Ski alpin Zehn Zentimeter zu weit links

Ein paar Sekunden lang sieht es nach Bronze aus, doch dann reicht es nur zu Platz vier im Teamwettbewerb. Die deutschen Skirennfahrer bleiben bei der WM in der Rolle der schmerzhaft Geschlagenen.

Von Johannes Knuth, Are

Kann man noch bitterer scheitern? Nachdem man auf der Anzeigetafel schon als Sieger ausgerufen worden war, in dicken weißen Lettern: Bronze für Deutschland? Nachdem die Fahrer all die lästigen Gedanken gerade abgeworfen hatten, nach der ersten Woche bei der Ski-WM in Are, die es nicht immer gut mit dem deutschen Team gemeint hatte? Und dann auf einmal: Kommando zurück, doch nur Platz vier. Als bekomme man bei der Weihnachtsbescherung endlich das langersehnte Präsent in die Finger, und dann wird einem eröffnet, dass das schicke Geschenk für den großen Bruder gedacht war.

Es war eigentlich alles prächtig verlaufen für die Auswahl des Deutschen Skiverbands (DSV) in diesem Teamevent am Dienstagabend in Are: Sie hatten sich ins kleine Finale vorgearbeitet, jetzt war sogar der Hauptgewinn zum Greifen nahe. Linus Straßer musste im letzten Duell noch Alex Vinatzer knapp besiegen, dann wäre dem DSV die Bronzemedaille zugefallen. Und Straßer begann gut, ein kleiner Strauchler am Anfang, ein paar Torflaggen verfingen sich an seinem Anzug, doch im Zielhang war er mit Vinatzer wieder gleichauf. Beide boxten jetzt die Torstangen nieder, beide balancierten am Abgrund, aber während Vinatzer zu Boden rauschte, hielt sich Straßer im Kurs, die Deutschen hatten das kleine Finale gewonnen. So stand es zunächst jedenfalls auf der Anzeigetafel.

Der eine stürzt, aber der andere fädelt gleich ein: Linus Straßer (links) kann vom Ausrutscher des Italieners Alex Vinatzer nicht profitieren.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Nur Anton Tremmel und Christina Geiger waren skeptisch, irgendwas hatte nicht gepasst bei Straßers Fahrt. Und dann tatsächlich: Bronze für Italien, die Wiederholung zeigte, dass Straßer ein Tor zehn Zentimeter zu weit innen passiert hatte. Und all die Freude, die gerade noch ein schwarz-weißes Knäuel an Fahrern vitalisiert hatte, wanderte mit einem Mal ein paar Meter weiter, zu den Italienern.

"Undankbar, einfach brutal", sagte Lena Dürr.

"Vierter. Scheiße", sagte Linus Straßer, knapp.

"Uns hätte das schon mal ganz gut getan", sagte Wolfgang Maier, der DSV-Alpindirektor, er meinte: wenn sie nicht schon wieder so knapp neben dem Podium gelandet wären.

Die Deutschen waren den Teamevent diesmal ein wenig anders angegangen als bei den vergangenen Weltmeisterschaften, als sie verlässlich in der ersten Runde gescheitert waren. Sie hatten die vier Stammplätze im Team, um die sich in den Jahren davor oft viele Fahrer gebalgt hatten, fest an vier Spezialisten für das Parallelformat vergeben: Straßer und der 24 Jahre alte WM-Debütant Anton Tremmel würden die beiden Duelle bei den Männern fahren, Dürr und Geiger bei den Frauen. Der Plan ging zunächst auf, das 3:1 gegen Großbritannien war ein Erfolg zum Warmwerden, im Viertelfinale gegen Frankreich wartete dann die erste harte Prüfung: Straßer musste zwingend das letzte Duell gegen Clement Noel gewinnen, gegen die Slalom-Entdeckung im bisherigen Winter. Aber wer in einem einminütigen Spezialslalom brilliert, muss nicht zwingend bei der schnurgeraden Hatz durch rund 25 Tore im Teamevent reüssieren, das zeigte sich auch am Dienstag wieder: Straßer behielt die Nerven, er hielt Noel in Schach, das war der erste Achtungserfolg.

Schweiz holt Gold Alpine WM: die Fakten des Team-Wettbewerbs

Gold Schweiz (Danioth, Ellenberger, Holdener, Simonet, Yule, Zenhäusern)

Silber Österreich (Gritsch, Liensberger, Truppe, Hirschbühl, Matt, Schwarz)

Bronze Italien (Bassino, Curtoni, Della Mea, Maurberger, Tonetti, Vinatzer)

4. Deutschland (Dürr/Germering, Geiger/Oberstdorf, Schmotz/Fischbachau, Stehle/Obermaiselstein, Straßer/München, Tremmel/Tegernsee), 5. Frankreich, Norwegen, Schweden, Slowakei, 9. Slowenien, Kanada, Großbritannien, Tschechien.

Finale: Schweiz - Osterreich 2:2 (Österreich 0,77 Sekunden zurück nach Zeitaddition). Um Platz drei: Italien - Deutschland (Geiger, Tremmel, Dürr, Straßer) 3:1

Im Halbfinale warteten nun die starken Schweizer, Wendy Holdener gewann klar gegen Christina Geiger, aber Dürr und Tremmel gewannen ihre Duelle - plötzlich hatte die DSV-Auswahl die große Chance, ins Finale vorzustoßen: Straßer konnte sich gegen Ramon Zenhäusern sogar eine knappe Niederlage leisten, bei Punktgleichheit hätte die Zeit dann für die Deutschen entschieden. Doch Straßer übertrieb es im oberen Teil ein bisschen, Zenhäusern zog davon, zwei Zehntelsekunden zu weit. Blöd gelaufen, sagte Straßer später im Ziel, aber gegen den zwei Meter großen Zenhäusern, der die Torstangen leichter wegboxen und somit eine schnellere Linie fahren konnte, "da muss ich einfach mein letztes Hemd riskieren". Und gegen Italien hatten sie ja noch eine große Chance, im kleinen Finale um Bronze.

Es begann zunächst wieder nicht gut, Geiger ging gegen Lara Della Mea etwas die Puste aus, Tremmel hob es kurz vor dem Ziel aus, 0:2. Aber Dürr wurde für ihre couragierte Fahrt gegen Irene Curtoni belohnt, und dann kam Straßer, der sein Duell und damit eine Medaille gewonnen zu haben schien, von der sie zuvor bestenfalls geträumt hatten. Bevor der Erfolg dann doch zerbröselte.

Die Schweizer gewannen kurz darauf, unter Begleitung der Kuhglocken auf der Tribüne, auch das Finale gegen die Österreicher; die große Skination wartet in Are also weiter auf ihre erste Goldmedaille. Die Deutschen waren da bereits aus dem Zielraum aufgebrochen, sie konnten sich diesmal wirklich wenig vorwerfen, und so liefen sie zunächst mal nur mit einer Erkenntnis im Kreis: "Dass Vierter sich ziemlich kacke anfühlt", sagte Linus Straßer.