Robert Harting:"Als Typ wird er in der Leichtathletik fehlen"

Lesezeit: 7 min

Robert Harting

Tritt an diesem Sonntag zum letzten Mal bei einem Istaf-Wettkampf an: Diskuswerfer Robert Harting.

(Foto: dpa)

Robert Harting war Olympiasieger, Weltmeister, Europameister und noch viel mehr. Heute beendet der Diskuswerfer seine Karriere. Wegbegleiter blicken zurück - auf Erfolge, zerrissene Trikots und auch ein paar Diskussionen.

Gesammelt von Saskia Aleythe und Johannes Knuth

Der Zehnkämpfer

"Wenn man sich in der Weltspitze umschaut, stellt man fest, dass Robert in vielen Bereichen nicht der Allerbeste war. Er war nicht der Stärkste im Bankdrücken, nicht der Schnellste im Sprinten, nicht der, der am weitesten gesprungen ist. Aber das ist wie bei einem Zehnkampf: Wenn ich in jeder Einzeldisziplin Zweiter oder Dritter werde, habe ich am Ende meistens den Wettkampf gewonnen. Das war Roberts größte Stärke: dass er sein Paket am besten zusammengeschnürt hat. Und was er so gut beherrscht hat wie kaum ein anderer, war das Wurfgefühl. Er konnte sehr gut beschreiben, was sein Körper zu jeder Sekunde macht; er wusste ganz genau, welchen Muskel er wie ansteuern muss, um den Diskus maximal zu beschleunigen. Oft hat er sich stundenlang in ein Detail vertieft, zum Beispiel die erste Phase der Wurfrotation. Wenn das nicht ganz genau so geklappt hat, wie er das wollte, hat er daran unnachgiebig gearbeitet. Er hat dann aus Frust auch mal gegen einen Baum getreten, aber das hat wieder Adrenalin freigesetzt, und am Ende des Trainings war er fast immer zufrieden mit seiner Arbeit. Es führen halt viele Wege zum Ziel."

Torsten Lönnfors war von 2013 bis 2016 Trainer von Robert Harting.

Das Mentalmonster

"Robert hat als einer der wenigen Mentales noch sehr geschätzt. Es geht zu einem bestimmten Zeitpunkt im Diskuswurf nicht mehr um Technik, nicht mehr um Kraft. Da muss der Kopf funktionieren, dass man sich sagt: Ich habe nur die nächsten halbe Stunde im Wettkampf und muss meine Leistung bringen. Auch nach dem Motto: So, jetzt komme ich. Das mag arrogant klingen, aber diesen besonderen Biss braucht man, wenn man Olympiasieger werden will. Und diesen Biss hatte Robert. In seinem letzten Jahr konnte er leider nicht mehr so werfen wie gewohnt, weil er durch Verletzungen immer mehr limitiert war. Das war für ihn auch das Hauptproblem, dass er immer mehr wollte, aber nicht mehr alles zu 100 Prozent ging. Da haben wir auch mal Einheiten abbrechen müssen. Wenn die Maschine nicht funktioniert, nutzt auch die beste Software nichts. Ihn hat das ganz viel Quälerei gekostet, aber ich denke, er geht aus diesem letzten Jahr auch mit einer Erkenntnis raus, die ihm vielleicht weiterhilft: dass man nicht immer mit dem Kopf durch die Wand weiterkommt. Er hat alles gegeben, dafür kann ich ihm nur Respekt zollen."

Marko Badura ist seit zwei Jahren Diskus-Bundestrainer und betreute bis zuletzt die Trainingsgruppe um Robert Harting.

Der Ehemann

"Was Robert macht, macht er zu 100 Prozent. Diese Eigenschaft verliert er auch nicht, wenn er das Sporttrikot ablegt. Das war zu Beginn unserer Beziehung schon herausfordernd, da haben wir fast nur gestritten (lacht). Wir sind eben zwei starke Charaktere. Aber wir haben uns mittlerweile ganz gut eingegroovt. Er hat sich über die Jahre schon verändert, sein Studium hat dazu beigetragen, der Sport und unsere Beziehung auch. Seine große Ehrlichkeit hat er noch immer, aber er drückt sie mit mehr Bedacht aus. Das ist manchmal unangenehm, auch im Freundeskreis, aber er meint das nie persönlich oder böse. Ich schätze diese Eigenschaft sehr. Weil ich finde, dass das in unserer Gesellschaft generell etwas verloren geht: dass man Konflikte offen und ehrlich angeht, statt sie zu verdrängen. Und was er sich auch bewahrt hat, ist seine Bodenständigkeit. Als wir in unser neues Haus eingezogen sind, hat Robert sich ein Jahr lang nichts für sein persönliches Vergnügen gekauft. Nicht weil er es nicht konnte, sondern weil er seine Relation zu Geld nicht verlieren wollte. Das liegt vielleicht auch an den einfachen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen ist. Ich kann mir jedenfalls keinen besseren Ehemann vorstellen."

Julia Harting gewann 2016 EM-Silber im Diskuswurf und ist seit zwei Jahren mit Robert Harting verheiratet.

Der große Bruder

"Wir sind zwar Brüder und mittlerweile beide Olympiasieger, ansonsten zwei völlig verschiedene Charaktere. Robert hat ja oft gesagt, dass wir nicht mehr übereinander reden, weil wir wollen, dass unsere Eltern glücklich sind. Was ich aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich ihm mehr zu verdanken habe als jeder anderen Person im Sport. Seinetwegen habe ich überhaupt erst mit dem Leistungssport angefangen. Er hat mich von Cottbus nach Berlin in seine Trainingsgruppe geholt, er hat mich viele, kleine Dinge abschauen lassen. Er war es auch, der meine Entwicklung in die Erfolgsbahn gelenkt hat. Für all das bin ich sehr dankbar."

Christoph Harting ist sechs Jahre jünger, dafür sechs Zentimeter größer als Robert (2,07 vs. 2,01 Meter). 2016 wurde er in Rio Olympiasieger im Diskuswurf.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB