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Fußball-EM:Warum Gary Lineker Pepe auf Twitter beleidigt

Pepe

Gary Lineker (l.) war einst ein erfolgreicher Stürmer für England. Portugals Pepe (r.) ist heute sein Lineker.

(Foto: dpa/Getty)

"Ein Pisser von gulliverhaften Dimensionen": So beschreibt der englische Schöngeist den Verteidiger der portugiesischen Nationalmannschaft. Pepe ist nicht der einzige, den Gary Lineker nicht mag.

Gary Lineker, 56, ist ein ehemaliger Fußballer von exquisitem kulturellen Anspruch; als er noch beim FC Barcelona spielte, rieben sich viele Ortsansässige die Augen, weil er oft im Gran Teatre del Liceu auftauchte, um Opern beizuwohnen. Er war damals schon ein Mann, der das Wort in ein Florett verwandelt und dabei ein Talent für Zuspitzungen beweist, das man im Fußball eher selten findet. Unvergessen sein Spruch, wonach der Fußball ein Sport sei, in dem 22 Männer hinter einem Ball herjagen und am Ende immer die Deutschen gewinnen.

Lineker kann aber auch anders, man muss seinen Gaumen nur lang genug reizen. Zurzeit schafft das ein Mann ganz gut, der am Mittwoch in Lyon gegen Ungarn mit Portugal den Einzug ins Achtelfinale der EM bewerkstelligen will, bei einer Niederlage ist Portugal draußen. Sein Name: Képler Laveran Lima Ferreira, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Pepe. Wobei: Nom de guerre wäre wohl eine angemessenere Bezeichnung für den Spitznamen des Verteidigers von Real Madrid.

Pepe, 33, ist so etwas wie die Antithese zu Lineker, ein Spieler, den man nicht im Opernhaus, sondern als Komparse in "Platoon", "Clockwork Orange" oder "Fight Club" vermuten würde. Zu Hauptrollen würde es mutmaßlich eher nicht reichen. Denn Pepe ist, wie bei nahezu jedem seiner Auftritte auf dem grünen Rasen zu beobachten ist, ein ungeheuer schlechter Schauspieler. Womit wir wieder bei Lineker wären. Denn als Beobachter von Spielen Pepes verliert der Brite, mittlerweile Fernsehmoderator bei der vornehmen BBC, regelmäßig die Contenance, man kann das auf Twitter nachlesen. Zuletzt, beim Spiel der Portugiesen gegen Island, zwitscherte Lineker: "Pepe is a gigantic dick."

Dem Oxford Dictionary zufolge gibt es im Englischen für das Wort "dick", das der uferlosen Welt des Vulgärslangs zugeordnet wird, hauptsächlich zwei Definitionen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die erste Bedeutung ist zwar unter anderem durch die Titel von Filmchen, die sich durch eher wenig komplexe Handlungsstränge auszeichnen, längst in nichtbritischen Ländern bekannt, sie verweist auf den männlichen Sexualapparat.

Anglisten weisen jedoch zu Recht darauf hin, dass jene Bedeutung, die das Oxfort Dictionary für "dick" unter "1.1" bereithält, dem ungleich näher kommt, was Lineker zum Ausdruck bringen wollte. Demnach bezeichnet "dick" einen "stupiden", "verachtungswürdigen" Mann. In einer redaktionsinternen Umfrage lag am Dienstag das Wort "Pisser" als deutsche Entsprechung für "dick" in Führung.

Lineker findet immer neue Beleidigungsstufen

"Gigantic dick", also in etwa: Pisser von gulliverhaften Dimensionen, war im Übrigen die vorerst letzte Steigerungsform, die Lineker für "dick" gefunden hatte. Zuvor hatte Lineker bereits zweimal auf Twitter aufgestöhnt. Einem "Pepe is such a dick" (Pepe ist so ein . . . na, Sie wissen schon) ließ er die Einschätzung folgen: "Pepe is an enormous dick." Letzteres verbreitete Lineker am Rande des Champions-League-Finales gegen Atlético Madrid, als Pepe sich zweimal am Boden wälzte, als sei er am ganzen Körper mit siedendem Öl begossen worden - obwohl er vom Gegner wenig bis gar nicht berührt worden war. Wie gesagt: schlecht geschauspielert.

