasiger Blick, dann stand es an: Das Aufschlagspiel, mit dem Djokovic, 34, der Serbe aus Belgrad, der Weltranglisten-Erste, seinen vielen Bestleistungen eine weitere würde hinzufügen können. Konnte der Grieche noch einmal, mit einem Kraftakt, die Niederlage abwehren? 30:30, aber ein starker Aufschlag. Matchball. Mit einem mutigen Rückhand-Gewinnpunkt die Linie entlang wehrte Tsitsipas diesen ab. Doch als Djokovic die Chance zum Triumph hatte, beim zweiten Matchball, griff er gnadenlos zu.

Als er den letzten Volley unerreichbar cross ins Feld gehämmert hatte, konnte er es erst kaum glauben. Starr schaute er ins Nichts. Dann: Zeichen zum Himmel. Sein Team in der Box, alle fix und fertig. Nach einem Satzrückstand und sorgenvollen Phasen hatte Djokovic mit 6:7 (6), 2:6, 6:3, 6:2, 6:4 dieses Finale von Roland Garros, sein sechstes in Paris, tatsächlich noch umbiegen können. Zu seinem zweiten Titel am Bois de Boulogne, nach 2016. "Es war mental und physisch ein sehr schwieriges Spiel für mich", gab er beim Interview im Court Philippe Chatrier zu, "es war für mich wahnsinnig schwierig, zurückzukommen." Jelena, seine Frau, sein größter Fan, filmte derweil lachend mit dem Handy. "Es war vom ersten Punkt an eine elektrische Atmosphäre", meinte Djokovic auch. Er war, zu Recht natürlich, ergriffen von diesem Moment.

Er hat ja tatsächlich, mal wieder, Tennisgeschichte geschrieben.

Djokovic ist nun der erste Profi, der jedes Grand Slam mindestens zweimal gewann; Roy Emerson und Rod Laver hatten vor Beginn dieser Ära (ab 1968) als Einzige diese Tat vollbracht. Mit 19 Titeln ist er nun in unmittelbarer Nähe zu Roger Federer und Rafael Nadal (je 20). Nach dem Triumph in Melbourne bei den Australian Open im Februar und in Paris hat er sogar die Chance auf den Jahres-Slam, den Gewinn aller vier Großevents in einer Saison. Und: Nadal besiegte er nun zweimal in Paris und Federer dreimal in Wimbledon. Die Goat-Debatte (greatest player of all time) wird sich wohl irgendwann von selbst beantwortet haben.

Es war eine Partie, in der sich früh Erstaunliches zeigte: Da spielte Djokovic einmal nicht gegen Roger Federer, nicht gegen Rafael Nadal, die absoluten Lieblinge der Branche, trotzdem wurde sein Gegner wieder mehrheitlich unterstützt vom Publikum. Diesmal allerdings lag es sicher daran, dass Tsitsipas wohl eher als ein Außenseiter angesehen wurde, aber es dauerte nicht lange, um eine zweite Erkenntnis erlangen zu können: Tsitsipas war nicht der Außenseiter. Er hielt seine Gegenwehr konstant aufrecht. Sein erstes Aufschlagspiel war gleich minutenlang umkämpft - dann knallte Tsitsipas drei Asse ins Feld. Das war ein Statement.

Ein Rutschmanöver misslingt - Djokovic hat beim Hinfallen noch Glück

Mit diesem Geist marschierte er durchs Match. Ließ sich nicht entmutigen, etwa davon, dass Djokovic bei eigenem Aufschlag die ersten 13 Punkte in der Serie machte. Auch nicht davon, dass er selbst bei 5:4 einen Satzball vergab. Oder dass er bei 5:5 das Break kassierte. Er nahm dann sofort Djokovic dessen Service-Spiel ab. Und auch nicht davon, dass er im Tie-Break eine 4:0 und 5:2-Führung verzockte und Djokovic Satzball hatte. Er wurde mit dem Gewinn des ersten Satzes belohnt.

Es hätte genug Momente gegeben, in denen Tsitsipas hätte einbrechen können, Djokovics Spezialität ist ja, die Moral anderer zu zerbrechen. Einen Satz, eine Stunde mitzuhalten, das gelingt einigen immer wieder. Aber drei, vier Stunden? Und so war die Erkenntnis des zweiten Satzes gleich wieder eine neue: Tsitsipas war stabil. Break, Djokovic ließ regelrecht den Kopf hängen. Überhaupt hatte, bereits seit einem Sturz im ersten Satz, als er nach einem missglückten Rutschmanöver übel gestürzt war, irgendwie seine siegessichere Ausstrahlung abgenommen. Ein zweites Break folgte, 6:2 Tsitsipas. Erschütternd die Quote beim zweiten Aufschlag - da gelangen Djokovic bis dahin nur sieben von 20 Punkten. Und seine berühmten Return-Qualitäten hatten offenbar gerade Urlaub beantragt.

2021 French Open - Day Fifteen

So nah dran: Stefanos Tsitsipas erlebte die Qualen seines Sports - es ist erst vorbei, wenn der letzte Punkt gespielt ist.

(Foto: Julian Finney/Getty)

Ein 0:2-Satzrückstand Djokovics muss aber nichts bedeuten, denn eine Führung ins Ziel zu bringen, ist eine andere Aufgabe. Der Italiener Lorenzo Musetti war im Achtelfinale auch mit 7:6, 7:6 im Vorteil - dann ging er unter wie ein Leck geschlagenes Schiff. Ins Basislager eines Achttausenders schaffen es eben viele, aber dann wird die Besteigung zur Hölle. Der Körper ist im roten Bereich, die Gedanken rotieren, die Zuversicht auf einmal ein fragiles Gut.

Und tatsächlich schuftete sich Djokovic zurück ins Match, sein Ballmaschinen-Modus wurde wieder sichtbar, er bewegte sich so elastisch, als sei er aus Gummi, seine Stopps senste er wie mit dem Skalpell übers Netz, Break zum 3:1, die Partie blieb verbissen. Doch Satz drei ging mit 6:3 an Djokovic, Satz vier mit 6:2. Als hätte er Tsitsipas gnadenlos die Sauerstoffflasche entrissen.

Nach 3:17 Stunden musste der fünfte Satz entscheiden. Djokovic nahm Tsitsipas zum 2:1 sofort wieder das Aufschlagspiel ab, er ließ sich diesen Vorteil nicht mehr nehmen. Beide hatten intensive Halbfinals, Djokovic hatte Nadal in einer epischen Partie niedergerungen, Tsitsipas Alexander Zverev in fünf Sätzen. Aber noch mal hatte der Grieche keine Kraft für die letzten Meter.

© SZ/jki
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