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Zlatan Ibrahimovic:Die Rückkehr des Allmächtigen

Zlatan Ibrahimovic

Er ist zurück: Zlatan Ibrahimovic.

(Foto: Pontus Lundahl/AP)

Nach fünfjähriger Absenz ist Zlatan Ibrahimovic zurück in Schwedens Nationalteam - und bodenständig wie nie. Oder doch nicht?

Von Thomas Hürner

Er ist zurück. Andererseits: War er jemals weg? Also so richtig? Sein Schatten ist nun mal gewaltig, er legt sich problemlos über eine eher kleine Fußballnation. Selbst dann noch, als seine Majestät auf dem Sofa lag, während die vermeintlich Minderbegabten gerade ihre vermeintliche Minderbegabung aufführten. Für einen wie ihn war das ja auch schon ein Triumph, ein kleiner zumindest, da ist er Schelm und Bösewicht genug.

Aber dann der Donnerstag, die Friends Arena in Solna, eine kleine Gemeinde bei Stockholm. Durch die Boxen dröhnte "Du gamla, Du fria", was dieses Mal gewissermaßen auch eine spezielle Hommage an den Protagonisten des Abends war. "Du alter, du freier", so lautet der Titel der schwedischen Nationalhymne, und unten auf dem Rasen stand er nun, nach fünf Jahren Absenz, gekleidet in Gelb und Blau: Zlatan Ibrahimovic, ein bisschen gealtert, aber natürlich weiterhin ein egozentrischer Freigeist. Er war bereit für diesen Akt der Versöhnung.

Ibrahimovic bereitet den Siegtreffer in unnachahmlicher Manier vor

Für die Schweden ging es in der WM-Qualifikation gegen Georgien, übrigens trainiert von Willy Sagnol, dem ehemaligen Profi des FC Bayern München. Und Ibrahimovic, der Allmächtige, der seiner Ansicht nach immer etwas größer war als der Rest des Landes, tat etwas, was er in seinen 116 Länderspielen zuvor unterlassen hatte: Er bewegte die Lippen, ganz zart nur, aber doch. Ibra musste die Hymne erst auswendig lernen, wie er nach dem Spiel berichtete. Ein Versprechen an den Nationalcoach Janne Andersson, aber auch eine Art Vorauszahlung an die schwedische Bevölkerung, mit der er seit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft über Kreuz gelegen war.

Ibrahimovic hatte jedenfalls Lust. Schon nach einer Minute war er zweimal mit Karacho in seine Gegner gerauscht, die Ellenbogen voraus und der Rest seines kolossalen Körpers hinterher. Der Stürmer des AC Mailand misst 1,95 Meter, sein Stil war immer schon ein Gesamtkunstwerk. Manche finden, dass er im Alter von 39 Jahren besser ist denn je, weil sich zu seiner exquisiten Ballbehandlung, Wucht und Artistik jetzt auch noch Reife und Führungsvermögen gemischt haben - und zwar echtes Führungsvermögen, nicht mehr nur eine bloße Inszenierung.

Der Ausnahmekönner leitete die Schweden am Ende tatsächlich zum Sieg, in typischer Manier: Im Strafraum nahm er einen hohen Ball entgegen, eine Annahme mit der Brust, das Spielgerät war längst sein Untertan. Dann ein No-Look-Pass mit gekrümmtem Fuß, perfekt getimt auf den in seinem Rücken eingelaufenen Viktor Claesson, der den Treffer zum 1:0-Sieg gegen die Georgier erzielte. Ansonsten war nicht viel los, doch die Vorlage gereichte zu medialen Ergüssen über den gesamten Globus. "Gran ritorno", urteilte etwa die Gazzetta dello Sport, eine großartige Rückkehr.

Dem AC Mailand hat der schwedische Stürmer zu altem Glanz verholfen

In seinem Heimatland war Ibrahimovic immer schon ein Politikum. Einerseits ist er der vielleicht größte Sportler der vergangenen Dekaden, zwölfmal Fußballer des Jahres in Schweden. Andererseits war er auch nie verlegen, seiner Weltkarriere selbst zu huldigen, was das direkte Kontrastprogramm zur Mentalität in der Bevölkerung und seiner Kollegen im Nationalteam ist. Deshalb waren die meisten schwedischen Fußballer auch nicht traurig, als Ibrahimovic nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2016 abdankte. Einige berichteten von seiner autokratischen Herrschaft in der Kabine, von Mobbing und verbalen Bosheiten. Ohne Ibrahimovic wurden die Schweden zu einem funktionierenden Kollektiv, das zwei Jahre später das WM-Viertelfinale erreichte. Und trotzdem waberte über allem die Frage: Kann man auf so einen verzichten?

Offenbar nicht, nach zähen Verhandlungen einigten sich Ibrahimovic und Nationaltrainer Andersson auf eine Rückkehr. Der Plan ist so einfach wie logisch: Der Stürmer soll die vielen jungen Spieler im Ensemble elektrisieren, als väterlicher Leader wie beim AC Mailand, der sich mit ihm wieder zu altem Glanz aufschwingt. Als Prämisse hat Andersson mehr Bodenständigkeit vorgegeben, und Ibrahimovic hielt sich zumindest im Kreise des Teams penibel daran. Seine angestammte Rückennummer 10 überließ er dem Leipziger Emil Forsberg, auf der Pressekonferenz vor der Partie gegen die Georgier waren sogar Freudentränen über sein Gesicht gekullert.

Teil der Vereinbarung sind aber offenbar nicht die sozialen Netzwerke. Am Donnerstag postete Ibrahimovic auf Twitter ein Bild von sich, dazu den Text: "Carl XVII Guztaf". Der echte König von Schweden ist Carl XVI Gustaf. Ibrahimovic aktualisierte die Rangfolge und ersetzte das "s" durch ein "z" - für Zlatan.

© SZ/ebc/moe/jkn
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