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SC Paderborn:Der Wiederabstieg als Startrampe

SC Paderborn 07 - 1. FSV Mainz 05

Tabellenschlusslicht Paderborn hat in dieser Saison wenig zu jubeln: Nur drei Siege gab es in den bisher 18 Spielen.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Beim SC Paderborn herrscht trotz des letzten Tabellenplatzes in der Bundesliga erstaunliche Ruhe.
  • Sportdirektor Przondziono distanziert sich von Aktionismus und riskanten Manövern. Er sähe auch in einem Abstieg einen Übergang in die Zukunft.
  • Ändern soll sich in Paderborn unabhängig von der Liga wenig, die Fehler aus dem letzten Bundesliga-Abstieg 2015 will man nicht wiederholen.

Vor einigen Wochen, beim Spiel gegen den Tabellenführer RB Leipzig, entrollten die Fans des SC Paderborn ein 50 Meter langes Spruchband, auf dem stand: "Kein Star auf dem Feld, nie das große Geld, bleibst Du so das Schönste auf der Welt." Das war eine Liebeserklärung an den eigenen Klub und eine Botschaft an die Fußballwelt da draußen mit all ihren Helden auf dem Feld und dem großen Geld. Auf dem letzten Tabellenplatz der Bundesliga gedeiht bei den Ostwestfalen eine geradezu buddhistische Genügsamkeit. Sollte Paderborn im Mai in die zweite Liga zurückkehren müssen, nähme man das tapfer hin. Schlimmer wäre der Abstieg allerdings, wenn zugleich die Arminia aus dem 35 Kilometer entfernten Bielefeld in die Bundesliga aufstiege.

Martin Przondziono, 50, ist Sportdirektor beim SC Paderborn und lässt sich von fünf Punkten Rückstand auf den drittletzten Platz noch nicht entmutigen. "Wir haben eine reelle Chance, den Klassenerhalt zu schaffen", sagt er, "aufgeben ist keine Option." Von 18 Spielen haben die Paderborner nur drei gewonnen und zwölf verloren. Doch nach fast jeder Niederlage wurden sie vom gegnerischen Trainer gelobt für ihr mutiges Pressing und ihr schnelles Umschaltspiel. In der Hinrunde haben sie gegen die Champions-League-Teilnehmer Leipzig, München und Leverkusen mit nur je einem Treffer Differenz verloren, in Dortmund haben sie sogar 3:3 gespielt und bei der 3:0-Führung in der ersten Halbzeit derart gut gespielt, dass sie es selbst kaum glauben konnten. Der Dortmunder Personaletat ist mehr als zehn Mal so hoch wie jener des SC mit 20 Millionen Euro.

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Przondziono ist mitverantwortlich dafür, dass sich die Sache mit den fehlenden Stars und dem kleinen Geld bereits ein bisschen verbessert hat. Die Paderborner Fußball-GmbH ist seit November erstmals überhaupt schuldenfrei, zudem wird sie im Sommer über ein Eigenkapital von knapp acht Millionen Euro verfügen. Und es könnten im Sommer sogar noch ein paar Milliönchen hinzukommen, wenn der Klub den einen oder anderen jener Spieler verkauft, die zumindest zu heimlichen Stars geworden sind: der Stürmer Streli Mamba, der Mittelfeld-Dauerläufer Sebastian Vasiliadis oder die Innenverteidiger Sebastian Schonlau und Luca Kilian. Sie alle haben ihre Bundesliga-Tauglichkeit individuell bewiesen, könnten aber auch gut eine abgeklärtere Mannschaft um sich herum gebrauchen. Paderborns Problem ist die Unerfahrenheit des Kollektivs.

Vorbild ist der SC Freiburg - in guten wie in schlechten Zeiten

Und so haben sie ein zwiespältiges Gefühl: Der SCP stärkt in dieser Saison sein Konto ebenso wie sein Image, aber er ist halt trotzdem Tabellenletzter und könnte am Ende seiner zweiten Bundesliga-Saison zum zweiten Mal sofort wieder absteigen. "Wir wussten vorher, dass das passieren kann", sagt Przondziono, der im Sommer den zu RB Leipzig gewechselten Markus Krösche beerbt hat. Przondziono war früher Chefscout beim 1. FC Nürnberg und bei Hannover 96. Der Niedersachse sähe einen Paderborner Abstieg nicht als Ende an, sondern als Übergang in eine Zukunft, in der man mit den gleichen Werten, dem gleichen Fußball und der gleichen Leidenschaft versuchen würde, Paderborn dauerhaft als eine der 36 besten Mannschaften Deutschlands zu etablieren.

"Deshalb", sagt Przondziono, "bewahren wir auch jetzt Ruhe und entwickeln keinen Aktionismus. Wir legen mit dieser Bundesliga-Saison den Grundstein für die kommenden Jahre und sind uns alle einig, nicht ins Risiko gehen zu wollen." In der Winterperiode wurde zwei Zugänge verpflichtet: der isländischen Nationalspieler Samuel Fridjonsson und der heimgekehrte Stürmer Dennis Srbeny. Mehr Neue werden es vielleicht gar nicht.

Keine Zweifel gibt es dem Vernehmen nach an Coach Steffen Baumgart: "Ein Trainer bekommt nie eine Garantie", sagt Przondziono, "allerdings sagen wir ja gerne, dass der SC Freiburg so ein bisschen unser Vorbild ist. Das darf er dann natürlich auch nicht nur in den guten Zeiten sein." Damit spielt Paderborns Sportchef darauf an, dass Freiburg nach dem Abstieg 2015 am Trainer Christian Streich festgehalten hat, mit ihm direkt wieder aufstieg und aktuell vorne mitspielt in der Bundesliga.

Daher wollen sie in Paderborn die eigenen Fehler von 2015 nicht wiederholen, als man zusammen mit Freiburg abstieg und das mannschaftliche Konstrukt derart auseinanderbrach, dass man danach bis in die dritte und fast sogar in die vierte Liga abstürzte. Sollte Paderborn absteigen, will man den Weg unbeirrt weitergehen: "Wir würden unseren Fußball nicht ändern, wir denken nicht kurzfristig, sondern in die Zukunft", sagt Przondziono, dem beim Spruchband im Heimspiel gegen Leipzig warm ums Herz wurde: "So sehe ich unseren Verein", sagt er, "dieser Zusammenhalt macht uns stark."

© SZ vom 23.01.2020/jjs
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