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Super Bowl:Coach Arians, der Quarterback-Flüsterer

NFL: Super Bowl LV-Kansas City Chiefs vs Tampa Bay Buccaneers

Zwei, die sich gut verstehen: Tampas Spielmacher Tom Brady (links) und sein Coach Bruce Arians feiern ihren Super-Bowl-Sieg.

(Foto: Mark J. Rebilas/USA Today Sports/Reuters)

Die Tampa Bay Buccaneers haben den alten Trainer Bruce Arians mit der Spielmacher-Legende Tom Brady zusammengebracht. Dass die beiden auf Anhieb den NFL-Titel gewinnen, ist ein Plädoyer für mehr Risiko.

Von Jürgen Schmieder

Bruce Arians hat im Juli 2017 ein Buch veröffentlicht. Er hatte seine Karriere als Trainer im American Football gerade beendet, nach 42 Jahren hatten sich Erfahrungen angesammelt, die er teilen wollte. Es steht alles drin, was man über die Spielphilosophie des heute 68-Jährigen wissen sollte. Zum Beispiel: "Es ist mir völlig gleichgültig, ob wir nur ein paar Yards Raumgewinn brauchen - wenn unser bester Receiver steilgeht und nur von einem Gegenspieler bewacht wird, dann wirf den verdammten Ball zu ihm."

Die Leute analysieren Sport heutzutage per Laptop, statt Büchern lesen sie Einträge auf Twitter. Um den Plan der Tampa Bay Buccaneers auf dem Weg zum Super-Bowl-Gewinn zu dechiffrieren, hätte der altmodische Weg gereicht: Es steht alles im Buch von Bruce Arians, der 2019 seinen Rücktritt vom Rücktritt erklärt und am Sonntag zum ersten Mal als Cheftrainer den Titel in der National Football League (NFL) gewonnen hat. Noch ein Beispiel: "Ich gebe meinem Spielmacher immer zwei Varianten, je nachdem, wie sich die Defensive aufstellt: eine für das First Down und die andere für einen Touchdown."

Also dann: Super Bowl, Ende der ersten Halbzeit, weniger als eine Minute zu spielen, die Buccaneers brauchen noch etwa 25 Yards für einen Field-Goal-Versuch und die Chance auf drei Punkte. Jeder, der was vom American Football versteht (und das Buch von Arians nicht gelesen hat), rechnet in so einer Situation mit kurzen Pässen zur Seitenlinie. Nur: Mike Evans, der beste Receiver des Teams, geht steil und wird von nur einem Gegner bewacht. Spielmacher Tom Brady wirft den Ball, Evans wird gefoult, 34 Yards Raumstrafe. Drei Spielzüge später erreicht Tampa die Endzone, zur Halbzeit steht es: 21:6. Ein Schock, von dem sich die Kansas City Chiefs nicht mehr erholen, am Ende gewinnt Tampa ungefährdet 31:9.

Fast alle waren sicher, dass es nicht klappen würde mit den beiden

"The Quarterback Whisperer" heißt das Werk von Bruce Arians, er hat sich den Ruf, gute Spielmacher noch besser zu machen, durch die Zusammenarbeit mit legendären Quarterbacks wie Peyton Manning, Andrew Luck und Ben Roethlisberger verdient. Er hat im Buch auch über den seiner Meinung nach idealen Spielgestalter geschrieben: "Es ist was, das man nicht sehen kann. Er muss ein großes Herz haben, das eines Löwen. Eines, das für die gesamte Franchise schlägt. Er muss nicht der beliebteste Mensch in der Umkleidekabine sein; aber er sollte besser von jedem einzelnen Kollegen respektiert werden."

Kann es sein, dass Arians damals schon Tom Brady beschrieben hat, mit dem er nun gleich in der ersten gemeinsamen Saison den Titel geholt hat?

Brady, 43, war im Sommer nach 20 Spielzeiten von den New England Patriots gekommen, und viele, die was von Football verstehen und vielleicht auch das Buch gelesen hatten, waren sicher, dass das nicht klappen würde. Zumal Arians geschrieben hatte: "Erfahrene Spielmacher tun sich schwer mit Risiko, sie wählen lieber den einfachen, sicheren Pass." Und genau das war Brady ja: ein erfahrener Quarterback, von dem es hieß, dass er keine so langen Pässe mehr werfen könne wie einst - und deshalb nicht zu Arians passe. Im November kämpften die Buccaneers mit einer Bilanz von 7:5 Siegen um die Playoff-Teilnahme, und Arians sagte etwas geradezu Blasphemisches: Er erwarte sich von Brady etwas mehr Biss.

Tampa Bay Buccaneers quarterback Tom Brady and Tight End Rob Gronkowski celebrate after defeating Kansas City Chiefs in

Noch zwei, die sich gut verstehen: Tom Brady und Rob Gronkowski (links) sind nun das Duo mit den meisten Touchdowns in den NFL-Playoffs.

