Real Madrids Isco Vom Mitspieler den Löwen vorgesetzt

Sucht Trost beim Gegner aus Moskau: Der Madrilene Isco (rechts) hängt sich bei Mario Fernandes ein.

(Foto: Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images)
  • Beim 0:3 von Real Madrid in der Champions League gegen ZSKA Moskau offenbaren sich die Probleme des Titelverteidigers.
  • Die Spieler werden von den eigenen Fans ausgepfiffen. Besonders Mittelfeldspieler Isco hört viele Pfiffe, ruft daraufhin eine Beleidigung aus - und wird danach bei jeder Ballberührung geschmäht.
  • Später erzählt Mitspieler Marcelo, Isco habe es abgelehnt, nach einem Wechsel die Kapitänsbinde zu übernehmen.
  • Auch Trainer Santiago Solari erfährt viel Kritik.
Von Javier Cáceres

Es hat auch schon Schlimmeres gegeben im Estadio Santiago Bernabéu; ein aktueller Nachruf erinnerte am Mittwoch daran. Kurz bevor Real Madrid am letzten Gruppenspieltag der Champions League auf ZSKA Moskau traf, wurde in Argentinien bekannt, dass José Cecconato verstorben war, "das Hirn einer unauslöschlichen Mannschaft von Independiente de Avellaneda", wie die Zeitung La Nación schrieb. Cecconato wurde zwar nie Meister, unvergessen blieb er dennoch. 1953 stand er in jener argentinischen Nationalelf, die erstmals einen Sieg gegen England, das "Mutterlands des Fußballs", erringen konnte (3:1). Im gleichen Jahr zertrümmerte Cecconato mit Independiente das im Aufbau befindliche, sagenumwobene Real Madrid von Alfredo Di Stéfano mit 6:0 Toren. Es ist bis heute die höchste Heimniederlage Reals im Bernabéu-Stadion.

Was die Anhänger des spanischen Rekordmeisters am Mittwoch erlebten, war nicht in der Höhe, aber in ihrer Peinlichkeit eine vergleichbare Schmach: Real verlor gegen ZSKA Moskau 0:3. Es war Reals höchste Europapokal-Heimniederlage seit 1955. "Eine Nacht zum Vergessen", titelte die Zeitung Marca anderntags.

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Dabei war die Niederlage vordergründig kein Beinbruch: Real stand schon vor der Partie als Sieger der Gruppe G fest. Auch für ZSKA war nicht mehr drin als Prestige: Der Armeesportklub verfehlte als Gruppenletzter die Qualifikation für die Europa League, weil Viktoria Pilsen gegen AS Rom gewann (2:1). Bloße Anekdote war die Pleite für Real aber nicht. Den Rasen verließen die Spieler, unter ihnen der spät eingewechselte, gerade genesene deutsche Nationalspieler Toni Kroos, unter gellenden Pfiffen. Schon im Verlauf der Partie hatte es derartige Missfallensbekundungen gegeben. Vor allem gegen einen Andalusier namens Francisco Román Alarcón Suárez, genannt: Isco.

"Ich wollte Isco die Binde geben, aber er sagte mir, ich solle sie Carvajal geben"

Der 26 Jahre alte spanische Nationalspieler erwarb sich gegen die Russen den Rang eines Parias. Nachdem er in der zweiten Halbzeit wiederholt ausgepfiffen worden war, wandte er sich nach einer vergebenen Chance dem Publikum zu. "Was wollt ihr? Hurensöhne!", rief er dem Souverän zu, wie sich anhand der TV-Bilder belegen ließ und von den Radioreportern auf die Ränge verbreitet wurde. Danach wurde Isco bei jeder Ballberührung geschmäht.

Sein Mitspieler Marcelo warf ihn nach dem Spiel auch noch den Löwen zum Fraß vor. Als er, Marcelo, ausgewechselt wurde, habe er Isco die Kapitänsbinde übergeben wollen. Isco aber lehnte das, was gemeinhin als Ehre betrachtet wird, ab. "Ich wollte Isco die Binde geben, aber er sagte mir, ich solle sie Carvajal geben", berichtete Marcelo nach den Toren von Tschalow (37.), Schtschennikow (43.) und Sigurdsson (73.).

Unangenehm war die Pleite vor allem für Trainer Santiago Solari, der alle Schuld auf sich nahm - und gnadenlos gevierteilt wurde. Die Zeitung El Mundo sieht seine Ära bereits als "zerlegt" an, obwohl sie noch gar nicht so richtig begonnen hat. Ende Oktober hatte Solari das Amt übernommen, seitdem hat er in zehn Pflichtspielen acht Siege und zwei Niederlagen geholt. Überzeugen konnte sein Team selten.

Hinter vorgehaltener Hand wurde ihm am Mittwoch schon vorgehalten, ein Team mit zu vielen Nachwuchskräften aufgeboten zu haben: Die Champions League ist und bleibt der Fetisch von Real Madrid. Solaris berufliche Zukunft mag nicht akut in Gefahr sein. Zumal er dadurch auffällt, dass er die Vorgaben von Klubpatron Florentino Pérez so akkurat erfüllt, dass ihn die Zeitung El País hämisch den "Mitarbeiter des Monats" nennt. Im Tor stand der Belgier Thibaut Courtois, nicht Keylor Navas, mit dem die letzten drei Champions-League-Titel gewonnen wurden. Und der Waliser Gareth Bale durfte gegen ZSKA auf dem Platz bleiben, obwohl er sich am Sprunggelenk verletzt hatte und humpelte. Unter Druck ist Solari aber allemal. Kommende Woche spielt Real um den Weltpokal, der seit 2014 dreimal nach Madrid ging. Solari weiß: Sein Boss Pérez würde den Pokal ungern auf einen anderen Kontinent wandern sehen.

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