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Schalke-Pleite gegen Wolfsburg:"Ich würde am liebsten in die Kabine gehen und weinen"

FC Schalke 04 - VfL Wolfsburg 21.11.2020, Fussball, Saison 2020/2021, 1. Bundesliga, 8. Spieltag, FC Schalke 04 - VfL W; Uth

Äußerte sich nach dem Spiel emotional: Mark Uth.

(Foto: Tim Rehbein/RHR-FOTO/Pool; imago/Tim Rehbein/RHR-FOTO)

Wieder nur Ansätze von Erstligatauglichkeit: Seit 24 Bundesliga-Spielen wartet S04 auf einen Sieg. Stürmer Mark Uth zeigt sich nach dem 0:2 gegen Wolfsburg völlig niedergeschlagen.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Neues Spiel, neues Glück - von Runde zu Runde gilt in Gelsenkirchen das alte Casino-Motto, aber auch am Samstagnachmittag rollte die Kugel nicht zugunsten der chronisch sieglosen Schalker, die Partie gegen den VfL Wolfsburg endete 0:2. Die in der Saison noch unbesiegten Niedersachen bestätigten mit einem sehenswerten Auftritt ihre starke Form und hatten die Sache vom Anfang bis zum Ende im Griff. Schnelle Tore durch Wout Weghorst und Xaver Schlager belegten das Selbstbewusstsein der Gäste. Für die Schalker blieb lediglich der Gewinn, dass sie sich aus ihrer zwischenzeitlich bedenklichen Unterlegenheit befreien konnten und ein drohendes Debakel abwendeten. Die zweite Halbzeit gestalteten sie ausgeglichen und verpassten eine Reihe von Gelegenheiten zum Anschlusstreffer. Ein Trost ist das allerdings kaum nach nunmehr 24 Liga-Spielen ohne Sieg. Auf dem Abstiegsplatz hat man sich nun bereits häuslich eingerichtet.

"Wir sind natürlich enttäuscht und auch sauer, vor allem, was die ersten 30 Minuten betrifft", lautete Manuel Baums Analyse. "Sowohl mit Ball als auch gegen den Ball haben wir überhaupt nichts auf die Platte gekriegt", meinte der Schalker Trainer.

Stürmer Mark Uth zeigte sich vor dem Sky-Mikrofon völlig niedergeschlagen: "Ich bin so bedient, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist so traurig, machtlos Fußball zu spielen. Wir werden hergespielt, kommen nicht in die Zweikämpfe rein, kriegen nicht eine gelbe Karte. Wir spielen alle sehr, sehr schlechten Fußball. Ich weiß nicht, wie wir so ein Spiel gewinnen wollen." Auf die Frage, was nun geschehen soll, meinte er: "Wir müssen weitermachen. Ich bin momentan so bedient und sauer. Ich würde am liebsten in die Kabine gehen und weinen."

Dabei hatte der Tag mit einer Erfolgsmeldung begonnen. Sieben Wochen hatten ihn die Schalker sehnsüchtig vermisst, am Samstag stand Suat Serdar wieder auf dem Platz. Mit ihm verband Baum die Hoffnung, das notorisch von Zufälligkeiten geprägte Offensivspiel systematischer und dynamischer zu gestalten, aber bevor sich Serdar der Beschleunigung der Angriffe widmen konnte, sahen er sich mit seinen Kollegen in die Defensive gezwungen.

Die Wolfsburger traten vom Anstoß weg in Erscheinung, als hätten sie sehr viel Kraftfutter gefrühstückt, die Schalker schienen dagegen eine denkbar karge Mahlzeit erhalten zu haben. Kaum drei Minuten waren bestritten, da wurde es schon kochend heiß im Schalker Strafraum, die folgende Ecke brachte bereits das 0:1, Mittelstürmer Weghorst hatte Zeit genug, die Flanke von Maximilian Arnold zu berechnen und zu verwerten - sein Gegenspieler Malik Thiaw hielt respektvoll Abstand.

Wolfsburg ist Schalke auch physisch überlegen

Die Abwesenheit der Stammverteidiger Salif Sané (verletzt) und Ozan Kabak (angeschlagen auf der Bank) machte sich im Schalker Abwehrverbund bemerkbar, es herrschte große Unruhe im Deckungszentrum, wenn sich die energischen, überaus dominant auftretenden Wolfsburger näherten. Auch der junge Rechtsverteidiger Kilian Ludewig verlor regelmäßig den Kampf gegen seine Nervosität und musste reichlich Lehrgeld zahlen. Der physisch massiv überlegene VfL ließ die Bälle mit Pass-Schärfe und Präzision zirkulieren, die Blauen liefen hinterher und verstanden es nicht, sich gegen die schnellen Angriffswellen zu organisieren.

Frederik Rönnow, jetzt auch offiziell die Nummer Eins im Schalker Tor, bekam Arbeit im Minuten-Takt und räumte weg, was er zu packen bekam. Mehrmals drohte das 0:2 und in der 22. Minute war es soweit. Wieder gab es einen dieser rasant und direkt vorgetragenen Vorstöße, an dessen Ende gleich zwei Wolfsburger frei im Strafraum standen: Weghorst traf den Ball nicht richtig, legte ihn dadurch aber für Schlager passgenau zum Einschuss bereit. Es sah nun einigermaßen prekär aus für die Schalker, aber der Wolfsburger Vorwärtsdrang ließ in Anbetracht der beruhigenden Führung ein wenig nach. Allmählich zahlte sich auch Serdars Anwesenheit aus, es gab Ballgewinne und ein paar Szenen, die dem Anspruch auf Erstliga-Fußball gerecht wurden.

Mit Baums Umstellung wird das Schalker Spiel besser

Baum reagierte zudem mit einer markanten Auswechslung: Amine Harit, als Kreativspieler ineffektiv, als Ballverlustfaktor eine ständige Gefahr für die Mitspieler, musste nach 38 Minuten gehen (und tat das mit einem grußlosen Sprint in den Kabinentunnel), Benito Raman kam. Später meldeten die Statistiker: Harits Quote an gewonnenen Zweikämpfen lag bei null Prozent - klingt rekordverdächtig. Nun zogen die Schalker zumindest in gleicher Anzahl ins Gefecht und kamen vor der Pause durch Goncalo Paciencia und Raman sogar noch zu guten Gelegenheiten.

Der Trend setzte sich auch in der zweiten Hälfte fort, Wolfsburg sah sich herausgefordert. Baum hatte die Abwehr entkernt, von Fünfer- auf Viererkette umgestellt und mit Skrzybski einen weiteren Angreifer eingesetzt, all das äußerte sich in einer zarten Belagerung des Wolfsburger Strafraums und weiteren Chancen durch Paciencia, Skrzybski und nochmal Paciencia. "Erst nachdem wir umgestellt haben, ist es etwas besser geworden", merkte auch Baum an.

Zwischendurch hätte Weghorst allen Zweifeln ein Ende machen können, scheiterte aber an Rönnow (61.). Schließlich erlahmte aber der Schalker Glaube, die Partie noch drehen zu können, beide Seiten begnügten sich nun mit dem Standardprogramm. Der finale Knall blieb den Schalkern vorbehalten - Benito Ramans Gewaltschuss in der Schlussminute machte viel Krach, landete aber bloß an der Latte. Leichter wird´s jetzt nicht mit dem ersten Sieg für den heftig gestürzten Riesen aus Gelsenkirchen: Die nächsten Gegner heißen Mönchengladbach und Leverkusen.

© SZ/schm

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