Paralympischer Sport in Afrika:Eine verhinderte Großmacht

Tokyo 2020 Paralympic Games - Sitting Volleyball

Mit vereinten Kräften: Ruandas Spielerinnen Clementine Umutoni (Nummer 13) und Kapitänin Liliane Mukobwankawe versuchen, den Ball gegen Russland im Spiel zu halten.

(Foto: Marko Djurica/Reuters)

Der paralympische Sport in Afrika besitzt viel Potenzial, doch oft sind die Verhältnisse schwierig. Ruandas Sitzvolleyballerinnen wollen Hoffnung schenken und aus Tokio ein Zeichen in die Heimat schicken.

Von Thomas Hahn, Chiba

Liliane Mukobwankawe aus Kigali will nichts Schlechtes über die Plätze in Ruanda sagen. Aber von dem in Halle A der Makuhari-Messe in Chiba, Japan, schwärmt sie. Am Montag sind sie und ihre Teamkolleginnen vom Team Ruanda wieder dort angetreten im Sitzvolleyball-Turnier der Paralympics von Tokio. Es ging gegen die russische Mannschaft. Wie schon gegen die USA setzte es eine 0:3-Niederlage. Kapitänin Mukobwankawe war nicht zufrieden mit der Leistung. Aber der orange-blaue Platz war wieder toll. "Gut zugänglich für uns, du kannst dich darauf sehr schnell bewegen, und es gibt kein Problem, wenn du fällst." Der Unterschied zu den Plätzen in Ruanda? "Die sind auch nicht wirklich schlecht", sagt sie. Es gibt nur eben andere Probleme in ihrem Land.

Afrika könnte eine Großmacht des paralympischen Sports sein. Laut dem Online-Portal "Disabled World" gibt es dort 60 bis 80 Millionen Menschen mit Behinderung, im Weltvergleich ist das besonders viel. Auf dem Kontinent gibt es zahlreiche Faktoren, die laut Weltbank für Behinderungen sorgen: Armut, Mangelernährung, schlechte Gesundheitsversorgung, unsichere Arbeitsbedingungen, fehlender Zugang zu sauberem Wasser. In Ruanda kommt der Bürgerkrieg hinzu, der 1994 in dem Völkermord der Hutu an den Tutsi mündete. "Wir haben viele Menschen mit Behinderung", sagt Sitzvolleyball-Nationaltrainer Jean Marie Vianney Nsengiyumva, "leider."

Aber warum nicht die Chancen im Schlechten sehen und sich auf die Talentsuche nach den Paralympia-Stars von morgen machen? Einzelne afrikanische Länder haben schon ihr Potenzial gezeigt. Im früheren Bürgerkriegsland Angola wurde der erblindete Ex-Soldat José Armando Sayovo zum Volkshelden, als er bei den Paralympics 2004 dreimal Leichtathletik-Gold gewann. Angolas Nationales Paralympisches Komitee (NPC) war danach mächtiger als das der olympischen Sparte. Und bei den Spielen in Tokio hat Nigeria schon drei Gold-Gewinne geschafft.

Aber so einfach geht das nicht, sich in der paralympischen Welt zu etablieren. Seit Sayovo 2012 in London mit 39 Jahren noch mal Gold und Bronze über 400 und 200 Meter gewann, ist Angola nicht mehr im Medaillenspiegel aufgetaucht. Nigerias Siege kommen alle aus einer Disziplin: Frauen-Gewichtheben. Bei den Paralympics dominieren die großen Länder, in denen die Versorgung mit Rollstühlen, Hightech-Prothesen und inklusiven Trainingsstrukturen intakt sind: China, Großbritannien, Russland, USA.

Die Geschichten der Spielerinnen erzählen von den Härten Ruandas

Aber das NPC Ruandas gehört zu denen, für die Aufstecken keine Option ist. Der einarmige 800-Meter-Läufer Jean de Dieu Nkundabera gewann 2004 als Drittplatzierter die erste und bisher einzige Paralympia-Medaille des Landes. Und jetzt sind die Sitzvolleyballerinnen um Kapitänin Mukobwankawe da. Ihre Premiere 2016 in Rio endete auf dem letzten Platz. In Tokio sieht es nach den ersten beiden Niederlagen in Gruppe B auch nicht rosig aus; der nächste Gegner ist am Mittwoch Tabellenführer China. Aber Erfolg muss sich ja nicht immer in Punkten messen lassen. Es geht um Zeichen an die Heimat. "Das Team inspiriert viele Menschen mit Behinderung", sagt Liliane Mukobwankawe.

Die Geschichten der Spielerinnen erzählen von den Härten Ruandas. Mukobwankawe hat ein kaputtes Bein, seit sie als Kind beim Milchholen von einem Auto angefahren wurde. "Ich bekam keine vernünftige medizinische Versorgung, deshalb heilte das Bein nicht richtig." Zuspielerin Solange Nyiraneza verlor ihr Bein an eine Infektion, die wohl kein Problem gewesen wäre, wenn es nicht Monate gedauert hätte, ehe sie ein Arzt im Krankenhaus anschaute. Mittelblockerin Claudine Murebwayire verlor ihr Bein im Bürgerkrieg, Clementine Umutoni, eine weitere Mittelblockerin, ebenfalls.

Jetzt arbeiten die Frauen an einer anderen Geschichte. Die Menschen mit Behinderung müssen in die Mitte der Gesellschaft. Mukobwankawe, 32, Mutter von zwei Kindern, ist auch die Frauenbeauftragte im Vorstand des NPC Ruanda. Sie weiß, was in manchen Familien passiert. "Da gehen die Frauen mit Behinderung nicht raus, weil die anderen sagen: Du kannst nichts machen, bleib zu Hause und warte, bis du stirbst." Das Beispiel ihrer Mannschaft soll zeigen, dass das falsch ist.

"Die Einstellung hat sich in Ruanda schon geändert", sagt Coach Nsengiyumva. Er erzählt von gut besetzten Sitzvolleyball-Ligen im Land. Das NPC unterhalte Programme für Rollstuhlbasketball und Leichtathletik. "Mittlerweile haben wir auch Gewichtheben." Auch Mukobwankawe klingt optimistisch. "Wir haben viele gute Leichtathleten", sagt sie. Aber sie sieht auch, was noch fehlt. "Wir brauchen Trainer, Plätze, Geräte." Der Aufbruch in die neue paralympische Zukunft hat erst angefangen. Immerhin, wenn man Liliane Mukobwankawe glaubt, sind die Sitzvolleyball-Plätze in Ruanda besser als ihr Ruf.

© SZ/tbr/jkn
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