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Ski alpin:Wie Wintersport in der Corona-Blase funktionieren kann

Perfekte Pistenbedingungen, volles Engagement: Stefan Luitz überzeugt in Sölden zumindest im zweiten Lauf und wird am Ende 14.

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Fast 80 Weltcuprennen quer über Europa verteilt wollen die alpinen Skirennfahrer diesen Winter absolvieren. Der Auftakt in Sölden zeigt, wie das gelingen könnte.

Von Johannes Knuth, Sölden

Ein alpines Skirennen in der Corona-Blase, das ist, wie in so vielen Sportarten in diesen Tagen, ein ganz neues Hörerlebnis. Da sind die Trainer, die ihre Läufer vom Pistenrand aus anfeuern, auch wenn das im Fall der Österreicher ("Gemma, gemma!") am Wochenende ein eher aussichtsloses Unterfangen war. Da ist das Ächzen der Fahrer auf der eisharten Gletscherrampe in Sölden, da sind die Flüche, der Jubel ("Si! Siii! Siiiiiiiiii!"), oder, was ebenfalls geht: Fluch und Jubel verpackt in einem einzigen "Aaaaargh", wie vom Deutschen Stefan Luitz vorgeführt.

Das alles war in Sölden noch besser zu vernehmen als sonst, denn über dem Gletscherstadion, wo traditionell 15 000 Zuschauer den Auftakt der Alpinen begleiten, lag diesmal ein Klangteppich, der eher an ein Schülerrennen erinnerte. Die Stadionsprecher gaben zwar ihr Bestes, um das nicht vorhandene Publikum zu unterhalten, aber beizeiten wirkte das doch ziemlich traurig. Als lärme eine Coverband in ein fast leeres Oktoberfestzelt hinein.

Es war am Ende alles ganz anders in Sölden - und doch ziemlich vertraut. Bei den Frauen waren am Samstag die Jubelschreie der Italienerinnen am lautesten zu vernehmen, Marta Bassino gewann ihren zweiten Riesenslalom im Weltcup, 14 Hundertstelsekunden vor Teamkollegin Federica Brignone, die im vergangenen März den Gesamtweltcup gewonnen hatte. Auch im Riesenslalom der Männer konnten sie am Sonntag mal wieder das Hubble-Teleskop auspacken, um die Leistungsdichte zu vermessen: Lucas Braathen, den 20 Jahre alten Norweger, und Marco Odermatt, den 22-jährigen Schweizer, trennten am Ende bloß fünf Hundertstelsekunden. Nebenbei hatten sich zwei der größten Begabungen der Szene gleich zum Auftakt an die Spitze gehievt, ganz so, wie Stefan Luitz es prognostiziert hatte: "Es wird sicher wieder ein spannender Winter mit vielen unterschiedlichen Podien." Die stille Hoffnung im deutschen Lager, dass Luitz und sein Teamkollege Alexander Schmid dabei ebenfalls ein wenig Präsenz zeigen, erfüllte sich am Sonntag aber noch nicht. Denn irgendwie schafften es die Branchenführer auch in Sölden, das Niveau wieder ein bisschen anzuheben, Corona hin oder her.

Weltcup in Sölden

Leere: Der Zielraum in Sölden beim Riesenslalom der Frauen.

(Foto: dpa)

Luitz hatte sich in diesem Lichte zuletzt vorgenommen, nach einer "brutal zähen" Vorsaison wieder auf die direktere Fahrspur zu wechseln: Er wolle wieder "a bissel mehr Drecksau" sein. Schmid war indes froh, sein Epstein-Barr-Virus fast völlig ausgestanden zu haben; von daher sei er sehr gespannt, was er mit einem voll funktionstüchtigen Motor in dieser Saison erreichen könne, hatte er im Vorfeld mitgeteilt. Der erste Durchgang in Sölden gelang ihm dann auch sehr ansprechend, als 13. hatte er nur 0,93 Sekunden Rückstand auf den Führenden Gino Caviezel. Luitz dagegen wirkte eher so, als wolle er mit dem Kopf durch die Wand, wie ein gereizter Steinbock: "Die Bedingungen sind traumhaft", klagte er, "aber ich habe einfach nicht die Lockerheit gefunden."

