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Tampa Bay gewinnt den Super Bowl:Mount Brady

Die Tampa Bay Buccaneers schlagen die Kansas City Chiefs überraschend deutlich mit 31:9. Tom Brady holt zum siebten Mal den Super Bowl und zementiert seinen Ruf als bester Quarterback der Geschichte.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt solche Tage, und Tyrann Mathieu ahnte bereits kurz vor der Halbzeit des Super Bowl, dass dies so ein Tag war. Der Verteidiger der Kansas City Chiefs hatte einen Pass von Tom Brady abgefangen, er hatte dem gegnerischen Quarterback ein paar böse Worte ins Ohr geflüstert, und er hatte die Tampa Bay Buccaneers zwei Mal vor der Endzone gestoppt. Eine grandiose Vorstellung eigentlich, garniert mit ein paar Beleidigungen für den Gegner; nur geht es beim Football nicht nur um dieses Lederei, sportliche Leistungen und scharfe Sätze, es geht manchmal auch um: gelbe Tücher.

Die werfen die Schiedsrichter, wenn sie ein Foul entdeckt haben, und das taten sie beim Super Bowl sehr häufig genau dann, wenn Mathieu vermeintlich Spielentscheidendes gelungen war. Bei der Interception: Flagge gegen den Mitspieler wegen Haltens. Beim Field-Goal-Versuch von Tampa Bay: Abseits. Nach dem Verhindern des Touchdown-Passes: Flagge wegen Passbehinderung. Wegen des Trash Talks: Foul gegen Mathieu. Alles keine Fehlentscheidungen, weshalb Mathieu ob des 6:21-Rückstandes zur Halbzeit wohl eher sauer auf sich selbst war und seinen Helm auf den Boden pfefferte und wild fluchte.

Spätestens jetzt war klar, dass dieses Finale nicht unbedingt auf dem Rasen, sondern vor allem in den Köpfen der Akteure entschieden wird, und das sah so aus: In Mathieus Kopf saß ein hämisch grinsender Brady, in den Gehirnen der anderen Chiefs-Verteidiger feierte der ohnehin verrückte Rob Gronkowski (zwei Touchdowns in der ersten Halbzeit) eine Party, vor Mahomes' Augen tanzten Tampa-Verteidiger um die möglichen Anspielstationen herum. Es war so ein Tag.

Die Buccaneers gewannen diese Partie am Ende mit 31:9 und damit zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte (2003) den Super Bowl. Es war, wenn man so will, mal wieder ein typischer Tom-Brady-Super-Bowl, der dieses Finale zum zehnten Mal erreichte und nun zum siebten Mal gewonnen hat. Er fügte seiner eigenen Statue auf dem Mount Rushmore des Football (wo neben ihm Joe Montana, Johnny Unitas und Brett Favre angebracht sind) ein paar Kerben hinzu, dass man es mittlerweile den Mount Brady nennen müsste: Ihm gelang der 14. Karriere-Playoff-Touchdown-Pass auf Kumpel Gronkowski (und damit mehr als das legendäre Duo Montana / Jerry Rice) oder der, ja wirklich, erste Touchdown-Pass im ersten Viertel des Super Bowl. "Wir sind im richtigen Moment zusammengekommen. Das Team ist für immer Champion, das kann uns keiner mehr nehmen", sagte Brady.

Brady findet Gronkowski - Touchdown

Brady schaffte keinen wahnwitzigen Lauf oder Wurf, wie man das von Kontrahent Mahomes erwartet hatte (dem das jedoch auch nicht gelang) - er tat vielmehr, was er in diesen großen Spielen immer tut: Er war der General seiner Offensive, er führte seine Truppen umsichtig und fehlerfrei über das Spielfeld und regelmäßig zu Punkten. Vor allem aber machte er es sich in den Köpfen der Gegner gemütlich, wie er das schon so lange tut. Der Strafe für Mathieu etwa ging eine Provokation von Brady voraus, nach den Flüchen des Gegners tat er so, als wäre er heftig beleidigt worden. Als er dann vom Spielfeld trottete, lächelte er, weil er ganz genau wusste: Hab' ich dich!

Er hatte ihn schon vorher, so wie er die komplette Chiefs-Defensive schon vorher hatte; die Angriffsserie vor dem zweiten Touchdown-Pass auf Gronkowski Mitte des zweiten Viertels steht symbolisch dafür, was passierte an diesem Sonntagnachmittag. Sie begann mit Raumverlust, nach einem kurzen Pass gab es die Interception von Mathieu - doch: Flagge. Danach wieder nur wenig Raumgewinn, es hätte drei Punkte für ein erfolgreiches Field Goal gegeben - doch: Flagge. Die Serie wurde also zwei Mal ohne Heldentat von Brady fortgeführt, die kam direkt danach: ein wie an der Schnur zu Gronkowski geworfener Ball über 17 Yards. Also: sieben Punkte statt drei oder gar Ballverlust.

Die Chiefs verhalten sich teilweise tölpelhaft

Für Brady war es eben auch mal wieder einer jener Tage, von denen er in seiner glanzvollen Karriere schon so viele erlebt hatte, und natürlich wurde er (drei Touchdowns, 201 Yards Raumgewinn) zum fünften Mal in seiner Karriere zum wertvollsten Spieler des Super Bowl (natürlich ist auch das Rekord) gewählt. "Du bist eine Legende", sagte sein Gegenüber Mahomes noch auf dem Spielfeld anerkennend.

Brady musste die Partie nicht gewinnen, es war vielmehr so, dass die Chiefs sie verloren - defensiv mit diesen teils tölpelhaften Strafen, und in der Offensive durch den Verzicht darauf, was sie gewöhnlich zur gefährlichsten Mannschaft der Liga werden lässt: das Anpassen an die Strategie der gegnerischen Defensive. Das klappte überhaupt nicht, es war so ein Tag, und um dieses Bild zu komplettieren, warf Mahomes kurz vor dem Ende noch einen Ball in die Hände eines Gegners.

Die Buccaneers taten das, was wohl auf dem Strategie-Zettel aller Experten gestanden hatte: Sie setzten Mahomes permanent unter Druck, die bevorzugte Anspielstation Tyreek Hill nahmen sie in Doppeldeckung. Das führt gewöhnlich dazu, dass Mahomes Alternativen findet, doch in dieser ersten Halbzeit waren die Attacken auf ihn derart präzise, dass er fast keine Zeit hatte, nach den anderen Varianten Ausschau zu halten. Mahomes warf öfter in Schieflage oder im Fallen als aufrecht. Oder, in Zahlen: Das Team, das in dieser Saison inklusive Playoffs 66 Touchdowns geschafft hatte (also 3,6 pro Partie), erreichte in diesem Spiel nicht ein Mal die gegnerische Endzone.

"Wir wussten, dass das passieren würde, oder?", rief Brady den 25 000 Zuschauern zu, als er die Trophäe überreicht bekam und sogleich an seine Tochter übergab. Es war mal wieder so ein Tag für ihn, und was er danach sagte, das dürften alle künftigen Gegner durchaus mit Sorge vernommen haben: "Wir kommen wieder - aber das wusstet ihr doch schon!"

© SZ/schm/and
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