Radsport:Die mit den unermüdlichen Beinen

Radsport: Unermüdlich: Beim Belgier Wout van Aert muss man eine Pause im Rennkalender mit der Lupe suchen.

Unermüdlich: Beim Belgier Wout van Aert muss man eine Pause im Rennkalender mit der Lupe suchen.

(Foto: Dirk Waem/Belga/Imago)

Der Großteil des Pelotons nimmt sich bestimmte Ziele für eine Saison vor. Manche Fahrer aber scheinen das ganze Jahr überragend sein zu können. Wie ist das möglich?

Von Jean-Marie Magro

Es gibt so manche Serie, die man als junger Heranwachsender sah, bei der man sich heute fragt, wie man sie je genießen konnte. "How I met your mother" etwa. Der Frauenschwarm Barney Stinson, der nur Anzüge trug und mit Dutzenden Frauen schlief, ginge heute wohl in keinem Drehbuch mehr durch. In einer der ersten Folgen der amerikanischen Sitcom legt Barney ein Mixtape auf und sagt davor sinngemäß, ein guter Mix dürfe keine Höhen und Tiefen haben, er müsse immer phänomenal gut sein.

Diese Weisheit lässt sich ohne Umschweife auf den Radsport übertragen. Das Gros der Fahrer nimmt sich zwei, drei, vielleicht vier Ziele im Jahr vor. Die einen legen Wert auf die Frühjahrsklassiker, die anderen auf große Rundfahrten, manche wollen bei den Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen um Medaillen kämpfen. Entsprechend gestalten sie Training und Formaufbau. Und dann gibt es diejenigen, deren Beine offenbar unermüdlich sind.

Auffällig ist das vor allem bei jenen Profis, die die ersten drei Plätze der UCI-Weltrangliste unter sich ausmachen: Auf Platz eins derzeit Tadej Pogacar: im Frühjahr bei Etappenrennen und Klassikern immer vorne mit dabei. Im vergangenen Sommer lieferte er sich ein denkwürdiges Duell mit Jonas Vingegaard um das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Im Spätsommer fuhr er vorne mit bei den Straßenweltmeisterschaften, schließlich entschied er im Herbst die Lombardei-Rundfahrt für sich.

Was den Mediziner wundert: Die Besten gönnen sich kaum Ruhepausen

Auch nicht schlecht: Remco Evenepoel. Der belgische Wunderknabe verbuchte vergangene Saison 68 Renntage. Im Frühjahr kämpfte er bei mehreren Etappenrennen um die Gesamtwertung, gewann im April Lüttich-Bastogne-Lüttich, wurde belgischer Meister im Zeitfahren, siegte bei der Spanien-Rundfahrt und wurde dann noch Weltmeister im Straßenrennen.

Klingt nicht schlecht, aber es geht noch besser: Wunderkind Nummer drei heißt Wout van Aert. Bei dem Belgier muss man eine Pause im Rennkalender mit der Lupe suchen. Im Frühjahr stritt er sich um die Siege bei Klassikern. Im Anschluss ging es ins Höhentrainingslager seiner Jumbo-Visma-Equipe, das er für die Generalprobe der Tour, das Critérium du Dauphiné, kurz unterbrach, ehe er wieder ins Trainingslager fuhr. Bei der Tour de France gewann van Aert dann drei Etappen und das Grüne Trikot des Punktbesten. Damit aber nicht genug.

Radsport: Schon wieder in beeindruckender Frühform: Der zweimalige Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar aus Slowenien hat am Wochenende die schwere Rundfahrt Paris-Nizza gewonnen - einschließlich Bergankünften.

Schon wieder in beeindruckender Frühform: Der zweimalige Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar aus Slowenien hat am Wochenende die schwere Rundfahrt Paris-Nizza gewonnen - einschließlich Bergankünften.

(Foto: David Pintens/dpa)

Im Spätsommer fuhr er um Siege bei Eintagesrennen, wurde Vierter bei der WM im Straßenrennen - und das nur, weil er wegen seines Landsmanns Evenepoel, der ausgerissen war, nicht auf eigene Rechnung fahren durfte. Was van Aert den anderen voraushat: Im Winter fährt er immer wieder bei den Crossern, in der Saison 2021/22 waren es zehn Rennen, im vergangenen Winter sogar 14 - inklusive Cross-WM, die er knapp gegen Mathieu van der Poel verlor. Seine Formspitzen erstrecken sich auf alle vier Jahreszeiten.

