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Bundesliga:Schalkes erster Tag nach CT

Pressekonferenz FC Schalke 04

Schalkes David Wagner: Trainiert die Mannschaft auch noch länger

(Foto: dpa)

Aufsichtsratchef Clemens Tönnies ist weg, Trainer David Wagner bleibt: Traditionsklub Schalke 04 richtet sich sportlich auf harte Zeiten ein - und fordert Demut auch vom Umfeld.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Gemäß den üblichen Gepflogenheiten des Profifußballs saß auf dem Podium im Pressesaal der Schalke-Arena ein Mann, der dort nicht hingehörte. Und David Wagner sprach es auch selbst im Ton der Verwunderung aus, dass seine Teilnahme an dieser Veranstaltung in Anbetracht der Umstände "nicht alltäglich" sei. Alltäglich wäre es in der Tat gewesen, wenn sich Schalkes Trainer Wagner längst im Zustand der Beurlaubung befände, und wenn Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider vor den Journalisten auf der Pressekonferenz zum Saisonabschluss versichert hätte, der Verein fahnde "auf Hochtouren" nach dem geeigneten Mann für den vakanten Trainerposten.

Gewissermaßen war Wagner somit der lebende Beweis für die feierlich vorgebrachte Ansage, dass dieser 1. Juli 2020 "eine Zäsur" in der Geschichte des FC Schalke bedeute. Schneiders Vorstandskollege Alexander Jobst hatte dieses Wort verwendet, um klarzustellen, dass es ab sofort in Gelsenkirchen "kein Weiter so" gebe, und dass künftig wirtschaftliche Stabilität Vorrang habe vor ambitionierten Zielen.

David Wagner hat mit seiner Mannschaft von 17 Punktspielen der Rückrunde nur eines gewonnen - die Auftaktpartie am 18. Spieltag. Diese Bilanz, da hatte er recht, lässt es als ungewöhnlich erscheinen, dass er nicht längst mit freundlichen Worten vor die Tür gesetzt worden ist. Sein Vorgesetzter Jochen Schneider versicherte jedoch, dass sich nach der Gesamtansicht des Saisonverlaufs - mit einer sehr geglückten Hinrunde und einer unter schwierigen Bedingungen absolut missglückten Rückrunde -, alle Beteiligten einig gewesen seien, das Trainerteam im Amt zu belassen. "Dieser Reflex der Branche, gleich alle Mann auszutauschen - das sind wir nicht, das ist nicht Schalke 04", sagte Schneider.

Das hat man hier oft anders gehört, Geduld mit den Cheftrainern gehört nicht zu den klassischen Merkmalen dieses Traditionsvereins. Wagner sollte allerdings nicht glauben, dass er im nächsten Jahr grenzenloses Vertrauen des Managements besitzt und weiterhin an seinem Rekord der Serie von sieglosen Spielen stricken darf. Es sind auch die aktuellen Nöte, die dazu beitrugen, seinen Job zu erhalten. Schalke hat kein Geld dafür, den Trainer rauszuwerfen und weiter zu bezahlen, während auch der Nachfolger zu entlohnen ist. Der andere Punkt ist, dass die Vereinsführung in jüngster Zeit zu viele Enthauptungen erfahren hat, als dass es opportun wäre, auch noch in der sportlichen Abteilung harte Tatsachen zu schaffen. Der laut Jobst "überraschende" Rücktritt von Clemens Tönnies ist einstweilen personelle Zäsur genug für den Klub.

26 Jahre gehörte Clemens Tönnies dem Aufsichtsrat an, spätestens seit Rudi Assauers zornigem Ausscheiden 2006 war der ostwestfälische Unternehmer das inoffizielle und dennoch amtliche Oberhaupt des Schalke-Clans - und doch war sein Rückzug kaum noch ein Gesprächsthema, als jetzt der Stand der Dinge auf Schalke geschildert wurde. Jobst sagte, man habe sich nicht die Mühe gemacht, Tönnies vom Rücktritt abzubringen: "Wenn er einen Entschluss gefasst hat, dann steht der Entschluss auch."

Trainer Wagner findet, dass auch dem anspruchsvollen Umfeld "ein Stück Demut" jetzt guttäte

Das klang, als wollte man zügig zur neuen Tagesordnung übergehen. Am ersten Tag des Lebens nach CT, wie Tönnies gern gerufen wurde, sind die verbliebenen Führungskräfte Jobst & Schneider mit Geständnissen und Demutsgesten vor die Öffentlichkeit getreten. Durch fehlerhaftes Handeln und schlechte Kommunikation habe man Fans und Mitglieder "verschreckt", sagte Jobst, der Klub werde die alte Linie nicht fortsetzen können: "Die Wette in die Zukunft haben wir in den vergangenen Jahren mehrfach verloren." Lange habe man sich getröstet, dass der Verein "kein Einnahmen-, sondern allenfalls ein Ausgabenproblem" habe. Nun gebe es, nicht nur, aber wesentlich bedingt durch die Corona-Krise, auch ein Problem mit den Einnahmen. Deshalb stünden "massive Einsparungen an" sowie "eine Anpassung der sportlichen Ziele".

Sprich: Schalke richtet sich darauf ein, in den nächsten ein, zwei, drei Jahren nicht mehr um die europäischen Plätze mitbieten zu können. Von programmiertem Abstiegskampf war zwar noch nicht die Rede, das liegt aber sicher nicht daran, dass man diese Bedrohung außer acht ließe. Man kennt die zementierten Fronten in der Bundesligatabelle, Schalke reiht sich nun gedanklich in der unteren Hälfte ein. Dennoch klang der Sportvorstand Schneider erstaunlich munter, als er die Perspektiven entwarf: "Die Situation ist verdammt schwer, aber wenn wir aus dieser Situation herauskommen, haben wir wieder ein stabiles Fundament." Dann will man auch wieder den Europacup anpeilen.

Von teuren Verstärkungen kann vorerst keine Rede sein, immerhin bekannte sich Schneider zu dem Wunsch, den auslaufenden Vertrag mit Kapitän Benjamin Stambouli zu verlängern, mit Corona-Gehaltsrabatt natürlich. Die Fortschreibung der Gehaltsreduzierung für die Profis ist ohnehin vorgesehen. Trainer Wagner findet, dass nicht nur dem Klub, sondern auch seiner anspruchsvollen Umgebung und seiner stolzen Anhängerschaft "ein Stück Demut" jetzt guttäte: "Ja, wir sind der große S 04, aber nicht mehr der große S 04 von vor zehn Jahren." Damals spielten Stars wie Raúl, Klaas-Jan Huntelaar oder Manuel Neuer in Gelsenkirchen, die Stars von heute sind nun eher die Stars von morgen. Schneider ernannte den 18-jährigen Can Bozdogan zu einem "der wenigen Gewinner der Saison".

© SZ vom 02.07.2020/ska
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