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Neuer Trainer:Schalke überrascht sein Publikum

Dimitrios Grammozis 2019 als Trainer von Darmstadt 98

Dimitrios Grammozis war beim VfL Bochum beschäftigt, dann in Darmstadt - und demnächst vermutlich in der zweiten Liga bei Schalke 04.

(Foto: Jan Huebner/Imago)

Wenige Tage nach der Massenentlassung legt sich Schalke auf den neuen Trainer fest: Dimitrios Grammozis soll das Team doch noch mal in den Abstiegskampf führen - mit einer speziellen Vertragsklausel.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Sogar über dem Stammsitz des derzeit untröstlichen FC Schalke 04 schien am Dienstag die Sonne, keine Wolke trübte den Himmel. Im hellen Licht standen Spieler auf dem Trainingsplatz, die man dort lange nicht gesehen hatte, unter anderen der seit Dezember vermisste Abwehrspezialist Salif Sané oder der im frühen Herbst mit einer Knieverletzung abhandengekommene Mittelstürmer Goncalo Paciencia.

Auch der Mann, der die Übungen des Teams koordinierte, war ein Rückkehrer in den Tagesbetrieb: Mike Büskens, 52, hatte noch kurz vor Weihnachten dem zwischenzeitlich eingesprungen Not-Trainer Huub Stevens assistiert. Nun half er nach den Massenentlassungen vom Wochenende, die den halben Trainerstab getroffen hatten, selbst als Interimscoach aus, doch viel länger als eine Trainingseinheit wird seine Amtszeit als Chef wohl nicht dauern. Schon beim nächsten Treffen der Profis wird Dimitrios Grammozis als neuer Hauptverantwortlicher die Aufsicht führen und damit die Nachfolge des in die Schweiz heimgekehrten Christian Gross antreten.

Die Bestätigung des Vereins erfolgte zur besten Sendezeit am Abend, pünktlich vor Beginn der "Tagesschau". Erster Einsatz für Grammozis ist dann am Freitagabend das Heimspiel gegen Mainz 05. Dann geht es um die verbliebene Mini-Chance, doch noch einmal in den Abstiegskampf einzusteigen.

Schalke streut eine ordentliche Dosis Skepsis unter das Volk

Mit der schnellen Entscheidung für den nächsten Vorarbeiter ist es Schalke wieder mal gelungen, sein Publikum zu überraschen - und eine ordentliche Dosis Skepsis unters Volk zu streuen. Viele fragen sich, ob der Verein mit dem Trainerbeschluss nicht besser gewartet hätte, bis er sein dezimiertes Management sortiert hat. Der 42-jährige Grammozis soll angeblich einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison enthalten, der logischerweise auch im Abstiegsfall gelten würde. Spekulationen über ein Engagement von Paderborns Coach Steffen Baumgart, an dem Schalker Offizielle Interesse bekundet hatten, erübrigten sich damit. Oder doch nicht? Grammozis und Schalke sollen bis zum Sommer eine beidseitige Probezeit vereinbart haben.

Der in Wuppertal geborene, langjährige Bundesligaspieler (unter anderem Hamburger SV, 1. FC Kaiserslautern) hatte zuletzt den SV Darmstadt 98 in der zweiten Liga trainiert. Dort war er nicht nur ziemlich erfolgreich, sondern auch ziemlich beliebt. Dennoch konnte er sich mit dem Verein im vorigen Frühjahr nicht auf eine weitere Zusammenarbeit einigen, es gab unterschiedliche Vorstellungen zur Vertragsdauer und einige Irritationen, im Sommer ging man auseinander.

Ende September führte Grammozis bereits aussichtsreiche Gespräche mit einem namhaften Bundesligaklub, bei dem kurzfristig eine Stelle zu besetzen war. Mit Grammozis habe es "gute Gespräche" gegeben, berichten Beteiligte - am Ende entschied sich das Management des FC Schalke aber lieber für Manuel Baum. Insofern musste jetzt auch keine Findungskommission tätig werden - der neue Mann hatte längst vorgesprochen in Gelsenkirchen.

Und wieder häufen sich die Indiskretionen

Als nach lediglich zwei Monaten auch Baums Stern zu sinken begann, hatte Sportvorstand Jochen Schneider den nächsten Nachfolger schon zur Hand: Christian Gross, 66, war seine Wahl, die er quasi im Alleingang traf. Die beiden kannten sich aus gemeinsamen Zeiten beim VfB Stuttgart, und gemeinsam ereilte sie am Sonntag auch die Kündigung in Gelsenkirchen.

Schneiders kommissarischer Nachfolger ist seit Sonntagmittag der bisherige Nachwuchsdirektor Peter Knäbel, 54. Die erste öffentliche Wortmeldung übermittelte er am Montagabend über den Haussender Schalke TV. Ein Kern seiner Ausführungen galt dem neuen Cheftrainer, den man nun finden müsse. Knäbel bat um Geduld: Diese Personalie müsse "sorgfältig" durchdacht und "gut abgeklärt sein" , denn sie sei "äußerst wichtig für die Zukunft des FC Schalke 04".

Umso erstaunlicher, dass sich bereits am Dienstagvormittag die zuverlässig auftretenden Indiskretionen häuften. Der neue Mann sei bereits gefunden, hieß es überall mit Verweis auf Grammozis. Der Verein dementierte die Nachricht nicht. Angeblich wurde noch über die Geltungsdauer des Vertrages verhandelt. Beim Alt-Schalker Büskens erübrigen sich solche Gespräche. Er soll, so Knäbel, als "Anker" des Vereins nicht mehr provisorisch, sondern dauerhaft einen Platz bei der Mannschaft einnehmen. Seine Rolle sei es nun, der "Hermann Gerland von Schalke" zu sein, teilte Büskens mit.

© SZ/cca
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