Ruhezeiten scheinen sich die dominanten Fahrer der World Tour kaum zu gönnen

Jean-Jacques Menuet war bis zum vergangenen Jahr Arzt beim World-Tour-Team Arkéa Samsic und kennt den Radsportzirkus seit 1999. Damals arbeitete er noch für die Mannschaft Cofidis, er sah die schwärzesten Dopingzeiten dieses von ihm so geliebten Sports aus nächster Nähe. Früher, sagt Menuet, hätten Fahrer sich eben ein, vielleicht zwei große Ziele im Jahr vorgenommen. Jan Ullrich war das prominenteste Beispiel dieser Haltung: Für den Rostocker zählte nur die Tour de France. "Jetzt aber sieht man Fahrer, die das ganze Jahr fahren und nie erschöpft sind. Und da sage ich mir, das ist fantastisch", sagt Menuet - er meint es ironisch.

Menuet ist überzeugt davon, dass wenige Teams der World Tour Doping wieder anwenden. Namen will er nicht nennen. Nur so viel: "Es gibt eine physiologische Realität, an der man - normalerweise - nicht vorbeikommt." Der Bretone streitet nicht ab, dass es sich bei den Fahrern an der Spitze um Ausnahmetalente handele, die Anlagen mitbringen, um den Radsport zu dominieren. Dazu kommt, dass Teams mit Forschern zusammenarbeiten und das Maximum rauskitzeln: "Aber das erklärt vielleicht Erfolg bei einem, zwei oder drei Zielen, nicht bei zehn."

Denn für einen Sportler seien die wichtigsten Phasen in der Saison die Ruhezeiten. Die scheinen sich die dominanten Fahrer der World Tour kaum zu gönnen. Menuet hat bisher keine überzeugende Erklärung gehört, die einen Quantensprung erklären könnte. Zwar argumentieren Teams wie Jumbo-Visma, mit Ketonen versetzte Nahrungsergänzungsmittel würden Regeneration und Leistung ankurbeln. Er habe dafür jedoch bisher keinen wissenschaftlichen Beleg gefunden, sagt der französische Arzt: "Das erinnert mich an einen überführten Dopingarzt aus den Neunzigern, der damals sagte, das Kochen der Nudeln habe den Radsport revolutioniert."

Menuet betont immer wieder, dass er der festen Überzeugung ist, der Großteil der Teams halte sich an die Regeln. Wenn er zugleich sehe, dass wenige Fahrer über die Berge mit fast geschlossenem Mund fliegen, im Ziel kaum Luft holen müssen und kurze Zeit später Journalisten ein Interview geben, vermutet er, da müsse etwas faul sein. Dass ein paar Profis so viel Sauerstoff mehr als andere zu haben scheinen, dass Sprinter in Bergen Tempo fahren und Zeitfahren gewinnen sowie umgekehrt Bergfahrer beschleunigen wie früher Erik Zabel - das sei verdächtig.

Tadej Pogacar ist mit vielen Siegen ins neue Jahr gestartet - und mit viel Selbstvertrauen

Und so startet das Peloton am Wochenende mit der "Primavera" Mailand - Sanremo in die Phase der Frühjahrsklassiker. Wout van Aert scheint wegen einer gerade auskurierten Krankheit etwas außer Form zu sein, aber Tadej Pogacar ist mit großem Selbstvertrauen ausgestattet. An 14 Tagen stand er dieses Jahr schon am Start eines Rennens, sieben davon gewann er. Vergangenes Jahr kam er in Sanremo als Fünfter an, zwei Wochen später schlug er auf dem Kopfsteinpflaster in Flandern fast den Spezialisten des Terrains ein Schnippchen.

Beeindruckend, diese Radsportgeneration, die immer und überall um Siege fährt. Hoffentlich wird es nur keine Serie, auf deren Erfolg man in ein paar Jahren mit vielen Fragezeichen zurückblickt. So wie bei Barney Stinson in "How I met your mother".

Anmerkung: In einer vorherigen Version des Artikels war irrtümlich die Rede davon, dass Wout van Aert in der Regel sämtliche Rennen des Cross-Weltcups bestreitet. Die Passage wurde präzisiert.

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