Snowboard:Was ist aus den Rebellen geworden?

FIS Freestyle Ski & Snowboard World Championships 2017 - Previews; snowboard

Unendliche Freiheit: Hier trainert Francis Jobin aus Finnland.

(Foto: Getty Images)
  • Snowboarden startete als Subkultur. Freiheit und Regellosigkeit gehörten zur Sportart dazu.
  • Nun ist die Disziplin erstmals mit drei Wettbewerben bei Olympia vertreten. Salti und Drehungen werden nun nach strengen Kriterien bewertet.
  • Die Szene ist gespalten. Ist das ein Aufstieg oder ein Abstieg?

Von Johannes Knuth, Berchtesgaden

Bevor es in die Turnhalle geht, legt Leon das meiste ab, mit dem er gerade noch durch den Winter gefahren ist: die Mütze, das weiße T-Shirt, das auch einer Hochschwangeren passen würde, die schwarze Snowboardhose; bis er nur noch in seiner grauen Skiunterwäsche steckt. Die schwarzen, lockigen Haare bindet er mit einem Band zusammen. Dann geht es aufs Trampolin, eine Stunde lang.

Das Licht in der Turnhalle am Stützpunkt in Berchtesgaden ist kühl, zwei kleine und ein großes Trampolin sind in den Boden eingelassen. Die Halle riecht noch neu, sie ist seit einem Jahr fertig, der Verband Snowboard Germany hatte lange dafür gekämpft. Daneben stehen Kraftkammern, Wohn- und Lehrräume für die Eliteschule des Sports, die hier am Jenner versteckt ist. Sieben Snowboarder lernen und trainieren dort, der Jüngste ist 14, Leon ist mit 18 der Älteste. Im Herbst üben sie schon mal die ganze Woche auf dem Trampolin; im Winter sind sie nur noch zweimal in der Halle, um Sicherheit zu gewinnen und Tricks zu verfeinern. Wie am heutigen Tag. Einspringen, Salti, Dehnen, Tricks auf dem Trampolin, erst zwei, dann drei Drehungen. Leon probiert am Ende sogar dreieinhalb. Beim ersten Mal plumpst er gegen die gepolsterte Wand neben der Matte, er flucht, der vierte Versuch passt. Später wird er noch eine Stunde im Kraftraum trainieren, Beinpresse, Tiefkniebeuge.

Leon Vockensperger war drei Jahre alt, als ihn sein Vater auf ein Snowboard stellte, mit 13 spezialisierte er sich auf die Freestyle-Disziplinen. Heute ist er Teil einer neuen Generation, die es irgendwann mal in die olympische Spitze schaffen soll, wenn es nach dem Verband geht. Nicht 2018, aber 2022. Und wer sich in diese Spitze heben will, muss heute tausende Stunden investieren, im Schnee und immer mehr auch in der Halle. "Wir könnten sonst nicht mithalten", sagt Benedikt Baur, Leons Trainer, "auf keinen Fall."

Nur: War der Widerstand gegen den genormten Wettstreit der Wintersportler nicht einst das Kraftwerk, aus dem viele Snowboarder ihre Energie zogen? Drehungen auf dem Trampolin? Tiefkniebeugen im Kraftraum?

Als Snowboarden noch Ausdruchsform war

Benedikt Baur, 30, war noch ein Kind dieser Rebellion. Er sah als 13-Jähriger die Filme von Fahrern, die ihre Tricks lieber im Gelände zeigten, die Aufnahmen zu Videos destillierten, eine eigene Subkultur schufen. "Ich habe früher geturnt", sagt Baur, "aber im Snowboarden hat mich das Gegenteil fasziniert. Dass man nicht eine Bewegung genau so machen muss, und wenn du die nicht perfekt machst, hast du verloren. Beim Snowboarden durftest du plötzlich alles." Einer, der das prächtig verkörperte, war der Münchner David Benedek. Er wuchs Anfang der Neunzigerjahre in den Sport, als Snowboard noch mehr als neue Ausdrucksform galt, die 1970 in Amerika entstanden war. Er machte ab und zu bei Wettkämpfen mit, es gab damals einen von Athleten geprägten Verband, die ISF. Aber das interessierte ihn weniger. Wer Snowboarder war, gehörte dazu, nicht weil er besser war als andere, sondern eben Snowboarder. "Das hat mich mitgerissen. Und die Dinge machen einem ja mehr Spaß, wenn sie einem leicht fallen."

Irgendwann, erinnert sich Benedek, hatte seine Gruppe dann einen Trainer. Snowboarden war erstmals olympisch geworden, in der Halfpipe, für die Winterspiele 1998. "Ich hatte damals eine Eitelkeit, was mein Snowboarden betraf. Und dann kam da ein Trainer, der mir sagte, welche Tricks wir heute fahren. Als würde man einem Maler sagen: Heute pinseln wir nur mit Rot." Benedek sah auch, wie der Weltverband Fis, der die Qualifikation für Olympia überwachte, die ISF verdrängte, Nachwuchsserien einstampfte. "Diese Inanspruchnahme der Kultur durch die Verbände, das hatte einen richtig miesen Geschmack. Die wollten das Snowboarden ja eigentlich verdrängen", sagt er, und als das nicht klappte, schlachteten sie es aus. Einige, wie der Norweger Terje Haakonsen, boykottierten die Spiele 1998, aber die Kommerzialisierung rollte längst über den Sport, mit Nationalteams, Kadern, Leistungsstreben. Die Halfpipe-Finals erzielen heute hohe Einschaltquoten, im Februar werden erstmals alle Freestyle-Disziplinen bei Olympia vertreten sein: Halfpipe, Slopestyle, Big Air.

Ist das nun ein Aufstieg oder Abstieg?

Bene Baur, der heute den deutschen Nachwuchs betreut, kennt noch die Zeiten, als die Szene schlummerte, nach Nicola Thosts Olympiasieg 1998. Als er zum Verband kam, trainierten sie manchmal auf einem öffentlichen Spaß-Trampolin in Piding, neben dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants. Ihnen fehlen noch immer Trainingsstätten, eine Halfpipe gibt es in Deutschland noch immer nicht, aber Baurs Fahrer haben heute oft schon mit sieben, acht Jahren angefangen, verfügen über ein reiches Reservoir an Tricks und trainieren in einer schicken Turnhalle, nicht auf dem Parkplatz. Und Baur ist kein Drillmeister. "Es ist ein bisschen wie bei einem alternativen Schulkonzept", sagt er: "Du bereitest einen Lehrraum, in dem sie sich selbst entwickeln, wo sie ihre Kreativität ausleben können." Bevor er in die Trampolinhalle geht, übt er mit der Gruppe gerne auf einem Hügel vor der Halle, seine Fahrer haben zwei Abflussrohre in den Schnee gepresst, so wie sie es wollten, gleiten darüber, geben sich Tipps. Letztlich, glaubt Baur, lebe die jugendliche Subkultur von einst im heutigen Leistungsbetrieb weiter: "Es gibt nie eine Endform, einen perfekten Trick. Es gibt unzählige Variationen. Du brauchst deine Kreativität, eine krasse Persönlichkeit, um Profi zu sein."

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