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Skirennfahrer Ted Ligety:Trotzig durch den Weltcup

ALPINE SKIING FIS WC Final Soldeu SOLDEU ANDORRA 16 MAR 19 ALPINE SKIING FIS World Cup Final; Ligety

"Es macht Spaß, einer der Ältesten im Weltcup zu sein": Ted Ligety traut sich nun sogar wieder Siege zu.

(Foto: Christian Walgram / imago images / GEPA pictures)
  • Jahrelang galt Ted Ligety als das Maß der Dinge im Riesenslalom.
  • Während sich seine ehemaligen Konkurrenten aus dem aktiven Sport zurückgezogen haben, bleibt der US-Amerikaner dem Renngeschehen treu - mittlerweile auch auf einer anderen Tour.

Als die alpine Skisaison vor etwas mehr als einem Monat in Sölden anbrach, als die Reporter vor den ersten Rennen in einem Saal von Athlet zu Athlet zogen wie Ingenieure, die auf einer Baumesse Stand für Stand abklappern - da stand Ted Ligety ein wenig abseits des Rummels. Der Amerikaner trug ein weißes T-Shirt, Jeans und festes Schuhwerk, Letzteres muss man bei ihm ja immer betonen. Es gab schon Jahre, da kreuzte Ligety in Flipflops in Sölden auf, wo es selbst Ende Oktober schon mal ordnungsgemäß fröstelt. Aber man wird ja älter und weiser.

Ted Ligety, 35, aus Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, gab jedenfalls auch sonst keine schlechte Figur ab beim ersten Klassentreffen der neuen Saison. Er beendete den Riesenslalom später als Fünfter, nur 1,09 Sekunden hinter dem Sieger Alexis Pinturault, eine Hundertstelsekunde vor einem 16 Jahre jüngeren Norweger namens Lucas Braathen. Es war ein ordentlicher Tag für Ligety, in der vergangenen Saison hatte er bloß zwei achte Plätze als beste Erträge zusammengekratzt. Aber selbst die jüngsten Auftritte waren eher müde Kopien jenes Ligety, der bis vor fünf, sechs Jahren noch über die Eispisten carvte und allein fünf WM-Titel und zwei Olympiasiege erstand, im Riesenslalom, Super-G, der Kombination. Und der jetzt, da Weggefährten wie Aksel Svindal, Felix Neureuther und Marcel Hirscher TV-Experten, Väter oder wenigstens Ski-Legenden sind, noch immer trotzig durch den Weltcup zieht. Warum eigentlich?

Ein wenig sind die Erinnerungen daran ja schon verblasst: dass die Riesenslaloms früher oft in zwei Rennen zerbrachen. Vor sieben Jahren gewann Ligety in Sölden mal mit 2,75 Sekunden vor Manfred Moelgg, 3,12 Sekunden vor einem gewissen Marcel Hirscher. Die Konkurrenten studierten die Videos seiner Läufe in der Endlosschleife. Ligety fahre "härter und brutaler", urteilte Hirscher damals; tatsächlich nahm der Amerikaner oft weitere Wege und neigte sich mit der Hüfte wagemutiger nach innen. Aber so beschleunigte er mit jedem Schwung etwas mehr, selbst in schwindelerregenden Steilhängen - bis die Knie und der Rücken von den Anstrengungen schwer lädiert waren. Wenn zuletzt von brutaler Neigetechnik, gewaltigen Vorsprüngen und Erfolgen in der Endlosschleife die Rede war, war meist Marcel Hirscher gemeint. Ligety zog derweil die größte Aufregung auf sich, als er im vergangenen Herbst ausplapperte, dass Hirscher sein Karriereende beschlossen habe.

"Er ist zuletzt ja nicht mehr so schnell gefahren", konterte Hischer bei der offiziellen Verkündung, leicht genervt, "so war er wenigstens im Sommerloch präsent."

Ligety unterstützt die Pro Tour in den USA - und übt so bewusst Druck auf die Fis aus

Ligety, in Sölden darauf angesprochen, lächelte die Episode hastig weg. "Wir waren die letzten Jahre gar keine Rivalen, dafür war Marcel viel zu gut", sagte er. Ihm selbst gehe es mittlerweile aber so prächtig wie seit Langem nicht mehr; nach einer Knie-Operation, die seine Saison vor drei Jahren abrupt beendete, und einer Rücken-OP, die seine Saison vor zwei Jahren vorzeitig stilllegte. Und solange "mein Körper wieder mitmacht", habe er bemerkt, "macht es Spaß, einer der Ältesten im Weltcup zu sein".