(Foto: Kevin Dietsch/UPI/Imago)

Schnellvorlauf zum Halbfinale bei den Green Bay Packers: Die Buccaneers hatten nach dem Brady-Rüffel von Arians kein Spiel mehr verloren und in den Playoffs zweimal auswärts gesiegt, nun brauchten sie noch etwa zehn Yards für einen Field-Goal-Versuch und die Chance auf drei Punkte. Scotty Miller ging steil und wurde von nur einem Gegner bewacht. Brady warf einen präzisen 39-Yard-Pass, Touchdown. 21:10.

Bruce Arians liebt dieses Risiko, und er hat in Tampa in Person von Jason Licht einen Manager, der bereit ist, es mitzutragen. Es ist ein Risiko, einen 43 Jahre alten Star zu holen und von ihm zu verlangen, sich spielerisch noch einmal umzustellen. Es ist auch ein Risiko, dessen Kumpel Rob Gronkowski aus dem Ruhestand zu holen: Während der durch die Corona-Pandemie beeinträchtigten Vorbereitung hatte Gronkowski einmal Sprints geübt, dabei die Shirts gewechselt - und dem Team dann jeden Tag ein neues Video von der Session als vermeintlichen Beleg seines Trainingsfleißes geschickt. Ein Passempfänger der Kategorie Spaßvogel also. Und es war ein weiteres Risiko, den Passempfänger Antonio Brown zu holen, der abseits des Feldes so viele Probleme hatte, dass ihn niemand sonst haben wollte.

Der Coach gibt seinem Spielmacher nur einen Hinweis: gerne Risiko, niemals Angst!

Arians ist nicht nur Quarterback-Flüsterer, sondern ein grundsätzlicher Spielerversteher, seine Philosophie fasst er so zusammen: "Wenn einer schlecht spielt, kriegt er eine Umarmung und ein Bierchen. Wenn einer gut spielt, kriegt er ein Bier und eine Umarmung." Über seine Kritik an Brady sagte er, dass er nun mal ehrlich sein müsse. Wahrscheinlich hatte Brady genau das hören müssen, um seine neue Mannschaft zum Titel zu führen. Der einstige Arians-Schützling Roethlisberger sagte es so: "Er coacht jeden, wie er gecoacht werden muss."

Sportlich bedeutete das: Arians nahm sich bei der Auswahl der Spielzüge zurück, weil er dem erfahrenen Brady vertraute, es gab nur einen Hinweis: gerne Risiko, niemals Angst! "Ein Quarterback muss diese Zuversicht ausstrahlen, dass der nächste Spielzug ein Touchdown sein könnte", schreibt er in seinem Buch, und in der ersten Playoff-Runde gab es im ersten Viertel diesen Moment, in dem Brady nach links blickte für einen einfachen Pass. Brown jedoch ging steil nach rechts und war völlig frei. Brady warf einen 36-Yard-Pass, Touchdown. Im Finale schaffte Brown erneut einen Touchdown.

Tampa Bay Buccaneers head coach Bruce Arians holds the Vince Lombardi Trophy after the Buccaneers defeated the Kansas C

Meisterstück: Buccaneers-Chefcoach Bruce Arians, 68, mit der Vince Lombardi Trophy, der Auszeichnung für den NFL-Champion.

(Foto: Kevin Deitsch /UPI/Imago)

Beim Super Bowl profitierten die Buccaneers freilich auch von den Fehlern der Chiefs. Die leisteten sich immer dann Fouls, wenn sie die Partie hätten drehen können, bei einem Field-Goal-Versuch der Buccaneers oder bei einer Interception, einem abgefangenen Pass.

Vor allem aber wirkten sie erstaunlicherweise so, als würden sie weder das Buch von Arians noch die Karriere von Brady kennen. Der alte Quarterback warf diesmal gleich zwei Touchdown-Pässe zu Gronkowski - die beiden lösten damit das legendäre Gespann der San Francisco 49ers mit Joe Montana und Jerry Rice als Duo mit den meisten Playoff-Touchdowns ab. Brady provozierte Kansas Citys Abwehr-Ass Tyrann Mathieu auch zu einem kleinen Ausraster (beide wollten danach nicht verraten, was genau gesagt worden war). Und Brady ging immer wieder das von Arians geforderte Risiko ein.

Es kann gewaltig scheitern, wenn zwei erfahrene Männer mit unterschiedlichen Philosophien aufeinandertreffen - jedoch nicht, wenn der eine ein Spielerversteher ist und der andere bekannt dafür, alles dem Erfolg unterzuordnen, auch das eigene Ego. Im Buch schreibt Arians, er habe all das während seiner Zeit als Barkeeper am College gelernt. Der Studentenjob von Manager Licht: Bartender. Kein Wunder, wie die beiden nach diesem Finale gemeinsam in der Kabine standen, Licht zeigte das Foto später bei Twitter. Es gab ein Bier und eine Umarmung.

© SZ/moe/klef/cca/mp/jki
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