Pepe soll privat ein herzensguter Mensch sein

Dafür muss man, andererseits, Verständnis haben, denn irgendjemand hat - dem privat angeblich herzensguten - Pepe einmal einen Chip eingesetzt, der ihm, wenn er kurze Hosen trägt, das Signal gibt, Fußball sei neben dem Krieg und der Liebe die dritte Sparte des menschlichen Lebens, wo alles, aber auch wirklich alles erlaubt ist.

Besonders plastisch zu beobachten war das im Jahr 2009, seinem dritten Jahr bei Real Madrid. Damals wurde er, wie aus dem Bericht des Schiedsrichters hervorgeht, in der 86. Minute vom Platz gestellt, weil er einen Gegenspieler - Javier Casquero vom FC Getafe - im Strafraum hinterrücks geschubst und damit um eine offenkundige Torchance gebracht hatte. Pepe sah in jeder Hinsicht rot. Er trat auf den am Boden liegenden Casquero ein; schubste auf dem Weg in die Kabine einen weiteren Spieler aus dem Weg und verabschiedete sich vom vierten Offiziellen mit einem Gruß an das Schiedsrichterkollektiv: "Ihr seid alle Hurensöhne!" Pepe erhielt zehn Spiele Sperre, das heißt: die Mindest- und nicht etwa die Höchststrafe. Real Madrid erwog dennoch, Einspruch gegen das Urteil einzulegen. Spanien eben.

Die Zeitung El País erzürnte dies. Das Blatt argumentierte, dass Pepe eigentlich hätte verhaftet werden müssen, zumal in Spanien Leute für weit weniger auf der Wache gelandet sind, "man muss nur Curro Romero fragen". Curro Romero ist ein mittlerweile 82 Jahre alter Torero, der Ende der Achtzigerjahre von der Polizei abgeführt wurde, weil er sich in der Madrider Arena geweigert hatte, einen Stier zu töten, der zu schwach war. Aber man muss Pepe auch zugestehen, dass er einsichtig und um die Kontrolle seiner selbst bemüht ist. So versicherte er dem Klub, sich in psychologische Behandlung zu begeben, um seine Emotionen auf dem Spielfeld im Griff zu behalten. "Ich habe ja, als ich angefangen habe, auch oft zugetreten. Uff! Das ging immer: drei Spiele, eine rote Karte, drei Spiele, eine rote Karte. Zum Glück hatte ich Trainer, die mir Orientierung gaben." Pepe hat in den neun Jahren bei Real nur zwei rote, zwei gelb-rote und 50 gelbe Karten gesehen.

Auch für Ronaldo findet Lineker süffisante Worte

Bei der EM hat er bisher solide gespielt und bislang nur eine gelbe Karte gesehen. Er ist, das wird gern übersehen, ein gar nicht so schlechter Verteidiger. Man muss es erst mal schaffen, als Innenverteidiger bei Real Madrid so lange dabei zu bleiben wie er. Pepe kam im Sommer 2007, für damals 30 Millionen Euro (drei Millionen teurer als Ronaldinho), vom FC Porto, sein aktueller Vertrag läuft bis 2017.

Allerdings waren bei der EM die Augen auch hauptsächlich auf Sturmführer Cristiano Ronaldo gerichtet, der es Lineker ebenfalls angetan hat. "Ronaldo: kein Tor aus 35 Freistößen bei Großturnieren. Bale: zwei Tore aus drei Freistößen bei Großturnieren." 15 Minuten später legte Lineker nach: "Update. Ronaldo: kein Tor aus 36 Freistößen bei Großturnieren. Bale: zwei Tore aus drei Freistößen bei Großturnieren."

Nun muss Ronaldo treffen, damit Portugal das Land bleibt, das seit 1996 am häufigsten die zweite Runde der EM erreicht hat - es wäre das sechste Mal. Vorsichtshalber vertraut seine Mutter nicht nur auf die Schusskraft des Sohnes. "Unsere Liebe Frau von Fatima wird mit uns sein. Ich habe eine Kerze angezündet."

© SZ vom 22.06.2016/schma
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