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Erik ten Hag:Amsterdam hat zufällig vorgesorgt

L R Frenkie de Jong of Ajax coach Erik ten Hag of Ajax during the UEFA Champions League third rou; Ten Hag de Jong

Ist - wie jeder Trainer von Ajax - Verzicht und Abschied gewohnt: Erik ten Hag mit seinem nach Barcelona gewechselten Spieler Frenkie de Jong.

(Foto: imago)
  • Wie überall im Profifußball debattieren sie auch in den Niederlanden darüber, wann und ob die Saison in der Liga fortgesetzt werden soll. Ajax Amsterdam ist klar für einen Abbruch.
  • Die Gesundheit stehe "über allem, da dürfen auch wir nichts machen, was ein anderes Signal sendet", sagt Trainer Erik ten Hag.
  • In den Niederlanden sind die TV-Gelder vom Sender Fox für zwölf Jahre garantiert, egal, ob gespielt wird oder nicht - die Verluste sind damit nun geringer.

Erik ten Hag ist ein analytischer Mensch, in seiner Heimat, den Niederlanden, werfen sie ihm manchmal vor, ein bisschen zu deutsch zu denken. Alles muss strukturiert und nachbesprochen und noch einmal und noch einmal überprüft werden, und da er manchmal etwas grimmig schaut, könnte man ten Hag leicht für einen strengen Menschen halten. Doch das Analysieren ist für ihn eher eine Leidenschaft, eine Sucht, manchmal lassen ihn die Szenen eines Fußballspiels tagelang nicht los, manchmal wochenlang nicht. Was in normalen Zeiten eine Last sein kann, all die unaufgearbeiteten Szenen als permanentes Hintergrundrauschen, sieht ten Hag zurzeit als Chance. Jeden Tag setzt er sich zu Hause an seinen Schreibtisch, klappt den Laptop auf, und dann verschickt er Videos, mal an Spieler, mal an die ganze Mannschaft.

Die Filmchen verteilt der Trainer aber nicht, weil er endlich wieder Fußball spielen will. Er sendet sie an seine Spieler, weil er erst einmal nicht Fußball spielen will - und weil er deshalb daran arbeitet, dass in dieser fußballlosen Zeit keiner in seiner Mannschaft die Freude daran verliert, ein Teil von Ajax Amsterdam zu sein.

Wie überall im Profifußball debattieren sie auch in den Niederlanden darüber, wann und ob die Saison in der Eredivisie fortgesetzt werden soll. Am Dienstagabend hatte Ministerpräsident Mark Rutte alle öffentlichen Veranstaltungen bis zum 1. Juni verboten, den Profi-Fußball hatte er ausdrücklich miteingeschlossen. Eric Gudde, der Direktor des nationalen Fußballverbandes KNVB, sagte dann am Mittwoch, dass der europäische Fußballverband Uefa die Frist für das Saisonende bis zum 3. August verlängert habe; Gudde hofft daher, Mitte Juni wieder den Ligabetrieb aufnehmen zu können. Er wollte aber auch ein vorzeitiges Saisonende nicht ausschließen. Doch was in der Bundesliga als verfrüht kritisiert worden wäre, wird in den Niederlanden kritisiert, weil es zu zögerlich ist.

"Warum geht es in diesem Moment um Geld und nicht um die Volksgesundheit?", fragt Marc Overmars, der Ajax-Sportdirektor, im Telegraaf. "Ich hatte gehofft, dass der KNVB eine eigenständige Entscheidung trifft, aber stattdessen versteckt man sich hinter der Uefa." Er vergleiche, fügt Overmars hinzu, "die Uefa und den KNVB im Moment ein bisschen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump vor einer Woche: Die Wirtschaft ist wichtiger als das Coronavirus".

So emotional wie sein Sportdirektor würde sich ten Hag nie äußern, dazu ist der 50-Jährige dann wirklich viel zu nüchtern. Aber auch ten Hag hat die Situation in der Corona-Krise analysiert, er hat alle Möglichkeiten überprüft, und nach all diesem Überlegen sagt er am Telefon: "Ich habe so ein Gefühl, dass wir diese Saison nicht mehr spielen werden. Wenn du logisch nachdenkst, gibt es eigentlich keine andere vernünftige Lösung." Die Gesundheit stehe "über allem, da dürfen auch wir nichts machen, was ein anderes Signal sendet".

Dass sich der Trainer und der Sportdirektor des wichtigsten niederländischen Vereins so vehement für einen Saisonabbruch aussprechen, das hängt schon auch damit zusammen, dass sie sich ernsthaft um die Volksgesundheit sorgen, wie Overmars das sagt. Es hängt aber auch damit zusammen, dass Ajax Amsterdam im Vergleich zu vielen anderen europäischen Spitzenvereinen von der Corona-Krise nicht ganz so heftig getroffen wird. In den Niederlanden sind die TV-Gelder vom Sender Fox für zwölf Jahre garantiert, egal, ob gespielt wird oder nicht. Die Summen sind zwar niedriger, aber sie sind bereits überwiesen, und so werden die fehlenden Einnahmen aus dem Ticketverkauf und Ähnlichem einigermaßen abgefedert - zumal auch diese Summen niedriger sind als beispielsweise in der Bundesliga. Die wichtigste Erlösquelle für Ajax sind seit Jahren Spielerverkäufe, und dort haben sie zuletzt unbewusst vorgesorgt für Krisenzeiten.

Justin Kluivert - wechselte im Sommer für 17,25 Millionen Euro zur Roma. Frenkie de Jong - ging 2019 für 75 Millionen Euro nach Barcelona. Mathijs de Ligt - wechselte 2019 für ebenfalls 75 Millionen Euro nach Turin. Und bereits im Winter hat Ajax den nächsten Spieler verkauft, der Flügelstürmer Hakim Ziyech geht im Sommer zum FC Chelsea, angeblich für 50 Millionen Euro. Es ist vielleicht einer der profitabelsten Verkäufe der Vereinsgeschichte - in Zeiten der Corona-Krise würde Ajax nur noch einen Bruchteil kassieren. Viele Millionen hat Ajax zwar auch schon wieder für Spieler ausgegeben, aber eben noch lange nicht alles, und so haben sie sich mit ihrem Modell ein Polster angespart, das sie in diesen Wochen schützt vor ernsteren wirtschaftlichen Nöten.

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