Laufwege werden per Scanner erfasst

Das organisatorische Zwischenfazit, neben dem sportlichen: Einige handverlesene Gäste auf der Steintribüne, jeder auf einem zugeteilten Platz. Ordner, die fast alle Laufwege der Anwesenden per Scanner erfassten, sehr diszipliniertes Abstandhalten. Keine Zuschauer, klar, aber das schien die meisten Fahrer erst bei der Zieldurchfahrt zu stören. "Da fühlst du dich so einsam, du weißt gar nicht, wo du hinschauen sollst", sagte Federica Brignone stellvertretend, "aber am Ende geht es vor allem darum, dass wir Rennen fahren." Sie halte Alpinrennen in Corona-Zeiten auch für sehr sicher, jeder fahre ja für sich, dick eingepackt und an der frischen Luft: "Ich denke, da muss sich niemand große Sorgen machen." Die Frage ist nur, ob das einen ganzen, kalten Winter lang aufgehen wird, mit hunderten Athleten allein bei den Alpinen, die quer durch Europa reisen und fast 80 Weltcuprennen bestreiten sollen.

Stefan Luitz freute sich im zweiten Lauf zunächst einmal darüber, dass er endlich wieder die frechere Linie im Steilhang entdeckte hatte. Das reichte immerhin, um sich von Rang 23 noch auf Platz 14 zu schieben. "Ein großer Schritt in die richtige Richtung", bilanzierte er, auch wenn er noch immer vor Wut über den ersten Lauf qualmte. Schmid fuhr im Steilhang indes ein wenig wie der Franzose Alexis Pinturault, an dem er sich oft orientiere, wie er zuletzt gesagt hatte: Er presste die Kanten piekfein ins Eis, so dass man kaum merkte, aus welcher Energiequelle er seine Geschwindigkeit bezog. Ein Patzer kurz vor der Ausfahrt ins flache Zielstück raubte Schmid dann aber viel Tempo, Platz 15 wurde es am Ende. A bisserl Drecksau-Qualitäten reichen dann eben doch nicht, um zu den Allerbesten aufzuschließen.

Die Deutschen haben noch viel Arbeit vor sich

Und diese wiesen im Finale nach, warum das so ist: Odermatt legte die erste Richtzeit vor, Braathen führte im Steilen traumhaft kurze Schwünge vor. Er löste die Kanten nach jeder Kurve so schnell wie möglich aus dem Eis, ein kraftraubendes, riskantes Unterfangen war das, aber es gelang - bis auf einen Patzer kurz vor dem finalen Flachstück. Aber wer so schnell ist, der darf sich auch mal versteuern, Braathen schnappte sich jedenfalls die Bestzeit, um 0,05 Sekunden. Daran mühten sich alle restlichen Starter ab, Alexis Pinturault, der Edeltechniker, Henrik Kristoffersen, der ehrgeizige Norweger, der Slowene Zan Kranjec und der Schweizer Caviezel, die ihr schmales Guthaben aus dem ersten Lauf verspielten - wobei Caviezel sich als Dritter herzhaft über sein erstes Weltcup-Podest freute. Am Ende bewies der Sonntag auch mal wieder, aus welch tiefem Talentpool das kleine norwegische Alpinteam schöpft - Braathen war im 22. Anlauf bereits sein Premierensieg auf der großen Bühne geglückt. Dabei war Aleksander Aamodt Kilde, der Gesamtweltcup-Sieger der Vorsaison, im ersten Lauf gestürzt.

Und aus deutscher Sicht? Da wurde im ersten Rennen nach Viktoria Rebensburgs Rücktritt die große Lücke hinter der langjährigen Vorfahrerin sichtbar. Lena Dürr war am Samstag als 38. noch die beste deutsche Starterin - die erbaulichste Nachricht war wohl, dass Marlene Schmotz nach ihrem Kreuzbandriss wohl bald wieder rennbereit ist. Und Schmid und Luitz, die hatten zumindest die Schienen verlegt, auf denen sie bald noch näher an der Weltspitze heranrollen könnten. Das ganze Team sei auch froh, dass man in diesem Winter überhaupt Rennen bestreiten dürfe, sagte Luitz noch, und so kann man Skisport in der Corona-Blase natürlich auch sehen: nicht als Belastung, sondern als kleines Geschenk.

© SZ vom 19.10.2020/schm
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