Er trainiere mittlerweile weniger und schlauer, er werde in diesem Winter auch nur Riesenslaloms bestreiten, aber von denen würde er schon gerne wieder den einen oder anderen gewinnen. Vielleicht ja bereits an diesem Sonntag, beim Heimspiel in Beaver Creek, wo der Deutsche Stefan Luitz vor einem Jahr triumphierte. Außerdem, sagte Ligety, werde er zwischendurch ein paar Rennen der Pro Tour bestreiten, einer US-Serie, die 2017 neu aufgespielt wurde, losgelöst vom Weltcup (und deren neue Saison Mitte Dezember in Vail anbricht). "Man muss diese Alternativen fördern", sagte er, "das setzt den Weltverband auch ein bisschen unter Druck." Ach ja?

ALPINE SKIING OESV training alpine combined ladies HINTERTUX AUSTRIA 18 OCT 18 ALPINE SKIING; Ligety

Dreimal Weltmeister, einmal Olympiasieger im Riesenslalom: Ted Ligety, 35.

(Foto: Andreas Pranter / imago/GEPA pictures)

Die Pro Tour war bis in die Neunzigerjahre ein Hingucker des Wintersports. Jean-Claude Killy, Hansi Hinterseer und Bernhard Knauß rauschten in neonfarbenen Anzügen und mit wehenden Locken über die Pisten, die Prämien waren üppig, der Modus simpel: Zwei Fahrer duellierten sich auf je einem Riesenslalomkurs nebeneinander, der schnellere zog in die nächste Runde ein. "1991 hatte unsere WM in den USA höhere Einschaltquoten als Baseballspiele der New York Yankees", hat sich Mathias Berthold, der ehemalige deutsche Cheftrainer und Pro-Tour-Veteran, einmal erinnert. Berthold erinnerte bei der Gelegenheit auch daran, dass der Weltverband Fis die US-Serie gerne belächelte, in Wahrheit aber ziemlich neidisch war. Als die Fis vor vier Jahren unter Druck geriet, ihre Alpinrennen telegener zu gestalten, entwarf sie dann das Parallelformat. Das erinnerte frappierend an jenes der US-Tour.

"Eine gute Idee", sagt Ligety heute, "aber sie wurde sehr schlecht von der Fis umgesetzt." Die Fis schraubte tatsächlich immer wieder an den Regeln, sie entwickelte verschiedene Modi, den Parallelriesenslalom und den Parallelslalom. Ersterer ist oft packend anzuschauen, bei letzterem sind die Torabstände derart knapp, dass die Fahrer die Torfahnen oft mit den Händen wegstoßen und fast geradeaus Richtung Ziel preschen können. "Furchtbar" sei das, findet Ligety, die Rennen der Pro Tour seien da viel rhythmischer gesetzt. Dass er nun bei der Konkurrenz mitwirke, möchte er auch als sportpolitisches Plädoyer verstanden wissen: "Wenn es nur den Weltcup gibt, muss niemand auf die Fahrer hören", sagt er, das habe die Vergangenheit ja gezeigt: "Dass wir jetzt wieder eine Wahl haben, setzt die Verbände unter Druck, sich auch zu verändern."

Ligety ist als Kritiker bekannt und nicht immer unumstritten; als er vor vier Jahren den von der Fis in Auftrag gegebenen Schutz-Airbag heftig kritisierte, tat er das auch als Eigentümer einer rivalisierenden Ausrüsterfirma. Aber was die Parallelrennen angeht, hat Ligety durchaus Fürsprecher; der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier hatte schon im vergangenen Winter befunden: Wenn man den umstrittenen Parallelslalom nicht bald abschaffe und den Parallelriesenslalom als alleiniges Rennformat etabliere, dann sei "das Parallel-Event an sich irgendwann tot".

Geändert hat sich an den Formaten für diesen Winter bislang übrigens: nichts.

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