Olympia Stepanows beklagen nächsten Bauerntrick

Am Samstag schrieben die Stepanows dem IOC-General, Ethiker hätten das IOC "entweder absichtlich oder fahrlässig" falsch über die Abläufe informiert. Zwar habe Stepanowa zunächst um diverse neutrale Start-Möglichkeiten ersucht, wie unter der Flagge der IAAF, dies sei aber im Blick auf den klar vorgetragenen Standpunkt des ROC und des russischen Leichtathletik-Verbandes geschehen, man werde sie auf keinen Fall fürs Nationalteam nominieren. "Als das im Hearing aber plötzlich als Option auftauchte, hat Julia sofort erklärt, sie würde unter russischer Flagge starten."

Diesen Sachverhalt stellte auch IAAF-Generalsekretär Jean Gracia per E-Mail an die IOC-Ethiker dar: "Die einzige Option für Frau Stepanowa ist es daher, direkt beim IOC den Start als neutrale Athletin zu beantragen, wie sie es im Brief an den IOC-Präsidenten per E-Mail vom 5. Juli 2016 getan hat." Die IAAF unterstütze das.

Nun beklagen die Stepanows also den nächsten Bauerntrick: "Hätte uns das IOC gesagt, dass die offizielle Aufzeichnung eines Ethikverfahrens nicht als Positionierung ausreicht, hätten wir klargestellt, dass Julia auch unter russischer Flagge startet. Leider hat uns niemand informiert, dass so eine Formalprozedur über das Hearing hinaus erforderlich wäre."

Während das IOC sein Verdikt durchzieht, bleibt die Frage: Warum folgt das IOC dem Kreml?

Zusätzlich halten die Stepanows dem IOC den Entscheid entgegen, mit dem der Sportgerichtshof Cas den IAAF-Beschluss absegnete, Russlands Leichtathleten komplett von Rio auszuschließen. "Der Cas stellte klar, dass über das Startrecht von Leichtathleten allein die IAAF entscheidet. Wäre Julia als russische Athletin nominiert, dürfte sie starten"; der Entscheid des Cas sei das höhere Recht. Und sie verweisen auf das sogenannte "Osaka-Urteil" des Cas. Das besagt, dass Sportler nach Verbüßen ihrer Strafe nicht für Olympia erneut gesperrt werden können. Neue Verwirrung schafft zudem eine Bemerkung in de Keppers E-Mail vom vorigen Freitag: Das IOC hoffe, Julia Stepanowa würde doch noch das offerierte Stipendium annehmen. Stipendium? "Wir haben die Korrespondenz noch einmal durchgesehen und nichts dergleichen gefunden."

Die Whistleblower berühren in ihrer Antwort an de Kepper die wundesten Punkte der geschlossenen Ringe-Gesellschaft: "Wir sind sicher, es ist auch im Interesse des IOC, dass wir den Medien stets Kopien unseres Austausches zukommen lassen, um Missverständnisse zu vermeiden." Erneut betonen sie Julias Bereitschaft für jede Flagge zu starten, die das IOC bestimmt.

Der Fall Stepanowa ist ein reines Sport-Politikum. Kritiker rund um die Welt warnen vor dem verheerenden Signal, das das IOC mit der Bestrafung einer Whistleblowerin setzt, die mehr als jeder zuvor für die Aufdeckung von Pharmabetrug getan hat, und dafür seit Jahren ein Leben auf der Flucht führt. Während alle Zweifel daran schwinden, dass das IOC sein Verdikt durchziehen wird, rückt eine Frage dramatisch nach vorne: Warum tut es das, ohne jedes echte Argument, trotz des globalen Glaubwürdigkeitsverlustes - was zwingt den altgedienten Olympier Bach unter die Knute des Kreml?

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