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Regensburg - Würzburg:Im Zeichen des Kreises

Jahn Regensburg - Würzburger Kickers

Jubel nach dem Comeback: Jan-Niklas Beste traf zum späten 1:0.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Beim Jahn kehren die vielen Verletzten allmählich zurück - vier Genesene entscheiden das Zweitligaspiel gegen den Tabellenletzten.

Von Johannes Kirchmeier

Es brauchte offenbar dieses Symbol - auf beiden Seiten des oberpfälzisch-unterfränkischen Vergleichs: Vor dem Spiel stellten sich sowohl die elf Zweitliga-Fußballer des SSV Jahn Regensburg als auch ihre Gegner von den Würzburger Kickers in je einem Kreis auf. Erst wisperten sie sich leise etwas zu, dann stießen sie laute Motivationsschreie aus, lösten dieses Zeichen des Zusammenhalts sachte wieder auf und begannen mit dem Fußballspielen. Also genauer: mit dem Treffen zweier taumelnder Teams, geprägt von viel Kampfgeist und Spannung, aber auch von einigen Fehlpässen und Unzulänglichkeiten vor dem Tor.

Die Regensburger tuschelten übrigens etwas länger. Ob das am Samstag letztlich den Ausschlag gab? Am Ende standen sie anders als die Würzburger jedenfalls wieder im Kreis zusammen, diesmal sogar mit dem gesamten Team. Nun folgten auf die Ansprache Jubelschreie, 2:1 (0:0) hatte der SSV Jahn gewonnen, es war ein unheimlich wichtiger Erfolg nach drei Niederlagen. "Ein Sieg tut dir immer gut", sagte der Trainer Mersad Selimbegovic, der als Proficoach noch nie vier Mal in Serie verloren hat. Mit drei Erfolgen, drei Remis und drei Niederlagen steht der Jahn nun wieder im Tabellenmittelfeld. Die Kickers verpassten die Chance zum Aufholen, sie bleiben mit vier Punkten Letzter.

Anders als bei ihrem ersten Saisonsieg im ersten Spiel unter dem neuen Coach Bernhard Trares vor einer Woche gegen Hannover 96 (2:1) zeigten die Würzburger diesmal eine ihrem Tabellenrang entsprechende Leistung. Regensburg bestimmte von Beginn an die Partie und hätte bereits zur Pause 3:0 führen müssen, doch Kaan Caliskaner traf aus wenigen Metern den Kopf von Kickers-Außenverteidiger Florian Flecker statt das Tor links und rechts davon (7. Minute). Sebastian Stolze schoss den Kickers-Torwart Fabian Giefer alleine vor dem Tor an (29.) - und traf später nach einer Flanke des in der Vorsaison nach Würzburg verliehenen Albion Vrenezi mit einem starken Seitwärts-Kopfball vom rechten Eck des Fünfmeterraums aus die Latte (42.). Selimbegovic zitterte draußen mit, nahm es hinterher aber mit Humor: "Das kommt auch in der Bundesliga oder der Champions League vor, jeder Trainer muss damit leben. Ich hoffe, dass mein Herz gesund und stark genug ist."

Besser fürs Regensburger Herz wurde es auch lange in der zweiten Hälfte nicht; da hatte sogar noch der Gast seine Chance, doch der SSV-Torwart Alexander Meyer hielt den Schuss von David Kopacz (62.). Im Anschluss daran machte sich bemerkbar, dass der Jahn so langsam wieder eine komplette Mannschaft zur Verfügung hat und all die vielen Verletzten zurückkommen, vier davon wurden zu Hauptdarstellern: Jann Georges Schuss in der 82. Minute wurde zwar noch abgeblockt, doch der Rechtsverteidiger Benedikt Saller schnappte sich den fallenden Ball und flankte ihn dem Linksaußen Jan-Niklas Beste in den Strafraum, der traf zum 1:0 (82.). "Das freut mich. Wir hatten eine schwierige Phase, auch viele komische Verletzungen. Jetzt sind wir langsam alle da", sagte Selimbegovic. Das 2:0 erzielte dann Stolze nach einem Konter (88.). Stolze, in der Vorsaison Regensburgs Topscorer, war nach Leistenproblemen erst zum Ende der Vorbereitung ins Training eingestiegen und daher etwas holprig in die Spielzeit gestartet. Schmerzlich vermisst wird aktuell nur noch der Sechser und Kapitän Benedikt Gimber (Bluterguss), der seit Wochen als Stabilisator fehlt.

Die Entscheidung für die Regensburger begünstigte auch eine strittige Entscheidung des etwas kleinlichen Referees Florian Heft, der nicht nur auffallend oft mit seinen Pfiffen das Spiel unterbrach, sondern neben sieben gelben Karten auch eine rote Karte ausstellte. Der eingewechselte Würzburger Niklas Hoffmann trottete nach 66 Minuten vom Platz, zuvor hatte er den Jahn-Verteidiger Erik Wekesser mit der Hand im Gesicht getroffen, Heft wertete das als Tätlichkeit.

Der neue Kickers-Sportvorstand Sebastian Schuppan stellte sich nach der Partie die Frage: "Will man uns überhaupt weiter in der zweiten Bundesliga haben? Nach dieser Häufigkeit an klaren Fehlentscheidungen gegen uns muss ich dies verneinen. So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen!" Ähnlich verschwörerisch hatte sich auch schon einmal der Chefstratege Felix Magath geäußert.

Trares, als Spieler einst neun Mal und als Trainer vor einem halben Jahr in Ingolstadt vom Platz gestellt, sah es etwas pragmatischer: "Es gibt Schiedsrichter und Monitore sowohl im Stadion als auch im Videokeller. Und der ganze Kram kostet schließlich auch Geld. Da muss man sich gerade solche spielentscheidenden Szenen noch einmal anschauen." Wenn das auch Trares danach noch tat, wird er gesehen haben: Die Fernsehbilder belegen Hoffmanns Schlag in Wekessers Gesicht. Eine klare Fehlentscheidung, die den Videoassistenten zum Eingriff zwingt, war der harte Feldverweis daher nicht.

Eine leisere, aber psychologisch und im Zeichen des Spielerkreises sicher nachhaltigere Antwort auf die Tiefschläge gaben dagegen die Würzburger, die am Samstag auf dem Platz standen: Abwehrspieler Hendrik Hansen erzielte in der Nachspielzeit noch das 1:2.

© SZ vom 30.11.2020
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