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Superclásico River vs Boca:"Sie zwingen uns zu spielen"

Polizei gegen Fußballfans in Buenos Aires.

(Foto: AFP)
  • Steinhagel gegen den Bus, Tränengas gegen die Fans, Chaos im Kabinentrakt: Das Rückspiel im Superclásico zwischen River Plate und Boca Juniors wird auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben.
  • Zuvor soll Fifa-Boss Infantino versucht haben, die Teams zur Austragung der Partie zu drängen. Doch die Spieler gehorchen nicht.
  • Der Polizeieinsatz am Stadion wirkte so dilettantisch, dass manche gleich eine Verschwörung witterten.

Von Boris Herrmann, Buenos Aires

River Plate gegen Boca Juniors, das Derby aller Derbys, der Superclásico, es kann eigentlich keinen schlechten Tag für solch ein Fußballspiel geben. Eigentlich. Denn das hier ist Argentinien, und da sollte man sich am besten auf gar nichts verlassen, was selbstverständlich erscheint. Zum Beispiel: Große Endspiele werden einmal terminiert und dann zum gegebenen Zeitpunkt auch ausgetragen.

Bereits das Hinspiel (2:2) in diesem historischen Doppelfinale um die Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, wurde um einen Tag verschoben - weil es regnete. Es regnete aber nicht wie in herkömmlichen Teilen der Welt, in einzelnen Tropfen. Man muss sich das eher wie eine geschlossene Wasserwand vorstellen, die da vom Himmel fiel. Da konnte keiner etwas dafür, außer vielleicht ein gemeiner Fußballgott, von dem nicht wenige bis dahin annahmen, dass er Argentinier sei.

Nun also das Rückspiel, für das kein Superlativ mehr groß genug erschien. Vom "Finale des Jahrhunderts" war die Rede, bisweilen auch vom "Finale der Welt". Fest steht wohl, dass die weltweite Anteilnahme am argentinischen Klubfußball noch nie so groß war wie an diesem Wochenende. Was sich am Samstag aber vor den Augen dieser Welt ereignete, war alles, bloß kein Finale. Es war eine Schmach von einer Dimension, wie sie dieses Land selten erlebt hat. Diesmal wurde das Spiel nicht durch Platzregen, sondern durch einen Steinhagel verhindert. Eine Gruppe von River-Fans hatte den Mannschaftsbus von Boca bei der Anfahrt zum Stadion angegriffen. Scheiben gingen zu Bruch, mehrere Spieler wurden von Glasscherben verletzt, zwei mussten im Krankenhaus behandelt werden, darunter Kapitän Pablo Pérez.

Beide Teams verständigten sich, nicht anzutreten

Die Polizei setzte am Tatort Tränengas ein, traf damit aber offenbar nicht nur die Randalierer, sondern auch die Opfer der Attacke. Sechs Spieler von Boca mussten sich nach Angaben des Vereins übergeben. An ein reguläres Fußballspiel war schon da nicht mehr zu denken. Fifa-Boss Gianni Infantino und Alejandro Domínguez, der Präsident des Kontinentalverbandes Conmebol, drängten hinter den Kulissen aber offenbar darauf, dass trotzdem gespielt werden müsse. Rund vier Stunden eines einzigartigen Chaos im Kabinentrakt, auf den voll besetzten Rängen und vor dem Stadion vergingen, ehe die Fußballbosse endlich einsahen: Es geht heute wieder nicht. Beide Teams hatten sich da längst verständigt, unter diesen Bedingungen nicht anzutreten. Lokale Medien sprachen übereinstimmend von einem "papelón", das ist der argentinische Superlativ für eine Farce, die größte anzunehmende Peinlichkeit.

