Australian Open Nadal zeigt vor dem Finale Bizeps

Bisher nicht aufzuhalten bei den Australian Open: Rafael Nadal.

(Foto: AFP)
  • Rafael Nadal und Novak Djokovic stehen sich im Finale der Australian Open am Sonntag gegenüber.
  • 52 Mal standen sie einander am Netz seit 2006 gegenüber, Djokovic führt mit 27:25 Siegen: "Nadal ist der größte Rivale meines Lebens", sagt Djokovic.
  • Ihr Finale kommt wohl zur richtigen Zeit, da beide noch einmal allen Widrigkeiten trotzten.
Von Barbara Klimke, Melbourne

Bei den Australian Open wird den Tennisprofis kein Dresscode auferlegt. Erlaubt ist, was gefällt, vom grünen Hotpants-Catsuit, den Serena Williams diesmal bevorzugte, bis zu Rüschenröckchen. Trotzdem nahm John McEnroe, früherer Weltklassespieler und in Melbourne Fernsehkommentator und Hallen-Entertainer, Anstoß an dem Outfit von Rafael Nadal. Nicht die Farbe, ein spanisches Apfelsinenrot, irritierte McEnroe nach dem Halbfinale, sondern der Schnitt. Ob Nadal denn diese ärmellosen Hemden wegen seines Ausrüstervertrages trage, wollte McEnroe wissen: "Oder ist das ein Versuch, die Gegner einzuschüchtern?"

Nadal, 32 Jahre alt, war die Frage von John McEnroe, der schon die ganze Woche über eine merkwürdige Obsession an seinem Körperbau hatte erkennen lassen, sichtlich peinlich. Er erklärte dem Stadionpublikum, dass er die Muskelshirts bei heißem Wetter bevorzuge, weil sie ihm mehr Bewegungsfreiheit bei bestimmten Schlägen und Überkopfbällen gestatteten. "Außerdem fühle ich mich dadurch jünger", fügte er selbstironisch an. Tatsächlich tritt er zu zurückhaltend auf und ist auch zu wohlerzogen, um nur zu Showzwecken seinen Bizeps zu präsentieren. Zu den Halleninterviews nach den Spielen erscheint er meistens in grauer Trainingsjacke, den Reißverschluss hochgezogen bis zum Kinn.

Zum fünften Mal hat Nadal das Finale der Australian Open erreicht. Aber wenn er als 17-maliger Grand-Slam-Sieger am Sonntag im Endspiel seinem Dauerrivalen Novak Djokovic, dem sechsmaligen Champion, gegenübersteht, dann wird es ihn vielleicht beruhigen zu wissen, dass er sich auf seine physische Präsenz verlassen kann.

Nadals Gegner: "Tennis von einer anderen Dimension"

Denn erst zu Beginn der Australian Open ist Nadal nach einer viermonatigen Verletzungspause ins Wettkampfgeschehen zurückgekehrt; seitdem hat er sich in den sechs Matches noch keinen Satzverlust gestattet. Der Letzte, der die Dominanz seiner aggressiven Taktik anerkennen musste, war der hochtalentierte, äußert variabel agierende 20 Jahre alte Grieche Stefanos Tsitsipas: Nach einem chancenlos verlorenen Halbfinale erklärte er deprimiert, sein überlegener Gegner spiele "Tennis von einer anderen Dimension".

Nadal hält derlei Lobpreisungen für übertrieben. Wohl auch, weil er die Anfälligkeit der Knochen, Knorpel und Sehnen in seinem jahrzehntelang überstrapazierten Körper kennt, die unter den Muskelpaketen liegen. Seine Auftritte seien "solide", sagte er vor dem Finale; vielleicht sei die Rückhand zuletzt ein wenig besser gewesen als in den Tagen zuvor: "Generell muss ich zufrieden sein mit der Art, wie ich spiele." Noch zu Jahresbeginn hatte er jedenfalls nicht daran geglaubt, dass ihm sein Zustand eine realistische Chance einräumen würde, dem bislang einzigen Titelgewinn im Melbourne Park von 2009 eventuell noch einen zweiten hinzuzufügen.

