Alexander Blessin in der Serie A:Die Inkarnation des Tellerwäschers

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Alexander Blessin in der Serie A: Dass Alexander Blessin als Genua-Trainer seine Spieler auch mal umarmt, ist den italienischen Medien positiv aufgefallen.

Dass Alexander Blessin als Genua-Trainer seine Spieler auch mal umarmt, ist den italienischen Medien positiv aufgefallen.

(Foto: Danilo Vigo/NurPhoto/imago)

In der Serie A sind deutsche Trainer und Manager Raritäten. Doch nun wollen Alexander Blessin und Johannes Spors den CFC Genua retten - über bemerkenswerte Karrierewege im Fußballgeschäft.

Von Javier Cáceres

Kommt man der Bitte des früheren Bayern-Torwarts Jean-Marie Pfaff nach und überbringt dem Fußballtrainer Alexander Blessin dessen Grüße, freut dieser sich. Und Blessin lacht auf, als er erfährt, dass Pfaff ihn einen "Hafenarbeiter" nennt, weil Blessin seinen Arbeitsplatz vom belgischen Ostende an der Nordsee gerade ans Mittelmeer nach Genua verlegt hat. "Wenn's nicht läuft, soll er sich ein Schiff bauen. Dann kann er wegsegeln", hatte Pfaff am Telefon gescherzt. Wobei der ehemalige belgische Nationalspieler hinterherschickte, dass es so weit nicht kommen werde: "Der Blessin wird das schon gut machen", als neuer Trainer des CFC Genua. Pfaff sagt das als Kenner des belgischen Fußballs, der Blessin rund anderthalb Jahre bei Ostende beobachten konnte.

Erst vor wenigen Tagen hat Blessin in Genua angeheuert, beim Vorletzten der Serie A. Er ist erst der zweite deutsche Trainer bei einem italienischen Erstligisten - nach Rudi Völler bei der AS Roma. Ein Spiel hat Blessin bereits als Genua-Trainer hinter sich, gegen Udinese Calcio. Es endete 0:0, und die Gazzetta dello Sport sah da so viel "Entschlossenheit, Aggressivität und Angriffswillen", dass sie sich ein Wortspiel zurechtlegte: Fügt man ein "g" an, wird aus Blessin das englische "Blessing", ein Segen. Was nur die Zeit weisen kann. "Wir brauchen Punkte. Wir brauchen Ergebnisse", sagt Blessin, das rettende Ufer ist gerade fünf Zähler weg.

Andererseits: Blessin verströmt durch die Telefonleitung einen Enthusiasmus, der ansteckender ist als Omikron. Nur zwei Trainingseinheiten hatte er mit seiner neuen Mannschaft vor dem Spiel gegen Udine absolvieren können; er habe sich vor allem auf die Arbeit gegen den Ball konzentriert - lediglich Schlusslicht Salernitana hat in der laufenden Saison mehr Gegentore kassiert. Das Spiel mit Ball konnte in den Sitzungen gerade mal touchiert werden. Und siehe: Bei Blessins Debüt spielte Genua nicht nur zu null. "Wir hatten 10:2 Torschüsse, fünf sehr gute Chancen, davon drei Hochkaräter", berichtet der Trainer. "Ich konnte der Mannschaft allenfalls in Sachen Chancenverwertung etwas vorwerfen."

Die Gazzetta sah es ihm nach; sie gab ihm sechs von zehn möglichen Punkten, denn: "Nach zwei Trainingseinheiten hätte nicht mal Houdini ein Wunder vollbringen können." Auch die vornehme La Repubblica jauchzte: "Blessin transformiert Genua." Der Blessin, von dem kaum jemand etwas wusste, als er als nahezu perfekter Anonymus nach Italien ging: "Ich kann damit umgehen", sagt er. Die eigentliche Frage, die in der Branche kreist, ist eine andere, und Blessin sagt, dass er sie wahrnehme: "Warum hat den eigentlich keiner auf dem Schirm gehabt?"

Ralf Rangnick bringt Blessin zurück in den Fußball

Soviel klingt in seinen Worten durch: Weder ist er die Reinkarnation Houdinis noch ein Profilneurotiker. Eher schon die Inkarnation des Tellerwäschers, der sich hochgearbeitet hat. Sein Werdegang als aktiver Profi wäre ein Fall für echte Nerds beim 11 Freunde-Kneipenquiz. Er kam auf sieben Bundesligaspiele für den VfB Stuttgart, ansonsten spielte sich seine Karriere - ausgenommen von einem Erstligaeinsatz für Antalyaspor - unterklassig ab. Am Ende war er in Regensburg, Reutlingen und Siegen - alles Insolvenzfälle. Danach habe er "schon Distanz vom Profifußball gebraucht", erklärt er, und sie sich auch verschafft.

