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Grammozis bei Schalke 04:Die Braut kommt in Blau

Nachdem er mehrmals verschmäht worden war, tritt Dimitrios Grammozis seinen schwierigen Job als neuer Cheftrainer bei Schalke an. Er steht vor kolossalen Aufgaben.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

18 Kilometer südlich von Essen im Kreis Mettmann liegt die Stadt Velbert. Hier ist Dimitrios Grammozis zu Hause, und hier hat der Hausherr über Monate geduldig ausgeharrt, bis ihn am Wochenende endlich der erhoffte Anruf aus Gelsenkirchen erreichte. Seit dem vorigen Sommer hätte Grammozis längst den einen oder anderen Job annehmen können, er hatte genügend Angebote, aber er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass seine Chance noch mal kommen könnte.

Vermutlich hat also am Sonntag sein Herz ein wenig schneller geschlagen, als er von der Entlassung des Trainers Christian Gross bei Schalke 04 erfuhr, und tatsächlich hat es dann ja auch nicht lang gedauert, bis sich der neue Sportmanager Peter Knäbel meldete und um ein Treffen bat.

Als Grammozis Ende September Schalkes damaligem Sportvorstand Jochen Schneider als Anwärter auf die offene Trainierstelle begegnete, hatte er die Rolle des Außenseiterkandidaten. Schneiders Favorit hieß Manuel Baum, der Mann aus Niederbayern setzte sich durch. Bei der nächsten Trainerkür des Tabellenletzten kaum zwei Monate später hatte Schneider abermals einen anderen Spezialisten im Sinn, den ehrenwerten Schweizer Gross, der sich allerdings auch nicht als Glücksgriff erwies.

Am Mittwoch aber war es endlich so weit. Dimitrios Grammozis, 42, saß mit einer für hiesige Verhältnisse ungewohnt guten Laune im Pressesaal der Schalker Arena und ließ sich als neuer Trainer des Traditionsklubs vorstellen. Die Vorgeschichte war natürlich ein Thema der Fragerunde. Warum er überhaupt Ja zu Schalke gesagt habe, nachdem ihn die Braut zweimal verschmäht hatte, wollte ein Reporter wissen. "Wichtig ist, dass man dranbleibt, wenn man von der Braut überzeugt ist", erwiderte Grammozis schlagfertig. Nun habe Knäbel "die Braut zum Mann gebracht", setzte der neue Trainer seinen Faden fort.

Erklärtes Ziel: "Am Freitag gegen Mainz ein gutes Spiel abliefern."

Im September war Grammozis noch als Bewerber aufgetreten, inzwischen scheint sich das Verhältnis umgekehrt zu haben. Jetzt war Schalke der Interessent. Peter Knäbel, der fürs Erste das Sagen hat im Sport, stellte Grammozis nicht nur als "wichtigsten Angestellten des Vereins", sondern als Ideallösung dar: "Der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Nachdem es zunächst hieß, Schalke wolle sich mit der langfristigen Trainerlösung lieber Zeit lassen bis zur Neuordnung des Managements, betonte Knäbel nun, "die beste Variante" gewählt zu haben. Sie werde beiden Ansprüchen gerecht: den Ansprüchen an die restlichen Spiele der laufenden Saison und dem Neubeginn in der nächsten Saison, mutmaßlich in der zweiten Bundesliga. Vor dem drohenden Abstieg samt Tränen und Gefühlsausbrüchen ist Grammozis nicht bang.

"Ich weiß, worauf ich mich einlasse, ich weiß, wie Schalke 04 tickt", versicherte er selbstbewusst. Nähe zum Verein ergibt sich zumindest aus der Vorgeschichte. Viele Jahre hat Grammozis als Jugendtrainer beim VfL Bochum gearbeitet, bevor er beim SV Darmstadt 98 seine bisher einzige Station als Chefcoach im Profifußball absolvierte. In Darmstadt schaffte er trotz gefährlicher Lage den Klassenerhalt, auf Schalke wollte er jetzt lieber keine Versprechen abgeben. Erklärtes Ziel: "Am Freitag gegen Mainz ein gutes Spiel abliefern." Auch das könnte ja schon eine enorme Steigerung bedeuten.

© SZ/sjo
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