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SC Freiburg:"Wir wollen, dass die Jungs wegen der Ausbildung hier sind, nicht wegen des Geldes"

Steiert ist froh, wieder optimistischere Töne anschlagen zu können: "Schön wäre es, wenn wir Zwei pro Jahr hochschieben könnten und es einer davon in den Stamm schafft. Da sind wir ja gerade wieder dran." Damit dies gelingen kann, haben sie in Freiburg entsprechende Strukturen geschaffen: Steiert und der sportliche Leiter Schweizer nerven Christian Streichs Trainerstab immer wieder mit den Namen ihrer besten Nachwuchsleute. Der langjährige Bundesliga-Kapitän Julian Schuster, der vor eineinhalb Jahren seine Karriere beendet hatte, erhielt eine neu geschaffene Aufgabe als "Verbindungstrainer". Alle zwei Wochen ruft Schuster einige Spieler von der U17 bis zur U23 zum Sondertraining auf dem Trainingsplatz der Profis zusammen - interessiert beäugt von jemandem aus dem Bundesliga-Trainerteam.

Dass der Sprung nach oben in Freiburg immer noch eher möglich ist als bei den meisten anderen Klubs, wissen die jungen Spieler trotz der jüngsten Flaute. Im Bereich U19 und U23 habe zuletzt kein Spieler den SC verlassen, berichtet Steiert. Und das, obwohl man bis zur A-Jugend nach wie vor nur ein kleines dreistelliges Taschengeld zahle und ein Wechsel nach Wolfsburg, Dortmund, Leipzig oder sonst wohin mit immensen Gehaltssprüngen für die jungen Kicker verbunden wäre.

Was aber aus den hunderten Talenten wird, die es nicht schaffen, interessiert häufig nicht so sehr

Eine Insel antikapitalistischer Glückseligkeit ist Freiburg dennoch nicht: Die U23 musste sich zuletzt Kritik von RegionalligaKonkurrenten gefallen lassen, sie handele unsolidarisch und egoistisch. Tatsächlich trat der SC Freiburg II manchmal mit bis zu vier Bundesligaprofis an, die nach Verletzungen Spielpraxis sammeln sollten - zum Leidwesen der Gegner. Auch darüber hinaus nutzte der SC seine Privilegien als Unterbauteam eines erfolgreichen Erstligisten aus, indem er ein auf ein Länderspiel-Wochenende angesetztes Ligaspiel verlegen ließ, weil man einen Jungnationalspieler abstellen musste. Dass man sich so in Offenbach, Ulm oder Saarbrücken nicht beliebt macht, weiß Steiert. Er gibt aber zu bedenken, "dass viele solcher Traditionsvereine vergessen, wie viele Spieler sie bekommen, die aus den zweiten Mannschaften der Profivereine kommen."

Andere fragwürdige Praktiken, die in der Bundesliga üblich sind, verfolgt der SC in seiner Nachwuchsarbeit nicht. Manche Erstligisten locken wahllos dutzende Talente zu sich, weil sie wissen, dass nur ein einziger dieser Spieler, der den Sprung schafft und sich später auf dem wild gewordenen Transfermarkt teuer weiterverkaufen lässt, die Budgetbilanz der Profiabteilung um viele Millionen aufhübscht. Was aber aus den hunderten anderen Talenten wird, die mit 17 schon verhältnismäßig viel Geld verdient haben, um mit 20 mangels Profi-Perspektive dann doch eine schlecht bezahlte Lehre anfangen zu müssen - das interessiert oft nicht mehr ganz so sehr.

In Freiburg, gibt Steiert zu, kommen sie alleine deswegen nicht in Versuchung, einem 17-Jährigen fünfstellige Monatsgehälter zu bezahlen, weil sie die Mittel dafür gar nicht hätten. Entscheidend sei jedoch etwas anderes: "Wir wollen, dass die Jungs wegen der Ausbildung hier sind, nicht wegen des Geldes."

© SZ vom 30.12.2019/tbr
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