Blessin machte eine Lehre als Versicherungskaufmann, hatte die Offerte, als Sozietätspartner eine eigene Agentur der Allianz zu übernehmen, es lief also. Dennoch habe ihn seine Frau Charlotte gefragt, ob er sich wirklich sicher sei, diese Arbeit die kommenden 20 Jahre seines Lebens zu verrichten. Die Fügung war ein Anruf von Ralf Rangnick, der ihn aus Stuttgarter Tagen kannte. Ob er nicht Jugendtrainer in Leipzig werden wolle, fragte Rangnick. Und Blessin sagte zu. Mit dem Segen seiner Frau.

Denn nach Rangnicks Anruf war alles wieder da: dass er schon als Profi gemerkt hatte, wie die jüngeren Spieler auf ihn zukamen, Tipps haben wollten. Oder: dass er damals bereits damit begonnen hatte, seine Trainerscheine zu erwerben. In Leipzig zuzusagen hieß dennoch: ein Wagnis einzugehen, den ganz langen Weg einzuschlagen, und womöglich wieder umkehren zu müssen, weshalb die Familie - die Frau und die Töchter, die er "drei perfekte Mädels" nennt - zunächst nicht mit nach Leipzig zog. Auch später, als er davon spricht, dass die Familie seine Karrieresprünge ungemein gut bewältigt habe, hört man heraus, was ihm wirklich wichtig ist im Leben.

Wobei sich sein Marsch durch das Fußballbusiness durchaus sehen lassen kann. Blessin begann in Leipzig als Co-Trainer der U17, arbeitete sich hoch zum Trainer des Youth-League-Teams, das nach der Abschaffung der U23 das ranghöchste Nachwuchsteam des Bundesligisten war. Er legte die Fußballlehrer-Prüfung ab, gewann später als Chef der U17 die Meisterschaft in der Bundesliga Nord-Nordost und scheiterte im Halbfinale der deutschen Meisterschaft an Bayern München. Überdies erwarb er sich den noch immer gegenwärtigen Ruf, ein akribischer, sympathischer Arbeiter zu sein. Nur wenn er beim Feierabend-Kick verlor, konnte er ungenießbar werden.

Und er lernte, was später noch eine Rolle spielen wird, den damaligen Chefscout der Leipziger kennen: Johannes Spors.

Johannes Spors ist der erste deutsche Manager in der Serie A

Blessin blieb acht Jahre in Leipzig und entwickelte in dieser Zeit den Willen, auf dem gleichen Niveau zu trainieren, das er als Spieler erreicht hatte. Mitte 2020 dann: ein Angebot des KV Ostende. Ein paar Jahre zuvor war der belgische Erstligist von Investoren aufgekauft worden, unter ihnen der US-Unternehmer Chien Lee, der die datenbasierten "Moneyball"-Rezepte auf den europäischen Fußball übertragen will und ein halbes Dutzend Klubs in Europa besitzt. Junge Talente, Offensivfußball, Transfererlöse steigern, das ist das Prinzip.

Zum Vorstellungsgespräch lud Ostendes CEO, ein junger Mann namens Gauthier Ganaye, der zuvor viel dazu beigetragen hatte, dass Lee mit dem OGC Nizza einen guten Profit machte: Er verkaufte den 2016 für 20 Millionen Euro erworbenen Klub im Sommer 2020 für 100 Millionen Euro. Ob er seinen Lebenslauf vorlegen solle, fragte Blessin. "Nicht nötig. Ich habe dich komplett durchleuchtet. Du bist mein Mann", habe Ganaye geantwortet. Die anschließende Unterredung mit Ehefrau Charlotte, mit der er Für und Wider abschmecken wollte, dauerte kaum länger: "Ich hatte kaum angefangen, vom Vorstellungsgespräch zu erzählen, da rief Charlotte schon: 'Stopp!'", erzählt Blessin. "Und als ich weiterreden wollte, weil ich noch nicht fertig war, sagte sie: 'Nicht nötig. Ich kenne dich. Und ich weiß, wann deine Augen leuchten. Du hast dich doch längst entschieden'". Und so war es auch: Blessin ging nach Ostende.

