Saisonstart der Premier League:Wie Englands Fußball überdreht

July 16 2015 Renton Washington King County USA BASTIAN SCHWEINSTEIGER warms up before the Man

Warmmachen für ein anstrengendes Jahr: Manchester United hat wieder kräftig investiert.

(Foto: imago)
  • Absurd teure Fußballer, astronomische TV-Einnahmen: Der finanzielle Vorsprung der englischen Liga wächst weiter an.
  • Die Bundesliga fürchtet einen Ausverkauf.
  • Zum Spielplan der Premier League, die an diesem Samstag beginnt, geht es hier.

Von Raphael Honigstein, London

Anders als in den Jahren zuvor fand die offizielle Eröffnung der Premier-League-Saison diesmal nicht in einem Luxushotel an der Park Lane statt, sondern in einer Sportanlage im Südlondoner Viertel Wandsworth. Das Grün des mit Mitteln von Verband und Liga finanzierten Kunstrasens, auf dem der FC Chelsea ein wöchentliches Fußballtraining für Schüler eines Gymnasiums organisiert, sollte die gesellschaftliche Verantwortung der 20 Eliteklubs symbolisieren.

1,4 Milliarden Euro, versprach Premier-League-Geschäftsführer Richard Scudamore, wolle die Liga bis 2018 in die "Grass Roots" stecken, den auf der Insel seit langem maroden Nachwuchs- und Breitensport. Die Summe wirkt imposanter, als sie ist: Sie beinhaltet neben den laufenden Ausgaben für die Jugendförderung auch Solidarzahlungen für Absteiger und für unterklassige Ligen.

Geld! Die Premier League wird als mit Abstand erfolgreichste Liga der Welt automatisch darauf reduziert. Nicht nur in den Augen von FC-Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge ("Die Engländer überholen uns gerade links und rechts") hat die sich unablässig selbst verstärkende finanzielle Kraft der Briten ein alarmierendes Ausmaß erreicht.

Überhitzte Ablösesummen und Gehälter - aktuell zum Beispiel für einen Jungnationalspieler wie Manchester Citys Zugang Raheem Sterling (20 Jahre, 16 Länderspiele, 65 Millionen Euro Ablöse, Jahressalär 14 Millionen Euro) - vertragen sich auch nach dem Geschmack der Einheimischen nicht so recht mit der kalten "Wir alle müssen im Rahmen unserer Möglichkeit leben"-Rhetorik von Premier David Cameron. Der hat jüngst eine gewaltige Kürzung der Sozialausgaben verfügt.

Er selbst könne ja gar nichts für den wahnwitzigen Boom des Produkts, erklärte Scudamore, 55, vor dem Liga-Auftakt an diesem Samstag: "Es ist nicht meine Show, sondern die der Vereine. Sie investieren und liefern die bestmögliche Show ab."

Das Geschäftsmodell des "goldenen Kreislaufs" - teure Stars machen die Premier League zum Verkaufsschlager, die Erlöse locken immer mehr Stars an - funktioniert nach einer kurzen Verschnaufpause zur Zeit der Bankenkrise besser als je zuvor. 4,58 Milliarden Euro haben die englischen Erstligisten 2013/14 umgesetzt, fast zwei Milliarden mehr als die 18 Bundesligisten (2,45 Milliarden) in derselben Zeit. Durchschnittliche Premier-League-Klubs hatten so bereits vor zwei Jahren in etwa 100 Millionen Euro mehr zur Verfügung als vergleichbare Klubs in Deutschland.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in Anbetracht des Ungleichgewichts im deutschen Oberhaus von "Angst" und "Ausverkauf" die Rede ist. Die lange bevorzugt in Frankreich wildernden Premier-League-Klubs haben spätestens nach der WM 2014 die Bundesliga als relativ preisgünstigen Selbstbedienungsladen entdeckt. Englands Kaufrausch kommt dabei aber nicht allen ungelegen. Die 25 Millionen Euro, die Meister FC Chelsea dem Vernehmen nach bald für den Augsburger Linksverteidiger Abdul Rahman Baba zu zahlen gewillt ist, sind für die Londoner ein Schnäppchen - finanzieren den bescheidenen Fugger-Städtern aber ein Jahr lang quasi die komplette Belegschaft.

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