Start der Schach-WM:Geist gegen Geist

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Im Freien werden in dieser Jahreszeit nur noch selten Schach-Partien ausgetragen. Im Internet begeistert das Strategiespiel Millionen.

(Foto: Moritz Frankenberg/dpa)

Schach ist ganz anders als das Leben - Glück und Zufall gibt es hier nicht. Warum das jahrhundertealte Spiel einen neuen Boom erlebt.

Von Marc Hoch

An diesem Freitag wird wieder Schach-Geschichte geschrieben: In Dubai trifft der brillante Analytiker und amtierende Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen auf seinen Herausforderer Jan Nepomnjaschtschi aus Russland. Mehr als zwei Wochen lang werden sie in 14 Partien unter sich ausmachen, wem die Krone in diesem Königsspiel zusteht.

Schachweltmeisterschaften üben noch immer eine Faszination aus: Geist gegen Geist, Strategie gegen Strategie, Angriff gegen Verteidigung. Schach ist dabei ganz anders als das Leben, denn Glück und Zufall gibt es hier nicht. Als Bobby Fischer 1972 in Reykjavik gegen den Russen Boris Spasski Weltmeister wurde, verfolgte die ganze Welt diesen Stellvertreterkampf der Systeme.

Auch in der dunklen Corona-Ära hat der Sport nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt. Dank des Internets ist die Leidenschaft für das Spiel bei vielen sogar fast in eine manische Sucht umgeschlagen. Zu jeder Tageszeit kann man auf den großen Online-Plattformen chess.com oder lichess.org ein Schachspiel ausfechten. Millionen Menschen sind dort registriert und spielen in Kurz-Partien, die oft nur ein paar Minuten dauern, gegeneinander. Schach wirkt hier wie eine Augenblicksdroge, die mit einer stundenlangen klassischen Partie wie in Dubai nicht viel zu tun hat.

Die wichtigsten Faktoren für die Faszination des Denksports bleiben die Großmeister

Doch diese Blitzpartien haben den Boom des Schachsports befördert, denn sie haben ihn aus der Ecke genialer Kopfmenschen herausgeholt. Dazu beigetragen haben auch die Schachspieler selbst. In den Achtzigerjahren, als Garri Kasparow und Anatoli Karpow bis zur totalen Erschöpfung ihre epischen Kämpfe ausfochten, übersetzte der deutsche Schachgroßmeister Helmut Pfleger im Fernsehen die unsichtbaren Gedanken. Heute kann man Carlsen und anderen Spielern bei Blitzspielen im Internet live zuhören, wie sie kommentieren, warum sie gerade diesen Zug machen.

Zusätzlich gibt es Youtube-Erklärer wie den Kroaten Antonio Radić, der auf seinem Kanal "Agadmator" mehr als eine Million Follower hat. Fast täglich stellt er die wichtigsten Partien bei den großen Schachturnieren vor. Es soll Menschen geben, die vor dem Schlafen wie Kinder das Sandmännchen seine Videos schauen.

Doch die wichtigsten Faktoren für die Faszination des Denksports bleiben die Großmeister. Carlsen ist seit 2013 Weltmeister, und viele setzen beim Titelkampf in Dubai auf ihn. Doch womöglich wartet sein größter Herausforderer gar nicht bei der WM auf ihn. Denn da gibt es noch den erst 18-jährigen Alireza Firouzja. Der iranisch-französische Spieler gilt neben Carlsen als derzeit größter Star im Schachsport. Seit Sonntag gehört er in die Super-Klasse der wenigen Spieler, die bei der für die Spielstärke maßgeblichen Elo-Zahl die Marke 2800 erreicht haben. Nie war ein Super-Großmeister jünger als er. Firouzja ist ein Generationentalent, wie Carlsen es selbst war.

Solche Supertalente bereichern die Szene und begeistern die Jugend. Sie zeigen, was Wille und Geist aus einem Menschen machen können - wenn dazu noch Obsession kommt. Von Albert Einstein soll das Zitat stammen: "Schach ist das Spiel, das die Verrückten gesund hält." Vielleicht erklärt gerade das die Popularität in dieser Corona-Zeit.

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