Obschon der Klub nach gerade überstandenem Abstiegskampf auch in der neuen Saison mit zwei Punkten virtuell am Tabellenende stand. Obwohl er über den belgischen Fußball nur Grundzüge kannte. Aber Blessin entpuppte sich für Ostende als, nun ja, Segen: Er führte den Klub fast nach Europa - und wurde, was in Deutschland kaum jemand mitbekam, in Belgien zum Trainer des Jahres gewählt. Wer das sehr wohl registrierte: der vormalige RB-Scout Johannes Spors, der wiederum aus Leipzig zu Vitesse Arnheim weitergezogen war. Spors, der ganz früher Scout beim Hamburger SV gewesen war, tauchte auf dem Radar der deutschen Öffentlichkeit erst wieder auf, als er im Dezember vom CFC Genua als Generaldirektor angeworben wurde. Einen deutschen Manager gab es in der Serie A zuvor noch nie.

Alexander Blessin in der Serie A: Zwei Deutsche in Genua: Generaldirektor Johannes Spors (links) mit Trainer Alexander Blessin (rechts).

Zwei Deutsche in Genua: Generaldirektor Johannes Spors (links) mit Trainer Alexander Blessin (rechts).

(Foto: Tano Pecoraro/LaPresse/imago)

Wobei sich die deutsche Öffentlichkeit gar nicht so sehr grämen muss. Fragt man den ehemaligen niederländischen Nationalstürmer Pierre van Hoijdonk, einst Stürmer von Vitesse und heute TV-Experte, wann er von Spors Notiz genommen habe, dann sagt er: "Ehrlich gesagt: Als er wegging." Und er für sich feststellte, dass Spors "richtig gute Arbeit abgeliefert" habe. Genua habe einen "smarten Move" gemacht.

Der deutsche Nationalspieler Nadiem Amiri könnte sich auch noch Genua anschließen

In Genua stieg Spors, 39, bei einem unsteten Klub ein. Er gehörte jahrelang dem Spielzeugindustriellen Enrico Prezioso, der ihn aber mit der Zeit wie eines seiner Spielzeuge behandelte: die Mannschaft wurde alle halbe Jahre auseinandergeschraubt oder weggeworfen. Bis er den Verein an das US-Private-Equity-Unternehmen 777 Partners verkaufte. Dass sie mittrugen, dass Spors die einstige Milan-Legende Andrij Schewtschenko als Trainer absetzte, war im Lichte der Resultate überaus nachvollziehbar: Genua kommt auf 13 Spiele in Serie ohne Sieg. Dass sie auch die Verpflichtung Blessins mittrugen, nachdem Bruno Labbadia abgesagt hatte, zeugt von einem Ur-Vertrauen in den Manager, der nun wohl auch Nationalspieler Nadiem Amiri von Leverkusen nach Genua holt. Auch Blessin findet nur lobende Worte über Spors. "Ich weiß, was ich an ihm habe, was für eine Philosophie er will, und er weiß, was er von mir bekommt", sagt Blessin.

Alexander Blessin in der Serie A: Manager Johannes Spors möchte den deutschen Nationalspieler Nadiem Amiri aus Leverkusen nach Genua holen.

Manager Johannes Spors möchte den deutschen Nationalspieler Nadiem Amiri aus Leverkusen nach Genua holen.

(Foto: Isabella Bonotto/AFP)

Was das ist? Er orientiere sich natürlich an den Geboten der sogenannten RB-DNA, er liebe es, offensiv einzuwechseln, sagt Blessin. Was in den zunächst skeptischen italienischen Medien, die von Chaos sprachen, nun mit großem Interesse und der Lupe verfolgt wird. Wie auch wohlwollend registriert wurde, dass dieser Blessin sogar fähig sei, auf dem Trainingsplatz die Spieler zu umarmen. "Ich mag es, einen direkten Draht zu den Spielern aufzubauen", sagt Blessin.

Ein Hemmnis nur gibt es: die Sprache. Blessin hat sein Trainerteam um den Dolmetscher Massimo Marotti, 60, erweitert, der aber an Grenzen stößt. Ein paar Codewörter müssen im Italienischen erst noch geschöpft werden: "Für 'durchsichern' etwa gibt es keine wortgetreue Entsprechung", sagt Blessin. Aber das hat noch Zeit. Er ist vorerst froh, zwei Wochen Zeit zu haben, um mit dem neuen Team arbeiten zu können. Das nächste Punktspiel steht erst Anfang Februar an, bei der AS Roma von José Mourinho.

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