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Premier League:Pläne, alle verbleibenden 92 Partien in kurzer Folge abzuarbeiten

Trotz momentan ausbleibender Erlöse scheint den Erstligisten bislang niemand eine existenzielle Bedrohung, wie teilweise behauptet wird, abzunehmen. Aus gutem Grund: Im Gegensatz zur deutschen Bundesliga haben die Klubs der Premier League die liquiditätssichernden Fernseheinnahmen bereits vollständig für die ganze Saison erhalten. Die entsprechenden Transaktionen finden in England jeweils im August und Februar statt.

Für die Zeitspanne von 2019 bis 2022 stehen der Liga aus dem Verkauf nationaler und internationaler TV-Rechte 9,2 Milliarden Pfund zu - so viel wie noch nie seit der Ligagründung 1992. Einen Teil davon, 750 Millionen Pfund, könnten die Klubs aber zurückgeben müssen, sofern die ausstehenden neun Spieltage nicht mehr nachgeholt werden können. Um dieses Szenario zu verhindern, treiben die Klubs für den Notfall die Idee voran, alle verbleibenden 92 Partien in wenigen ausgewählten Stadien in kurzer Folge abzuarbeiten. Dabei würden die Teams wie bei einer WM für einige Wochen in Spielortnähe ein festes Quartier beziehen.

Sollte auch dieses Modell nicht realisierbar sein, hielte sich die finanzielle Fallhöhe der meisten Klubs dennoch in Grenzen. Hinter den Vereinen stehen meist kapitalstarke Großinvestoren, die im Zweifel ihre Wertanlage - sei es aus Liebhaberei oder finanziellem Kalkül - in der Krise eher stützen als fallen lassen würden.

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Und wie denken die Spieler? Auch im englischen Fußball gibt es Millionen-Spenden und Hilfsfonds-Pläne von Profis. Aber die Spieler wollen eher mit Gesellschaft und Betroffenen solidarisch sein - weniger mit den reichen Klubbesitzern. Seit Tagen verhandeln Premier League und English Football League (für tiefere Klassen zuständig) ohne großen Erfolg mit der Profigewerkschaft und der Trainervertretung über eine Anpassung der Bezüge. Die Interessen waren bisher schwer vereinbar. Am Freitagabend teilten die Premier-League-Klubs mit, von ihren Spielern eine Kombination aus Kürzung und Stundung der Gehälter um 30 Prozent zu fordern.

Wohl nach wie vor ausreichend Finanzkraft, um die Corona-Misere zu stemmen

Zwar deuten Spieler und Trainer dem Vernehmen nach Bereitschaft zum Lohnverzicht an, allerdings drängt die mächtige Gewerkschaft auf eine Einzelfallprüfung. Geschäftsführer Gordon Taylor, 75, verdient wie ein Fußballprofi (zwei Millionen Pfund), seine Gewerkschaft sagt: Die Gehälter innerhalb der Teams lägen für eine pauschale Bemessung zu weit auseinander. Zu groß scheint die Sorge zu sein, bei etwaigen Zugeständnissen von vermögenden Vereinen ausgenutzt zu werden.

In einem Schreiben vom Donnerstag ging der Spielerverband auf jene Klubs los, die ihrer nicht kickenden Belegschaft Bezüge gekürzt haben: "Unsere Position ist: Vereine, die es sich leisten können, Spieler und Mitarbeiter zu bezahlen, sollten dies auch tun." Andernfalls würden die Profis mit Gehaltsverzicht indirekt für die Klubangestellten aufkommen, wovon die Anteilseigner profitieren würden. Mit jedem Tag, der ergebnislos verstreicht, spitzt sich die Lage zu und erhöht sich der öffentliche Druck auf alle Parteien.

Nach drei Wochen ohne Fußball auf der Insel zeichnet sich zumindest der Trend ab, dass die Premier League um ihre exponierte Position unter den Spitzenligen Europas eher nicht fürchten muss. Die Klubs haben wegen global operierender Geldgeber wohl nach wie vor ausreichend Finanzkraft, um die Corona-Misere zu stemmen. Und vielleicht könnte das viele Geld in Englands Liga diesmal sogar für deutsche Klubs hilfreich sein. Denn falls sich Bundesligisten demnächst über Spielerverkäufe retten müssen - auf der Insel gäbe es weiterhin kaufkräftige Abnehmer.

© SZ vom 04.04.2020/sonn/tbr
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