Schalke 04 Die faszinierende Magie eines Trainerwechsels

Huub Stevens im Spiel gegen Leipzig.

(Foto: Leon Kuegeler/Reuters)
  • Schalke 04 verliert gegen RB Leipzig und steht nun auf Platz 15 der Bundesliga-Tabelle.
  • Das Team zeigt aber eine Leistungssteigerung. Ein Remis wäre verdient gewesen.
  • Der neue Trainer Huub Stevens reaktiviert Mark Uth und Sebastian Rudy - lässt aber Alexander Nübel im Tor.
Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Im Bewusstsein der nächsten Niederlage machte sich die Schalker Mannschaft auf den schweren Weg zur Fankurve. Dort hing ein riesengroßes Banner am Zaun, das die Profis nicht als Kompliment verstehen sollten: "Danke Domenico", stand dort als Referenz an den am Donnerstag beurlaubten Trainer Domenico Tedesco. Und: "Söldner aussortieren" als Aufforderung an den Verein, jene Spieler wegzuschicken, die zur Trennung vom beliebten Coach beigetragen hatten.

Dennoch haben die Schalker Spieler schon unangenehmeren Kontakt mit der Fanbasis gehabt als nach dem 0:1 gegen RB Leipzig am Samstagnachmittag. Es gab keinen Beifall, aber auch keine Pfiffe, Beschimpfungen und Drohgebärden, sondern ein neutrales Schweigen, das signalisierte: Unseren Applaus müsst ihr euch erst wieder verdienen. Den ersten Schritt haben die Schalker Profis trotz der Niederlage getan, der Auftritt gegen Leipzig brachte eine Leistungssteigerung. Nach der Verteilung der Torchancen vor allem in der zweiten Halbzeit hätte ein Unentschieden durchaus dem Spielverlauf entsprochen. Seine Mannschaft habe für diesen Sieg keinen "Schönheitspreis" verdient, sagte RB-Trainer Ralf Rangnick, "es war ein schweres Spiel, wir haben viel Druck aushalten müssen".

Der eingewechselte Guido Burgstaller kam dem 1:1 zwei Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit am nächsten. Doch er schoss aus fünf Metern ebenso über das Tor wie Verteidiger Jeffrey Bruma, der in der Nachspielzeit ebenfalls im Strafraum freien Zugang zum Ball hatte. Huub Stevens mochte daher sein Trainer-Comeback nicht als gelungen ansehen. "Enttäuschend!", rief er aus, als er um ein Fazit gebeten wurde: "Die Jungs haben alles getan, da ist es eine Enttäuschung, dass wir nichts mitgenommen haben." Kleiner Trost: "An der Leistung heute hat vieles gestimmt."

Tatsächlich waren ein paar Elemente im Schalker Spiel, die in den letzten Tagen der Zeit mit Tedesco weitgehend verloren gegangen waren. Die defensive Organisation funktionierte, die Einsatzbereitschaft stand wieder im mannschaftlichen Zusammenhang, und auch das Offensivspiel brachte den Gegner in Bedrängnis, wenngleich es mit den vielen hohen Zuspielen wenig Schönes zu bieten hatte. "Wir haben versucht, die einfachen Dinge richtig zu machen. So müssen wir weitermachen", sagte Sebastian Rudy. "Ich habe nur das getan, was ich immer gemacht habe: Versucht eine gute Vorbereitung zu machen und die Köpfe freizukriegen, das war das allerwichtigste", erklärte Stevens.

Die faszinierende Magie des Trainerwechsels offenbarte sich schon nach wenigen Minuten. Schalke spielte, lange nicht gesehen, steil in die Spitze, wo Mark Uth gleich durchstartete und elegant vollendete. Doch der Torschrei hallte nur einen Moment durch das Stadion, dann hatten die Leute verstanden, dass der Treffer nicht zählte. Abseits.

Mark Uth? Der war nun wieder in der Spitze des Angriffs zu finden, nachdem ihn Domenico Tedesco zuletzt mit dem Vorwurf der Lustlosigkeit aus dem Kader verbannt hatte. Auch Rudy kehrte aus der Reserve in die erste Elf zurück, Alexander Nübel behielt seinen Platz als Nummer eins. Mancher Kenner hatte damit gerechnet, dass der Routinier Ralf Fährmann wieder im Tor stehen würde. Doch Stevens betonte, es habe für ihn keinen Grund gegeben, die von Tedesco getroffene Rangordnung aufzuheben: "Hier ist ein guter, junger, ehrlicher Trainer gewesen, der eine Entscheidung getroffen hat. Ich habe am Morgen mit Ralle und dem Torwarttrainer gesprochen - ich finde nicht, dass wir alles durcheinanderbringen müssen." Nübel rechtfertigte diesen Beschluss mit einer souveränen Leistung.

Man brauchte keine Lupe, um auf Anhieb gewisse Veränderungen im Schalker Auftreten zu erkennen. Der Wille zum demonstrativen Einsatz war das Merkmal der ersten Minuten, die Leipziger zeigten sich davon aber allenfalls geringfügig beeindruckt. Sie ließen die Hausherren erst mal gewähren und warteten auf die Lücken, um ihr schnelles offensives Kombinationsspiel aufzuziehen. Das Führungstor in der 14. Minute entsprang aber einem Schalker Deckungsfehler und einem Patzer des Abwehrchefs Salif Sané, der eine schon geklärte Hereingabe durch einen technischen Fehler wieder scharf machte. Den anschließenden Schuss von Yussuf Poulsen aus der Nahdistanz konnte Nübel noch mit starker Reaktion an die Latte lenken, aber den Abpraller brachten die Schalker nicht aus dem Gefahrengebiet, schließlich staubte Timo Werner ab.

Dieses Gegentor ernüchterte die positive Stimmung auf den Rängen und veränderte das Geschehen zugunsten der Gäste, die dank ihrer ausgereiften Spielanlage die volle Kontrolle besaßen. Wo RB den Ball kreiseln ließ und immer wieder die freien Räume bediente, blieb es auf Schalker Seite beim ehrlichen Bemühen. Einen dieser Momente hätte Uth zum Ausgleich nutzen können, doch sein Schuss war zu schlapp, um gefährlich zu werden (32.). Poulsen verpasste auf der Gegenseite die Chance zum 0:2. So ging es mit der knappen Leipziger Führung in die Pause, aber immerhin: Pfiffe gab es keine auf den Rängen. Ein kleiner Lohn für einen kleinen Fortschritt.

In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild, von der spielerischen Dominanz der Gäste war nicht mehr allzu viel zu sehen. Schalke eignete sich das Spiel mit Kampf und Durchsetzungsvermögen an und stand auch in der Abwehr solide wie in besseren Zeiten. Breel Embolo und Mark Uth traten nun auch als Stürmer in Erscheinung, nicht bloß als Einzelkämpfer in vorderster Front. An Chancen für die Knappen mangelte es nicht. Doch Uth, Sané und Suat Serdar verfehlten - wie später Burgstaller und Bruma - jeweils das Ziel, womit schon mal das Trainingsprogramm für die nächsten 14 Tage geklärt sein sollte: Schussübungen von früh bis spät gehören auf den Lehrplan. Stevens kann mit einem vollen Kader das hochgradig wichtige Spiel in Hannover vorbereiten, die Nationalspieler Uth und Rudy haben von Joachim Löw keine Einladungen erhalten, Nübel sagte dem U 21-Team ab, um die Arbeit im Verein fortzusetzen. Lediglich drei Punkte trennen den auf Platz 15 gefallenen Vizemeister noch vom Relegationsplatz.

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