Schalke in den Playoffs zur Champions League:Knüppel, Pfefferspray und ein Unentschieden

Lesezeit: 3 min

FC Schalke 04 v PAOK Saloniki - UEFA Champions League Play-offs: First Leg

20 Minuten vor Spielschluss kommt es zum Polizeieinsatz im Schalker Fanblock.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Es reicht nur zu einem schwachen 1:1, Jefferson Farfán verletzt sich - und dann stürmen auch noch Polizisten den Fanblock. Im Hinspiel der Champions-League-Playoffs gegen Paok Saloniki geht bei Schalke einmal mehr alles schief. Den massiven Polizeieinsatz kritisiert der Verein scharf.

Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen

Es bildeten sich dünne Schweißperlen auf der Stirn von Jens Keller. Natürlich wusste der Trainer des FC Schalke 04, dass er nicht gerade mit Zustimmung rechnen konnte in der Debatte nach dem kargen 1:1 im Playoff-Hinspiel um die Champions-League-Teilnahme gegen Paok Saloniki. "Wir können mit dieser Leistung sehr zufrieden sein", sagte Keller, sprach gar von einer "überragenden ersten Halbzeit", schließlich habe man nicht "gegen irgendeine Mannschaft gespielt". Das waren große Worte für die mittelmäßige Darbietung, aber offenbar haben die Schalker in ihrem Krisensumpf einfach beschlossen, grundsätzlich anderer Meinung zu sein als die meisten Beobachter.

Kapitän Benedikt Höwedes erklärte mehrfach, dass er sich diese Leistung "nicht kaputtreden" lasse und Julian Draxler meinte. "Ich bin sicher, dass wir einen ersten Schritt zur Trendwende hin gemacht haben." Gewiss hatte die Mannschaft besser gespielt als in der desaströsen zweiten Halbzeit am vergangenen Samstag beim 0:4 in Wolfsburg, aber der Champions League würdiger Spitzenfußball sieht anders aus. Da die Schalker sich vor der Saison selbst zu einem Spitzenteam erklärt haben, einige Spieler hatten gar Meisterschaftsambitionen formuliert, wirkt es nun reichlich merkwürdig, dass so ein Spiel derart gelobt wird.

Das Team hatte kaum Torgefahr erzeugt, war zwar durch Jefferson Farfán nach beharrlicher Arbeit verdient mit 1:0 in Führung gegangen (32.), ließ aber in der zweiten Hälfte derart nach, dass der Ausgleich niemanden verwundern durfte (Miroslav Stoch, 73.).

Überzeugend war allein das Publikum, dass all die Fehlpässe und Unsicherheiten tapfer ertrug, es gab keine Pfiffe, niemand schimpfte, offenbar wollten die Leute sich nicht vorwerfen lassen, sie hätten mit ihrem privaten Ärger zu einem Misserfolg beigetragen. Die Lust auf die Gruppenphase erzeugte eine beachtliche Selbstdisziplin. Dennoch kippte die Stimmung 20 Minuten vor dem Abpfiff, als eine große Polizeieinheit einen Block stürmte, in dem sich hauptsächlich Mitglieder der Fangruppe Ultras Gelsenkirchen (UGE) aufhielten.

Es kam zu wilden Prügeleien, in die derart viele Leute involviert wurden, dass jeder im Stadion sich fragen musste, was da los ist. Schlagstöcke und Pfefferspray kamen zum Einsatz, es waren erschreckende Szenen. Die Hintergründe der massiven Aktion wurden nach der Partie klar. Im Schalker Block hing eine Fahne der mit den Gelsenkirchener Ultras befreundeten mazedonischen Fangruppierung "Komiti Skopje", von der sich die griechischen Anhänger angeblich provoziert fühlten. Skopje ist die Hauptstadt Mazedoniens, das seit dem Zerfall Jugoslawiens eine politische Auseinandersetzung mit Griechenland führt.

Unbeteiligte geraten in die Auseinandersetzung

Es geht um den Namen des Landes, Makedonien ist ja auch jener griechische Landstrich, deren Hauptstadt Thessaloniki ist. Außerdem leiteten die Griechen aus der mittlerweile geänderten ersten Verfassung der jungen Republik Mazedonien territoriale Ansprüche des Nachbarn ab. Erst nach zähen Verhandlungen wurde die ursprüngliche Staatsflagge Mazedoniens, die sechszehnstrahlige Vergina-Sonne, die Griechenland zu seinem kulturellen Erbe rechnet, durch eine achtstrahlige Sonne ersetzt.

Auf Schalke hing nun eine Version mit sechzehn Strahlen, allein das Aufhängen dieser Flagge erfülle den "Straftatbestand der Volksverhetzung", sagte eine Polizeisprecherin der ARD. Deshalb forderten die Beamten die Ultras - wohl zunächst telefonisch - auf, das umstrittene Transparent zu entfernen. Nachdem erste Versuche gescheitert waren, die Anhänger das Tuch entfernen zu lassen, wurde der Block gestürmt.

Auch Unbeteiligte gerieten in die Auseinandersetzung, kaum noch jemand auf der Nordkurve konnte das Spiel verfolgen, erfahrene Stadionbesucher berichteten von "großer Angst", und davon, dass sie ihre Kinder nicht mehr mit ins Stadion bringen werden, solange sie fürchten müssen, dass die Polizei derartige Operationen durchführt.

Auch Verantwortliche von Schalke kritisierten das Eingreifen der Polizei. "Dieser Einsatz war völlig unverhältnismäßig, wir können dies absolut nicht gutheißen und bringen dafür nicht das geringste Verständnis auf", sagte Finanzvorstand Peter Peters und forderte eine Aufarbeitung des Falls.

Manager Horst Heldt zürnte angesichts der Vorkommnisse. Ob am kommenden Wochenende beim Spiel in Hannover Ähnliches zu befürchten sei, wenn die Schalker Fans "eine Flagge mit Symbolen von Eintracht Braunschweig", dem Erzrivalen des kommenden Gegners, aufhängen, fragte er sich. Zumal der griechische Block mit dem Abfeuern von Kanonenschlägen nicht nur provoziert, sondern im Gegensatz zu den offenbar unbelehrbaren Schalker Ultras auch die Gesundheit der Besucher gefährdet hatte. "Eigentlich hätte die Polizei hier eingreifen müssen, wenn sie schon auf eine Tribüne geht", sagte Heldt.

Die Gelsenkirchener Polizei rechtfertigte dagegen den Einsatz. "Zur Sicherung des polizeilichen Einsatzes und insbesondere zum Schutz der eingesetzten Kräfte war ein massiver Einsatz von Pfefferspray und Schlagstock notwendig", heißt es in einer Mitteilung am Donnerstagvormittag.

Als hätten die Schalker wegen der katastrophalen Spiele nicht schon Ärger genug, müssen sie sich nun also auch noch mit dieser Sache auseinandersetzen. Ein ungünstigerer Saisonbeginn ist kaum vorstellbar. Zumal nach Klaas-Jan Huntelaar nun auch noch Jefferson Farfán auszufallen droht. Er zog sich bei einem Zusammenprall in der Schlussphase der Partie eine schwere Knöchelprellung zu. Dies teilte der Klub nach einer Untersuchung am Donnerstag mit. Sein Einsatz im Bundesligaspiel bei Hannover 96 am Samstag und im Rückspiel in Saloniki am kommenden Dienstag ist gefährdet.

Irgendwie ist vor dem Hintergrund all dieser Schreckensereignisse sogar verständlich, dass die Schalker ihre Leistung nach so einem Abend ein wenig beschönigen.

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