Auch dieses Rückspiel in River Plates Estadio Monumental, dem Ort des WM-Finales von 1978, war schon vorab mehrmals hin- und hergeschoben worden wie eine Schachfigur. Laut Rahmenterminkalender sollte es am kommenden Mittwoch stattfinden. Weil sich zwei Tage später in Buenos Aires aber die Regierungschefs der G20 treffen, wurde es "aus Sicherheitsgründen" auf den Samstag vorgezogen. Anschließend ging es darum, ob es wegen "drohenden Einbruchs der Dunkelheit" lieber um 16 Uhr statt um 17 Uhr angepfiffen werden sollte. Rund 24 Stunden vor dem Start einigte man sich auf 17 Uhr. Am vermeintlichen Spieltag wanderte der Anpfiff nach der Bus-Attacke zunächst auf 18 Uhr, dann auf 19.15 Uhr. Um 19.23 Uhr wurde schließlich die Veranstaltung abgeblasen. Boca beantragte daraufhin, auch den zunächst geplanten Ausweichtermin am Sonntag zu streichen. Außerdem wolle man gerne auch gleich den Pokal überreicht bekommen, kampflos. Der südamerikanische Verband ließ sich darauf, wenig überraschend, nicht ein, am Sonntag verschob er allerdings auch den Nachholtermin auf unbestimmte Zeit. Schon am Samstag machte der nächste Superlativ die Runde: das längste Finale der Welt.

In den bisherigen 246 offiziellen Begegnungen zwischen den beiden Großklubs aus Buenos Aires hat es unzählige Skandale gegeben: irrsinnige Schlachten, dreiste Schlawinereien, wüste Beschimpfungen, Spiele mit sechs Platzverweisen, Angriffe mit Pfefferspray, Verletzte und Tote. Auch deshalb sind im argentinischen Fußball seit 2013 keine Auswärtsfans mehr zugelassen. Diesmal schafften es ein paar verirrte Anhänger des Gastgebers auch alleine, das Spiel der Spiele zu kippen. Das wirft auch ein extrem schlechtes Licht auf die Regierung von Staatspräsident Mauricio Macri, der als Auswärtsfan von Boca Juniors übrigens auch nicht im Stadion sein durfte.

Viele fragen sich jetzt: Wie soll sein Land am nächsten Wochenende die Durchführung des extrem umstrittenen G20-Gipfels im Zentrum von Buenos Aires sichern, wenn es mit der Organisation eines Fußballspiels heillos überfordert ist?

Infantino soll Boca gedroht haben

Tatsächlich wirkte der Polizeieinsatz am Stadion so dilettantisch, dass manche eine Verschwörung witterten. Die Hauptzufahrtsstraße zum Stadion war weiträumig abgesperrt, der Boca-Bus wurde aber über eine andere Route eskortiert - direkt an den River-Ultras vorbei, in den Steinhagel hinein. Ein kleines Wunder war, dass hinter den zersplitterten Seitenfenstern kein Spieler schwerer verletzt wurde.

Das alles geschah keine 200 Meter vom Stadion entfernt, wo die meisten der 66 000 Zuschauer bereits seit 13 Uhr in der brennenden Sonne auf den Anpfiff hinfieberten, ohne Informationen, weshalb sich alles verzögerte - und wohl auch ohne eine Ahnung davon, welche Szenen sich gerade in den Kabinen abspielten.

Da soll etwa Infantino Bocas Team angedroht haben: "Wenn ihr nicht spielt, verliert ihr" (was die Fifa bestritt). Selbst als Pablo Pérez mit Augenverband aus dem Krankenhaus zurückkehrte, sollte die Show weitergehen. Gegen 19 Uhr lief sich das Schiedsrichtergespann warm, zur Musik von Rocky. Bocas Sturmveteran Carlos Teves schimpfte: "Sie zwingen uns zu spielen." Nach der neuerlichen Absage am Sonntag wurde zunächst der 8. Dezember als Ausweichtermin gehandelt.

Das vielleicht traurigste Ergebnis dieses Wochenendes lautet: Die Frage, wer dieses Finale in Überlänge am Ende gewinnen würde, ist fast schon zweitrangig.

© SZ vom 26.11.2018/ebc
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