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Denn kaum war er in Australien gelandet, musste er seinen ersten Auftritt in Brisbane schon wieder absagen. Grund diesmal: eine Zerrung im linken Oberschenkel, zugezogen bei einem Einladungsturnier in Abu Dhabi. Dabei war dieser Wettbewerb in Queensland als Comeback gedacht nach dem letzten Match bei den US Open im September: Dort hatte er wegen seiner chronischen Knieverletzung im Halbfinale vorzeitig aufgeben müssen. Danach nutzte er die Zwangspause, um sich im November freie Gelenkkörper im Sprunggelenk entfernen zu lassen. Es ist kein Geheimnis, dass die Hartplätze, auf denen bei der ATP-Tour in den USA und Asien gespielt wird, seinen Bändern und Sehnen weit härter zusetzen als Sandbeläge. Mit Rücksicht auf die Gesundheit hat er sich deshalb zunehmend gezwungen gesehen, seine ursprünglichen Zusagen zu Wettkämpfen auf den Reizböden zurückzuziehen: 2018 umfasste die Absagenliste Turniere von Brisbane im Januar bis London im November.

Trotz dieser Widrigkeiten hat Nadal im vergangenen Jahr weitere fünf Titel gewonnen, darunter in Paris auf Sand und in Toronto sogar auf strapaziösem Hard Court. Noch immer ist er die Nummer zwei der Weltrangliste, und die beiden Wochen in Melbourne haben gezeigt, dass mehr als jugendliche Kraft und ungestümer Ehrgeiz nötig sind, um dieses Tennis-Denkmal zu stürzen. Die forschen Herausforderer Alex de Minaur, 19, Frances Tiafoe, 21, sowie Tsitsipas, 20, schmetterte er jeweils locker ab. Dass es sich um Generationenduelle handle, interessiere ihn weniger, sagte Nadal: "Ich bin in einem Stadium der Karriere, in dem es wichtig ist, mir eine Chance zu erspielen, in die nächste Runde zu kommen. Das ist alles."

Auch Djokovic erwehrte sich der Jugend

In diesem Stadium der Karriere kann ihm demnach nur ein Ebenbürtiger gefährlich werden: Der steht ihm im Finale am Sonntag in Djokovic, der Nummer eins der Rangliste, gegenüber. Auch der 31-jährige Djokovic, 14-maliger Grand-Slam-Sieger, hat quälende Zeiten hinter sich. Vor Jahresfrist, als Nadal im Viertelfinale der Australian Open aufgeben musste, verlor er bereits im Achtelfinale gegen Chung Hyeon aus Südkorea, geplagt von einer langwierigen Ellbogenverletzung. Erst danach entschloss er sich zur Operation. Und auch Djokovic hat sich nun im Halbfinale des Angriffs eines Vertreters der jungen Generation erwehrt, er siegte am Freitag gegen den 24-jährigen Franzosen Lucas Pouille in drei schnellen Sätzen (6:0, 6:2, 6:2).

"Ich glaube, das Finale kommt zur richtigen Zeit für uns beide", sagte er danach. Sie sind einen langen Weg gemeinsam gegangen. 52 Mal standen sie einander am Netz seit 2006 gegenüber, Djokovic führt mit 27:25 Siegen: "Nadal ist der größte Rivale meines Lebens", erklärte er am Freitag leicht pathetisch, und manche ihrer Duelle hätten seiner Karriere eine neue Richtung gegeben, wie das Endspiel der Australian Open 2012, das mit 5:53 Stunden als längstes in die Grand-Slam-Geschichte einging. Und das Djokovic gewann.

Es wird am Sonntag (9.

30 Uhr MEZ, Eurosport) also noch einmal ein harter Schlagabtausch werden zwischen dem Mann im Muskelshirt und dem Mann im Polohemd. Aber eines dürfte dabei sicher sein: Die Ärmellängen werden kaum entscheiden.

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