Australian Open:Um 23.30 Uhr unterbricht der Schiedsrichter die Partie

Australian Open: Musste sich durch fünf Sätze kämpfen: Novak Djokovic.

Musste sich durch fünf Sätze kämpfen: Novak Djokovic.

(Foto: AFP)

Nach Alexander Zverev erreicht auch Novak Djokovic das Achtelfinale der Australian Open. Das Publikum wird zuvor nach Hause geschickt - der Matchball fällt bereits im Lockdown.

Von Barbara Klimke

Einen letzten kleinen Flirt mit dem Publikum konnte er sich nicht verkneifen. Er habe sein Match schnell durchgezogen, sagte Alexander Zverev, "damit Sie alle nicht so lange in der Sonne sitzen müssen". 24 Grad zeigte das Thermometer am Nachmittag in Melbourne, das Dach der Rod Laver Arena war geöffnet, und weil der Stern heiß vom Sommerhimmel strahlte, hatte sein Gegner Adrian Mannarino vorsorglich zur Tube mit Lichtschutzfaktor 50 gegriffen. Nach UV-strahlenschonenden 1:43 Stunden endete die Vorstellung mit einem Ass, 6:3, 6:3, 6:1, und Zverev verabschiedete sich in der Hoffnung, die Besucher am Donnerstag wiederzusehen. Bis dahin wird sich dazu keine Gelegenheit mehr ergeben.

Der Vorhang ist erneut gefallen bei den Australian Open - jedenfalls für die Zuschauer. Jeweils 30000 Tennisfreunde durften zunächst täglich auf der Anlage von Court zu Court promenieren (die aber nicht ganz kamen), doch seit Freitagnacht, 23.59 Uhr Ortszeit, ist ihr Radius drastisch eingeschränkt. Der gesamte Bundesstaat Victoria ging um Mitternacht in einen "scharfen, kurzen" Lockdown. Fünf Tage soll die Ausganssperre gelten, die Ministerpräsident Daniel Andrews gemäß den Richtlinien der rigorosen Corona-Politik Australiens mit der Erklärung anordnete: "Das ist unsere Chance, unser kurzes Zeitfenster, um das Virus auszuhungern. Denn was es am meisten braucht, ist Bewegung."

Fünf neue Corona-Infektionen wurden bis Freitag in Melbourne entdeckt. Sie stehen in keinem kausalen Bezug zum Tennis. Aber damit hatte sich die Fallzahl in Victoria, einem Bundesstaat mit 6,6 Millionen Einwohnern, auf zwischenzeitlich 13 erhöht. Für Australien, dessen Corona-Statistik phasenweise auf Null sank, das weniger als tausend Todesfälle zu beklagen hatte und sich bei der Pandemiebekämpfung weltweit an der Spitze sieht, bedeuten diese 13 Fälle eine alarmierende Entwicklung. Denn in einem Cluster, das einem Airport-Hotel in Melbourne zugeordnet ist, wurde eine, wie Andrews ausführte, "hyperinfektiöse, sich hyperschnell ausbreitende" britische Virus-Mutante identifiziert. Was die Besorgnis in Australien verstärkt, ist der Umstand, dass eine der ansteckenden Person in einem belebten Flughafen-Café arbeitet, womit die Zahl der Kontaktpersonen unübersichtlich wird.

Kontaktverfolgung ist auf dem Kontinent nach wie vor ein effektives Mittel zur Eingrenzung der Seuche. Vorsorglich gilt in Melbourne deshalb nun ein Landeverbot für internationale Flüge. Für die Bürger, die zuletzt ihrem Alltag nachgehen konnten, in Restaurants saßen, durch Shopping-Malls stromerten, an Stränden lagen, verhängte der Bundesstaat ein Besuchs- und Versammlungsverbot. Schulen werden geschlossen. Niemand darf sich weiter als fünf Kilometer vom Wohnort entfernen. Das Haus zu verlassen, ist nur in dringenden Gründen gestattet, etwa um der Arbeit nachzugehen - womit man wieder beim Tennis wäre.

Das Turnier wird wieder eine Blase - Spieler pendeln nur vom Hotel zur Halle

Denn die Australian Open dürfen weitergehen. Ähnlich wie beim Berufssport hierzulande, etwa in der Fußball-Bundesliga, wird mit der behördlichen Einordnung der Spielstätte als Arbeitsplatz argumentiert, wie Ministerpräsident Andrews erläuterte: "Es handelt sich nicht um Unterhaltung, weil keine Zuschauer zugelassen sind." Turnierdirektor Craig Tiley erklärte die Wettbewerbe wieder zu einer "Blasen-Veranstaltung", so wie die Profis dies aus ihrer 14-tägigen Quarantäne nach der Ankunft im Lande kennen. Sie pendeln nur vom Hotel zur Anlage. Schon vorige Woche kurz vor dem Auftaktmatch hatten sich mehr als 500 Personen 24 Stunden isolieren müssen, weil es einen Positivtest im Spieler-Hotel gab. Die vermeintliche Normalität der ersten fünf Spieltage? Nichts als eine Illusion.

Alexander Zverev, 23, hatte am Morgen aus dem Fernsehen davon erfahren. "Die Gesundheit geht vor. Ein Tennisturnier ist nicht das Wichtigste auf der Welt für die Menschen jetzt gerade", sagte er nach dem souveränen Sieg gegen den Franzosen Adrian Mannarino, 30. Das kommende Achtelfinale gegen den Serben Dusan Lajovic wird vor leeren Rängen ausgetragen, was Zverev trotz allem bedauerlich fand: "Wir spielen für die Momente auf den großen Plätzen vor 20000 Menschen."

Dass jubelnde Massen einen Akteur wie auf einer Woge durch ein Match tragen können, war an diesem Freitag ebenfalls noch einmal zu besichtigen: in der John-Cain-Arena, die der Australier Nick Kyrgios vor seinem Heimpublikum regelmäßig in ein Tollhaus verwandelt. Wie elektrisiert von den Rufen, von den pulsierenden Bässen der Boxen, trieb Kyrgios den US-Open-Sieger Dominic Thiem zwei Sätze vor sich her. Erst im fünften hat er sich geschlagen geben müssen.

Und dann kam in der Night Session der Australian Open das letzte Match des Tages, vielleicht eines der kuriosesten in der Geschichte dieses Turniers. Es duellierten sich der Weltranglistenerste Novak Djokovic, 33, der vermutlich wegen einer Zerrung schwer angeschlagen wirkte, und der zehn Jahre jüngere Taylor Fritz aus den USA - und zwar vier Sätze lang vor gut gefüllten Rängen und einen Satz im Lockdown. Pünktlich um 23.30 Uhr unterbrach der Schiedsrichter die hart umkämpfte Partie mit dem Hinweis, alle Zuschauer müssten bis 23.59 Uhr zu Hause sein. Beide Spieler verließen den Platz. Die Besucher, einige murrend, die meisten einsichtig, wurden von Ordnern aus der Rod Laver Arena komplimentiert. Djokovic, der achtmalige Turniersieger, und Taylor kehrten zurück und nahmen in aller Stille ihr Spiel wieder auf. Djokovics Matchball zum 7:6, 6:4, 3:6, 4:6, 6:2 fiel 20 Minuten nach Mitternacht. Und es hat diesmal niemand applaudiert.

© SZ/klef/moe
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