Australian Open:Ganz neue Perspektiven für Zverev

2021 Australian Open: Day 7

Und jetzt Djokovic: Alexander Zverev hat auf dem Weg ins Viertelfinale nur einen Satz verloren.

(Foto: Daniel Pockett/Getty)

Alexander Zverev erwartet im Viertelfinale den angeschlagenen Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic. Der Weg in sein zweites Grand-Slam-Finale erscheint plötzlich durchlässiger.

Von Gerald Kleffmann

Als der Platz-Interviewer in der Rod Laver Arena Alexander Zverevs Bruder erwähnte und fragte, was der als Teammitarbeiter Gutes bewirke, drehte sich Mischa Zverev - wie die Fernsehkamera einfing - auf der Tribüne um und winkte ab. Er ahnte, dass ihm gleich Spott um die Ohren fliegen würde. "Er steuert nicht viel bei", antwortete tatsächlich, süffisant lächelnd, Alexander Zverev, der ins aufgestellte Mikrofon sprach und nach oben blickte, "er macht einen guten Job als Cheerleader." Touché, das saß. Mischa Zverev ist ja mitnichten nur für die Stimmung zuständig. Sondern kümmert sich, da seine Karriere gerade stagniert, als Coach und Manager um Alexander. Der flockigen brüderlichen Szene wohnte aber auch, ganz nebenbei, eine tiefere Bedeutung bei.

Wenn die zwei witzeln, ist das oft auch ein Zeichen, dass es bei einem der beiden gut läuft. Das liegt in der Natur von Erfolgen. 2017 zum Beispiel, da zog Mischa, 33, ins Viertelfinale dieser Australian Open ein und gönnte sich manche Spitze. Nun ist sein zehn Jahre jüngerer Bruder in selbiger Runde angelangt nach dem soliden 6:4, 7:6 (5), 6:3-Erfolg im Achtelfinale gegen den Weltranglisten-27. Dusan Lajovic. Der Serbe ist ein zäher Arbeiter, er hat den inzwischen 23-Jährigen zweimal bei Grand Slams schon in den fünften Satz getrieben.

Vielleicht war das Match am Sonntag so eines, das früher auch über die gesamte Distanz gegangen wäre. Die ersten beiden Sätze hätte Lajovic für sich entscheiden können. Hat er aber nicht. Weil Zverev seine Qualitäten in den richtigen Momenten besser einzusetzen versteht. Er selbst hat eine plausible Erklärung: "Ich denke schon, dass das irgendwo auch ein Entwicklungsprozess ist", sprach er in der Video-Pressekonferenz aus Melbourne und erinnerte auch an Dominic Thiem, der in den beiden vergangenen Jahren große Schritte machte. "Wir reifen so ein bisschen", befand Zverev. "Wir spielen mehr von diesem Grand Slams. Wir wissen so ein bisschen besser, wie man sie angeht."

Australian Open: Daumen hoch: Alexander Zverev ist derzeit mit seinem Spiel sehr zufrieden. Darf er auch sein.

Daumen hoch: Alexander Zverev ist derzeit mit seinem Spiel sehr zufrieden. Darf er auch sein.

(Foto: Paul Crock/AFP)

Über ein Thema wollte Zverev indes weniger Auskunft geben - dass sich für ihn plötzlich das Feld zu seinem Vorteil einen Spalt weiter geöffnet hat, wie es in der Tennissprache heißt. Sein nächster Gegner Novak Djokovic ist zwar Weltranglisten-Erster und achtmaliger Melbourne-Champion. Aber der Serbe ist angeschlagen. Er quälte sich mit einer Bauchmuskelverletzung durch die letzten zwei Runden. Beim 7:6 (4), 4:6, 6:4, 6:1-Sieg am Sonntag gegen den Kanadier Milos Raonic wirkte er ziemlich leidend.

Und im möglichen Halbfinale wäre für Zverev auf einmal nicht Thiem der Gegner, der letztjährige Finalist hier und US-Open-Sieger aus dem Herbst. Der Österreicher brach am Sonntag gegen Grigor Dimitrov ein wie ein Radprofi mit Hungerast und verlor glatt, 4:6, 4:6, 0:6. Worauf dieser Knock-out zurückzuführen war, ließ er im Unklaren, "ich bin keine Maschine", sagte er nur dazu. Rafael Nadal im Übrigen, der sich im unteren Tableau vorarbeitet und erst im Endspiel auf Zverev treffen könnte, hatte auch in diesem Turnier schon körperliche Probleme, der Rücken.

"Bei jedem anderen Turnier würde ich rausziehen"

Im Turnier der Maladen - auch Zverev hatte Bauchmuskelbeschwerden und nahm Schmerzmittel - wirkt aber niemand so stabil wie der Weltranglisten-Siebte aus Hamburg. Nur US-Profi Marcos Giron (Weltranglisten-75.) luchste Zverev in Runde eins den ersten Satz im Tie-Break ab, Maxime Cressy (USA, 172.), Adrian Mannarino (Frankreich, 36.) und Lajovic gingen jeweils mit 0:3 vom Platz. Traut er sich angesichts dieser Auftritte den Titel zu? "Ich bin im Viertelfinale, es sind nur noch acht Spieler hier. Ich denke, alle acht haben eine Chance ... das war ganz politisch korrekt geantwortet", sagte Zverev da, machte eine Pause - und lachte laut. Man kann sich denken, was er wirklich denkt. Seine Chance ist definitiv nicht eins zu acht.

Im Halbfinale des oberen Draws etwa wird der Sieger der Partie Dimitrov - Arslan Karazew landen (und dann gegen Zverev oder Djokovic spielen). Der russische Qualifikant Karazew, 27, ist bislang die größte Überraschung. Der 114. der Weltrangliste glänzte zuletzt mit Siegen gegen den Argentinier Diego Schwartzman (ATP-9.) und Felix Auger-Aliassime (19.), nach 0:2-Satzrückstand. Djokovic wiederum ist nicht mehr der Topfavorit. Nach seinem Match gegen Raonic machte er klar, wie es um ihn steht: "Bei jedem anderen Turnier würde ich rausziehen", meinte er. Aber es sei ein Grand Slam. Was er nicht sagte, aber jeder weiß: Er will mit dem 18. Titel dieser Art zu Nadal und Roger Federer (je 20) aufrücken. Dieser Dreikampf treibt den 33-Jährigen an.

Sein Lachen immerhin fand er wieder. Zverev habe ja die gleiche Verletzung, "nur auf der anderen Seite", sagte Djokovic, "vielleicht spielen wir ohne Aufschlag". Ein Späßchen auch von ihm, klar, aber er sollte nicht mit Nachsicht rechnen. "Wenn es gegen Novak kommt, muss ich voll aufschlagen können", hatte Zverev zuvor gemeint. "Da werde ich auch das Risiko eingehen, falls es nach dem Match schlimmer wird." Zverev will, das ist herauszuhören, seine Chance diesmal nutzen.

© SZ/ebc
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