Referendum in Hamburg:Ja zu Olympia, aber ...

Olympia-Referendum in Hamburg

So könnte Hamburg 2024 aussehen: Eine Visualisierung zeigt das geplante Olympiastadion

(Foto: dpa)

Gigantismus, Kommerz und Korruption: Hamburg sollte trotzdem ja zu Olympia 2024 sagen. Denn der Westen darf die Spiele nicht einfach aufgeben.

Kommentar von Ralf Wiegand

Gegen Olympische Spiele 2024 in Deutschland zu sein, ist eine sehr leichte Übung. Internationale Ausschreibungen für solche Großereignisse stehen gerade nicht hoch im Kurs. Dafür muss man sich nur die aktuellen Debatten im Fußball anschauen: Wie die nächsten Weltmeisterschaften nach Russland (2018) und Katar (2022) kamen, ist Gegenstand gleich mehrerer Untersuchungen. Und auch Deutschland kämpft damit, dass die Geschichte über das Zustandekommen des "Sommermärchens" 2006 nicht mächtiger wird als die Geschichte der märchenhaften WM selbst.

Die Frage ist, ob es überhaupt einen sauberen Weg gibt, um den Status eines Gastgeberlandes zu erreichen. Dazu kommt der miserable Zustand des olympischen Sports. Die Sperre für alle russischen Leichtathleten wegen generalstabsmäßig organisierten Dopings zeigt die ganze Hilflosigkeit der Institutionen beim Kampf gegen den systematischen Betrug. Und schließlich die Kosten für solche Spiele: Sie sind ohnehin hoch, für Sportanlagen, die später nicht selten nie mehr ausgelastet sind. Und sie sind in Zeiten sich fast wöchentlich verschärfender Gefahrenlagen schier unkalkulierbar. Wer weiß heute, was Sicherheit in neun Jahren bedeutet und welchen Preis sie dann haben wird?

Und doch könnten die zum Bürgerentscheid aufgerufenen Menschen in Hamburg ohne schlechtes Gewissen auch Ja sagen zur Absicht ihrer Stadt, 2024 Gastgeber für die Welt des Sports zu werden - obwohl, auch das noch, die geopolitischen Stratego-Spielchen im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine Vergabe an Deutschland nahezu ausschließen. Spiele in den USA haben dort Priorität.

Warum aussteigen keine Alternative ist

Also lieber gleich aussteigen? Nur als "Candidate City" könnte Hamburg, könnte Deutschland ein paar Jahre lang über die Zukunft der Spiele ernsthaft mitdiskutieren. Fußball in Russland und Katar, Olympia in Tokio, Pyeongchang und Peking - das sind die nächsten Haltestellen des Weltsports. Dem IOC bieten sich genug geschmeidigere Länder an, die mit hohen Zustimmungswerten in der Bevölkerung aufwarten können. Oft genug bedeutet der Beifall aber nur: Dort ist kein Widerstand zu erwarten, das IOC bestimmt die Bedingungen, der Ausrichter pariert.

Hamburg darf ein "Ja" deshalb gerne auch als "Ja, aber..." verstehen: Ja, Olympia an sich ist eine gute Sache - aber wir reden bei den Regeln mit. Niemand muss die ehrenwerte olympische Idee Coubertins für falsch halten, nur weil sie durch Gigantismus, totalen Kommerz und das Vertrags-Regime des IOC degeneriert ist. Wie aber soll man glaubwürdig eine Reform der Spiele fordern, wenn man ausschließt, noch jemals welche austragen zu wollen?

In München standen die Menschen einer Bewerbung um Winterspiele nicht nur wegen der Kosten und der Umweltfolgen kritisch gegenüber, sondern auch, weil ein Deal mit diesem IOC manchen vorkam wie ein Pakt mit dem Teufel. Eine vor dem Hintergrund des aktuellen WM-Skandals transparente, blitzsaubere Bewerbung könnte einen Standard setzen.

Der Westen sollte, wenn er in der olympischen Idee noch einen Wert an sich sieht, Olympia nicht einfach aufgeben. Olympische Spiele, gerade Sommerspiele, können Städte für immer verändern. Wer wüsste das besser als München, das einst als München '72 neu geboren wurde. Es erlebte damals seine hellsten und seine dunkelsten Stunden gleichzeitig, das Fest und die Geiselnahme im olympischen Dorf. Und München war danach eine andere Stadt - trotzdem keine schlechtere.

Was aus Hamburg '24 würde? An den Anfang dieser Geschichte gehört ein Ja.

© SZ vom 28.11.2015
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