Zweite Fußball-Bundesliga:Heitere Momente mit Marktschreier und Ministerpräsident

SSV Jahn Regensburg v 1. FC Nürnberg - Second Bundesliga

Packender Oberpfalz-Mittelfranken-Clash: Zweikämpfe, hier mit Regensburgs Steve Breitkreuz (oben) und dem Nürnberger Enrico Valentini (dahinter), gab es genügend zu sehen.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

In einem packenden Fußballspiel trennen sich der SSV Jahn Regensburg und der 1. FC Nürnberg 2:2. Der Jahn bleibt damit Überraschungs-Spitzenreiter - der Club dank einer entscheidenden Traineridee kurz vor dem Ende ungeschlagen.

Von Johannes Kirchmeier, Regensburg

Der Regensburger Stadionsprecher holte am Sonntag noch einmal tief Luft, dann schrie er den einmarschierenden Fußballern entgegen: "Zweite Bundesliga. Fußballherz", mit langem "uuuuuuuu", "was willst du mehr?" Das sollte natürlich eine rhetorische Frage sein, klar. Stadionsprecher sind aber auch so etwas wie Marktschreier mit Mikrofon, da ist generell Vorsicht geboten. Nicht jede angepriesene Forelle am Fischmarkt ist auch wirklich frisch - und das Fußballspiel folgte ja erst noch.

Die Versuchsanordnung: Der kleine Tabellenführer SSV Jahn Regensburg empfing den größeren Nachbarn aus dem Norden, den 1. FC Nürnberg, der so gut wie seit 21 Jahren nicht in die Zweitliga-Saison gestartet war. Und in diesem Fall blieb nach der Durchführung des Versuchs festzuhalten: Marktschreier Christian Sauerer hatte nicht übertrieben. Es war von der ersten Sekunde an bis in die Nachspielzeit ein packender Oberpfalz-Mittelfranken-Clash, der einem Derby, was das Spiel ja für beide Fangruppierungen ob der Duelle mit anderen Vereinen ausdrücklich nicht ist, empfindlich nahekam. Mit Torchancen, einer roten Karte - und prächtigen Treffern auf beiden Seiten. "Eine unterhaltsame, kurzweilige Partie vor einem tollen Publikum", sagte Club-Coach Robert Klauß und grinste auch weit nach dem Spiel noch. Da erlebte sogar der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in für die Union gerade kargen Umfrage-Zeiten mal ein paar heitere Momente auf der Tribüne. Als Club-Fan ging es ihm aber so wie aktuell im Wahlkampf: Er ging mit einem mittelprächtigem Gefühl nach dem 2:2 (1:1). Der Jahn bleibt Überraschungs-Spitzenreiter, der Club als Sechster nach sechs Spielen immerhin ohne Niederlage.

Der plötzlich wasserstoffblondierte Lino Tempelmann bringt den Club mit seinem zweiten Profitor in Führung

Zuletzt trafen sich die Nachbarn bei Bitterkälte und Schneefall im Januar ohne Fans im weitläufigen Max-Morlock-Stadion, jetzt bei Sonnenschein im Spätsommer im engen Jahnstadion-Schachterl vor 10 105 Zuschauern. Schon in der ersten Minute erzwang der SSV-Flügelstürmer Jan-Niklas Beste die erste gelbe Karte für Johannes Geis. Kurz darauf schaffte es Beste im Strafraum nicht mehr, querzulegen für den zum Torschuss bereiten früheren Clubberer Sarpreet Singh (5. Minute).

Einen kurzzeitigen Dämpfer erlebten die Regensburger, als Lino Tempelmann plötzlich frei durch ihren Strafraum lief: Nach einer Flanke von Mats Möller Daehli erzielte der 22-Jährige per Kopf das 1:0 (19.), sein zweites Profitor nach dem Treffer vor zwei Wochen gegen Karlsruhe. "Ein guter Typ, der sich gut eingelebt hat und unsere Abläufe verstanden hat", lobte Klauß den Mittelfeldspieler, der seine Haare zuletzt wasserstoffblondierte.

Den Jahn zeichnet in dieser Saison aus, auch nach Rückschlägen mit Toren kontern zu können. Er hat die meisten Treffer der Liga erzielt (14) - und näherte sich nach und nach wieder dem Club-Kasten an. Ehe schließlich ein langes, lautes "Jaaaa" das rote Rechteck durchströmte und die Oberpfälzer auf dem Rasen und den Tribünen wild umherhüpften. Zuvor zog der SSV-Sechser Max Besuschkow 18 Meter vor dem Tor von der linken Seite nach innen und traf zum 1:1 ins rechte Eck (38.). Noch euphorisiert starteten die Oberpfälzer als besseres Team in Hälfte zwei. Da brauchte der FCN-Torwart Christian Mathenia schon seine ganze Arm- und Fingerlänge, um das 1:2 nach einem Weitschuss von Benedikt Gimber zu verhindern (46.). Doch der Jahn-Torschrei war nur aufgeschoben: Der nächste Linksschütze, Erik Wekesser, schoss einen 20-Meter-Freistoß von rechts traumhaft über die Mauer hinweg ins Kreuzeck (52.).

"Nach einem Rückstand hier in Regensburg zurückzukommen, ist gut. Das schaffen nicht so viele", sagte Klauß

Selimbegovics Team sah wie die Siegermannschaft aus, kickte solide weiter, der Coach warnte aber schon vor der Partie: "Wenn du solche Mannschaften stressen willst, musst du es mit Überzeugung machen." Die kam abhanden - und auf der anderen Seite hatte Klauß eine gute Idee: Er schickte in Mittelstürmer Manuel Schäffler einen entscheidenden Mann der wilden Schlussminuten in die Partie. Der gebürtige Fürstenfeldbrucker störte Jahn-Keeper Alexander Meyer erst am Fünfmeterraum, sodass der den Ball nicht festhalten konnte. Nikola Dovedan schnappte sich die Kugel und schoss das 2:2 (79.). "Nach einem Rückstand hier in Regensburg zurückzukommen, ist gut. Das schaffen nicht so viele", sagte Klauß.

Sein Team hatte weitere Chancen: Nach einer Ecke scheiterte erst Tim Handwerker per Kopf an Meyers Oberkörper, Asger Sörensen setzte den Nachschuss übers Tor (83.). Und dann stürmte der eingewechselte Taylan Duman nach einer Schäffler-Vorlage plötzlich alleine auf Meyer zu. Wieder rettete dessen wuchtiger Torwartkörper (89.). Nur Sekunden darauf grätschte Schäffler an der Seitenlinie im Übermut und mit Anlauf in Jahn-Verteidiger Konrad Faber. Schiedsrichter Daniel Schlager zeigte ihm die rote Karte - und stoppte damit auch diesen wilden Schlussakkord. So bleibt für die beiden Nachbarn in ihrem siebten Zweitliga-Duell das bereits fünfte Remis.

© SZ/lein
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