bedeckt München

Supercup:Per Bauchklatscher zum fünften Titel

FC Bayern München v Borussia Dortmund - Supercup 2020

Joshua Kimmich (u.l.) erzielt auf dem Bauch das 3:2.

(Foto: Getty Images)

Dank eines spektakulären Tores von Joshua Kimmich zum 3:2 gegen den BVB sichert sich der FC Bayern auch den deutschen Supercup. Beiden Teams ist anzumerken, dass sie nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind.

Von Christof Kneer

Es gab keine Blumen für Javi Martínez, niemand drückte ihm einen Maßkrug in die Hand. Auch war vor Anpfiff dieses Supercup-Spiels kein Vorgesetzter in Sicht, der ihm ein paar warme Worte oder einen corona-gerechten Gruß widmete, dennoch war Martínez nicht enttäuscht. Die Bayern hatten eine interessante Idee entwickelt, ihren langjährigen Leistungsträger zu verabschieden, sie ließen ihn einfach spielen. Martinez' Abschied ist ja immer noch nicht besiegelt, zwar liegt ihm offenbar ein unterschriftsreifer Vertrag von Athletic Bilbao vor, aber anscheinend, das erzählen sie in München, sei Martínez mit seiner Gage noch nicht einverstanden. Nicht ganz auszuschließen, dass der 32-Jährige doch in München bleibt - auch wenn es weiterhin als wahrscheinlich gilt, dass Martínez bis zum Transferschluss am Montag noch die Stadt verlässt.

In jedem Fall war es bezeichnend, dass Trainer Hansi Flick beim 3:2 (2:1) im Supercup gegen Borussia Dortmund einen Profi im Herzen des Spiels postierte, der mindestens schon dreiviertel-weg ist. Zwar wurde einst in diesem Verein hochoffiziell verfügt, dass Fußball keine Mathematik sei, aber Flick muss gerade trotzdem ein paar schwierige Aufgaben lösen. Er muss immer erst mal seine Leute durchzählen, und im nächsten Schritt zählt er dann die Tage, die noch vergehen, bis schon wieder das nächste Spiel ansteht.

Zurzeit kommt Flick bei seinen Rechnereien immer zum selben Ergebnis: dass er rotieren muss. Diesmal hatte er schonungshalber Serge Gnabry auf die Bank verfrachtet und durch den Quarantäne-Rückkehrer Kingsley Coman ersetzt, auch David Alaba musste/durfte angeschlagen draußen bleiben. Leon Goretzka musste mit Rückenproblemen ganz pausieren, er saß immerhin mit einer einwandfreien Wollmütze auf der Tribüne. Außerdem kamen schon vor Spielbeginn keine schönen Nachrichten von Leroy Sané: Laut kicker könnte die Kapselverletzung des Nationalspielers doch etwas gravierender sein als angenommen, statt einer zwei- könnte eine vierwöchige Pause drohen.

Am Ende durften sich die Bayern immerhin mit dem deutschen Supercup trösten, einem offiziellen Titel, dem fünften also nach Meisterschaft, Pokal, Champions League und europäischem Supercup - und mit der Erkenntnis, dass andere Top-Teams unter ähnlichen Belastungen leiden. Auch Lucien Favres Dortmund besteht ja fast nur aus Spielern, die lästigerweise gut genug sind, um im Oktober und November beispielsweise sechs (sechs!) Länderspiele vor sich zu haben. Also hatte sich auch Favre zur großflächigen Rotation entschlossen; im Vergleich zum jüngsten Ligaspiel tauschte er seine Elf auf sechs Positionen, draußen blieben auch die 17-jährigen Jude Bellingham und Giovanni Reyna.

Körperspannung eher auf Fuji-Cup-Niveau

"Was zählt, ist der Titel", sagte Trainer Hansi Flick nach dem Spiel, "wir haben verdient 2:0 geführt und uns das Leben später selber schwer gemacht."

Es war angesichts der Voraussetzungen also kein Wunder, dass diese Partie nicht gleich an den weltberühmten deutschen Klassiker erinnerte, der angeblich bis in die entlegensten Winkel der Milchstraße übertragen wird. Das Spiel erinnerte eher an den Fuji-Cup, der im vergangenen Jahrtausend vor Saisonbeginn als Turnierchen ausgetragen wurde und auch mal Casio-Cup hieß. Flick experimentierte sogar taktisch ein wenig, er ließ Martínez einen defensiven Mittelfeldspieler spielen, der wie ein Libero aus der Fuji-Cup-Ära aussah. Sehr tief hinten drin stand der Baske mitunter, vor ihm bildeten Kimmich und Tolisso eine Art Doppel-Acht. Thomas Müller, den sowohl Thomas Müller als auch Hansi Flick am liebsten im Zentrum besetzen, rannte meistens rechts draußen rum, aus dem einfachen Grund, weil es sonst keinen Außenstürmer im Kader mehr gab. Coman spielte ja links, Gnabry erholte sich auf der Bank, Sané fehlte verletzt.

Die Anfangsphase blieb entsprechend unstrukturiert, bei den Teams lag die Körperspannung eher auf Fuji-Cup-Niveau - im Falle des BVB fatalerweise auch bei einem eigenen Eckball, den sie so verdaddelten, dass Bayern einen hübschen Konter rollen ließ, mit dem man sich im Abendprogramm der Milchstraße nicht genieren muss. Fast alle Bayern durften bei dieser Ganzplatz-Kombination den Ball berühren, am Ende traf Tolisso (18.). Eine knappe Viertelstunde später legten die Bayern nach, Davies' Flanke versenkte Müller recht unbehelligt mit dem Kopf ins Tor (32.)

Was typisch ist für müde Teams: dass Tore gerne nach Fehlern fallen - auch dem Anschluss durch Brandt war ein Fehlpass von Pavard vorausgegangen (39.). Die Dortmunder verdienten sich diesen Treffer quasi nachträglich: In einem unterhaltsamen, aber fehlerreichen Spiel wurden sie immer munterer und kamen vollkommen rechtmäßig zum Ausgleich durch Haaland (55.). Am Ende kam den Bayern ein Klassiker aus der eigenen Hauskultur zu Hilfe: der Führungsspieler. Der auch im Fuji-Cup irre willensstarke Kimmich eroberte an der Mittellinie den Ball, lief, spielte Lewandowski an, bekam den Ball zurück, lief weiter, schoss mit rechts, traf den Torwart - und schaffte das Kunststück, den Ball im Fallen trotz einer Bauchklatscher-Landung über den Torwart zu heben. Mit links. Ein Tor des Jahres, wie man es im Fuji Cup nie gesehen hat, ein Tor, das selbst die Kollegen verblüffte. "Wie er den im Fallen ins Tor chippt ...", staunte Torwart Neuer. Am Sonntag empfangen die Bayern die Hertha in der Bundesliga, und man darf gespannt sein, ob Martínez dann schon weg und ein anderer Spieler vielleicht schon da ist. Laut Bild sind die Bayern an einer Verpflichtung des Hoffenheimers Andrej Kramaric interessiert, der vor wenigen Tagen dem FC Bayern zwei Tore reingelegt hat.

© SZ vom 01.10.2020

FC Bayern
:Noch eine Woche Zeit zum Shoppen

Das 1:4 in Hoffenheim beweist endgültig, dass der Kader des Triple-Siegers zu klein ist. In den letzten Transfertagen müssen nun gleich mehrere Profis kommen.

Von Christof Kneer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite