S04 in der 2. Liga:Noch ist Schalke eine Baustelle

Trainingslager des FC Schalke 04 in Mittersill

Startet auf Schalke mit einer runderneuerten Mannschaft in die Zweitliga-Saison: Trainer Dimitrios Grammozis.

(Foto: Tim Rehbein/RHR-Foto/imago)

Mit einem erstaunlichen Realitätssinn lässt sich der Traditionsklub auf die zweite Liga ein. Der Königstransfer ist ein Isländer - und von der Welt der üppigen Gehälter ist man meilenweit entfernt.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Der Reporter der Ruhr Nachrichten hatte sehr genau hingesehen: Als Amine Harit kürzlich im Testspiel gegen Schachtjor Donezk zu Boden fiel und mit schmerzvoller Miene liegenblieb, erkannte der Korrespondent mit zweifellos messerscharfem Blick, wie sich bei Rouven Schröder und Dimitrios Grammozis "die Nackenhaare sträubten". Schalkes Sportchef und Cheftrainer durften sich aber schnell beruhigen. Harit erhob sich wieder zu voller Größe und spielte weiter.

Dass der 24 Jahre alte Franzose überhaupt noch für Schalke 04 spielt, dürfte manchen der 500 Zuschauer beim Match im Trainingslager in Mittersill, Österreich, überrascht haben. Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison hatte Harit unter unstillbaren Tränen das Spielfeld in Köln verlassen, aber es war sicher weniger der längst dingfeste Abstieg, den er betrauerte, und schon gar nicht die 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Köln. Eher überwältigte ihn wohl das Bewusstsein von vier maximal turbulenten Jahren in königsblau, die nun ans Ende gelangten. Dass er den Klub in die zweite Liga begleiten würde, das erschien für alle Beteiligten ausgeschlossen.

Doch jetzt steht er wieder auf dem Trainingsplatz. Als Schalke unter Trainer David Wagner noch auf die Champions League zumarschierte, hatte Harit seinen Vertrag bis ins Jahr 2024 verlängert - zu Konditionen, die hausintern damals schon für mindestens grenzwertig gehalten wurden. Bis sich ein Abnehmer findet, der diese Bedingungen akzeptiert und auch noch Ablöse bezahlt, gehört der schnelle Techniker als teures Relikt besserer Tage dem Profikader an, was die Verantwortlichen gelegentlich zu Gewissensentscheidungen nötigt. Sein Einsatz gegen Donezk sollte ein Lohn für Trainingseifer sein, eine Verletzung war freilich besonders unerwünscht - dann würde wohl kein Verein die ersehnten 15 Millionen Euro für Harit bezahlen. Die gesträubten Nackenhaare von Sportchef Schröder brachten diese Sorge zum Ausdruck.

Sportchef Schröder hantiert mit Stückzahlen wie der Hafenmeister von Shanghai

Schröder, 45, vormals in Bremen und Mainz tätig, Ende Mai heimgekehrt in den Westen, ist der Jongleur unter Deutschlands Fußballmanagern: Während er Schalkes Erstligavergangenheit abwickelt, konstruiert er gleichzeitig die Zweitligazukunft des Vereins, er hantiert dabei mit Stückzahlen wie der Hafenmeister von Shanghai. Die Menge der Transferbewegungen dürfte sogar dem großen Rangiermeister Felix Magath imponieren.

Zwanzig Profis haben den Verein bereits verlassen, neun sind gekommen, jeden Tag schraubt Schröder an einem neuen Datenstand. Vermeldete der Klub am Montag die (zeitweilige) Übernahme des 18 Jahre alten russischen Mittelfeldtalentes Yaroslaw Mikhailow, so ging es anderntags schon um die Verabschiedung des zweiten Torwarts Markus Schubert, der trotz laufenden Vertrages ablösefrei zu Vitesse Arnheim wechseln darf. Schalke hätte ihn, wie so manchen anderen, gern behalten. Doch Schuberts Gehalt, 2019 großzügig bemessen, als er im Rang des U-21-Nationaltorwarts ablösefrei aus Dresden kam, sprach dagegen.

Die Bauarbeiten werden sicherlich bis zum Schließen des Transferfensters am 31. August andauern, ob Schalke 04 dann eine Mannschaft unterhält, die um den Aufstieg mitspielt, vermag auch der Bauherr nicht zu sagen. "Das ist nicht seriös zu prognostizieren", findet Schröder. Ihm fällt außer Mitabsteiger Werder Bremen und dem bereits notorischen Aufstiegsfavoriten Hamburger SV ein halbes Dutzend weiterer Klubs ein, die für die Plätze eins bis drei in Frage kämen: Heidenheim, Kiel, St. Pauli, Düsseldorf, Nürnberg, Hannover. Außerdem weiß Schröder, dass der ligatypische X-Faktor stets Kandidaten wie Sandhausen oder Paderborn in die Spitzengruppe befördert, die gar nicht geahnt hatten, dass sie Kandidaten sein könnten: "In der zweiten Liga gibt es kein Mittelfeld, nur Auf- und Abstiegskampf, deswegen wird es - wie jedes Jahr - die eine oder andere Überraschung geben."

Auf dieses tückische Biotop lässt sich der Klub mit einem für seine Verhältnisse erstaunlichen Realitätssinn ein. Kenner loben besonders den Königstransfer der Königsblauen: Der heißt angeblich nicht Simon Terodde (eine quasi obligatorische Anschaffung, wie es Stuttgart, Köln und Hamburg vorgemacht haben), sondern Victor Pálsson. Der 30-jährige Isländer ist aus Darmstadt gekommen und gilt als Paradefall eines charakterstarken Zweitligaprofis. Auch vom Österreicher Reinhold Ranftl, 28, wird geschwärmt.

So sieht es aus, das neue Schalke. Sportvorstand Peter Knäbel, der im Frühjahr die Geschäfte von Jochen Schneider übernommen hatte, berichtete jetzt der Sportbild von einem radikalen Wandel: Der Stand der Verträge in der Profiabteilung habe ihm gezeigt, "in welcher Welt Schalke gelebt hat - heute fühle ich mich von dieser Welt endlos entfernt". Heute, so erzählte neulich ein führendes Mitglied des Aufsichtsrates, bekämen die neuen Spieler Monatsgehälter, die nicht höher seien als die Punktprämien der Spieler aus der vorigen Generation. Was ein Grund dafür ist, warum erstligataugliche Profis wie Matija Nastasic und Omar Mascarell ebenso wie Harit weiterhin auf der Verkaufsliste stehen.

Wer offenbar ewig bleiben möchte: die Fans. Lediglich zwei Prozent der Abonnenten haben im Laufe der epischen Krise ihre Dauerkarten gekündigt. Die Warteliste für die Nachrücker ist geschlossen worden. Zu viel Andrang.

© SZ/cca/sjo/cch
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