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Super Bowl:Wie die Chiefs sich ihr Loch selbst schaufeln

Die Offensiv-Maschine von Kansas City gilt als Attraktion, schafft aber ausgerechnet im Super Bowl keinen einzigen Touchdown. Die Defensive lässt sich Strafe um Strafe anhängen.

Von Fabian Dilger

Den letzten Akzent, das letzte große Ausrufezeichen des Super Bowls hatten sie sich verdient: Die Defensive der Tampa Bay Buccaneers hatte kurz vor Spielende gerade einen Pass abgefangen, dann reihten sich die großen Männer vor den Fernsehkameras zum Jubel auf. Blick direkt in die Linse, Helme abgezogen, die Armbewegungen voller Kraft, die Brust aufgeplustert mit Selbstbewusstsein - ein Moment im größten Rampenlicht des Weltsports, ein Augenblick, der normalerweise so oft den Offensivstars gehört.

Patrick Mahomes gegen Tom Brady. Junger Quarterback gegen alten Quarterback, zwei High-Power-Offensiven, Punkte und Touchdowns en masse. Das war vor dem Super Bowl erwartet und geschrieben worden. Aber entscheidend in diesem Finale waren dann die beiden Defensivleistungen.

Strafe um Strafe um Strafe kassierten die Chiefs

Die Kansas-City-Defensive hat in den meisten Football-Partien eine angenehme Job-Beschreibung. Solide bis unauffällig spielen, ein bisschen was darf man auch hergeben, das reicht in der Regel, wenn die eigene Offensive durchschnittlich 30 Punkte vorlegt. In der ersten Halbzeit waren es dann aber zu viele gute Gaben, die die Chiefs den Buccaneers auf den Geschenketisch legten: Strafe um Strafe um Strafe kassierten die Chiefs und packten sich so einen gehörigen Rückstand auf den Buckel. 95 Yards Raumverlust gab es für Kansas allein in Hälfte eins, Rekordwert in einem Super Bowl. Und einige dieser Flaggen (Schiedsrichter werfen sie auf das Feld, um eine Strafe anzuzeigen) waren richtig teuer.

Beispiel eins: Eigentlich hatte Chiefs-Safety Tyrann Mathieu den abgefälschten Pass von Brady schon abgefangen. Die Chiefs hätten beim Stand von 3:7 im zweiten Viertel den Ball für einen eigenen Angriffsversuch bekommen. Dann pfiffen die Schiedsrichter Mathieu zurück: Sie hatten ein unerlaubtes Halten von Chiefs-Verteidiger Charvarius Ward gesehen. Eine kleinliche Regelauslegung.

Beispiel zwei, anschließend an die zurückgenommene Interception: Tampa Bay schießt ein Field Goal für drei Punkte. Chiefs-Cornerback Anthony Hamilton steht verbotenerweise aber ein Stück weiter vorne als seine Teamkollegen, seine Schlappen ragen in die neutrale Zone. Das gibt einen neuen Versuch für Tampa Bay, der für den Touchdown zum 14:3 sorgt.

Beispiel drei: Sekunden vor dem Halbzeitpfiff. Wieder steht Mathieu im Blickpunkt. Bei einem Passversuch in die Endzone pfeifen die Schiris eine Passbehinderung, Mathieu soll Empfänger Mike Evans zu sehr geklammert haben. Das Problem: Der Pass von Brady hätte Evans wohl nie erreicht, eigentlich Voraussetzung für eine solche Strafe. Wieder neuer Versuch für Brady, der daraus den Touchdown zum 21:3 macht. Hinterher geht Mathieu ins Face-to-Face mit dem Quarterback, vermutlich für einen direktes Fachgespräch zu Regelfragen.

Die Buccaneers lassen keinen einzigen Touchdown der Chiefs zu

Das tiefe Loch buddelten die Chiefs also fleißig selbst. Doch dass es keinen Weg heraus gab, dafür sorgte die Defensive von Tampa Bay, die den Super Bowl letztlich entschied. Eigentlich galt seit Jahren die Faustregel: Die Offensiv-Maschine von Kansas City kann man nur verlangsamen, nie ganz aufhalten. Egal, welche Strategie ausgewählt wird, irgendeinen Tod muss man gegen das Offensiv-Trio Patrick Mahomes, Travis Kelce und Tyreek Hill immer sterben. Schlagen sie dich nicht mit tiefen Pässen, kommen sie im Kurzpassspiel oder mit Läufen zu ihrem Raumgewinn.

Die Buccaneers schafften zum wichtigsten Zeitpunkt dann das, was in dieser Saison keine andere Defensive geleistet hatte: Sie ließen keinen einzigen Touchdown der Chiefs zu. Vielmehr würgten sie das Offensivspiel von Kansas City über weite Strecken auf konzentrierte Art und Weise ab. Die Schlüssel dazu: Eine aufmerksame Deckung mit blockierten tiefen Passrouten, die Mahomes wenig Entscheidungsspielraum gab. Noch wichtiger aber war der Druck, den die Defensive Line auf den jungen Quarterback generierte, insbesondere die Männer in vorderster Front. Eine Hand am Hals und dann der Tritt zwischen die Beine.

Ein Spiel gegen den Trend

Die beiden Buccaneers-Verteidiger Jason Pierre-Paul und Shaq Barrett spielten ein ums andere Mal Fangen mit Mahomes. Der konnte sich zwar trotz angeknacksten großen Zehs einige Male herauswieseln, aber letztendlich war es zu viel Druck und zu wenig Zeit für den Spielmacher, um genügend Möglichkeiten zu kreieren.

Ursächlich dafür war die horrende Vorstellung seiner Offense Line. Da die Chiefs aufgrund einiger Verletzungen hier mit einer Rumpftruppe aus überwiegend Ersatzspielern ins Finale gingen, waren Probleme für Mahomes Bodyguards zu erwarten. Dass es so furchtbar wurde, überraschte auch die Experten in den sozialen Medien. Football-Podcaster Christoph Kröger verpasste der Übertragung den Stempel des Jugendschutzes: "Dieser Offense Line wird so dermaßen der Arsch versohlt, das darfste eigentlich so nicht senden. FSK18." Und US-Analyst Aaron Schatz brachte es auf den Punkt: "Die Front Four von Tampa Bay gewinnt dieses Spiel."

Ein Spiel, das primär über die Defensive entschieden wird, folgt nicht dem aktuellen NFL-Trend und erlaubt genau deswegen wenig Schlussfolgerungen für die Zukunft. Es war eben das schwächste Spiel der Kansas-City-Offensive seit Beginn der Ära von Patrick Mahomes, ein Ausreißer. Doof nur, dass es zum schlechtesten Zeitpunkt kam. Die Chiefs werden auch nächstes Jahr wieder als Favorit in die NFL-Saison gehen, Mannschaften werden weiterhin mehr Ressourcen in die Offensive stecken. Aber der Moment im Rampenlicht, die 15 Sekunden ganz für sich, die bleiben der Buccaneers-Defensive für immer.

© SZ/schm/and/tbr
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