Dressurreiten bei Olympia:Auf Hochglanz poliert

Olympics - Previews - Day 0

Gelassen und mit gespitzten Ohren: Bella Rose 2 zeigte sich bei den Olympischen Spielen von ihrer besten Seite - und unterstrich das Vertrauensverhältnis zu Reiterin Isabell Werth.

(Foto: Julian Finney/Getty)

Gold für die deutschen Dressurreiterinnen ist in Tokio fest eingeplant. Für Isabell Werth geht es aber um Historisches: Sie kann sich zur erfolgreichsten deutschen Olympionikin küren.

Von Gabriele Pochhammer, Tokio

Gut schauen sie aus, die deutschen Dressurreiterinnen und ihre Pferde, Isabell Werth und Bella Rose, Jessica von Bredow-Werndl und Dalera, Dorothee Schneider und Showtime, Nummer eins bis vier der Weltrangliste (Werth mit zwei Pferden), sowie die Reservistin Helen Langehanenberg und Annabelle. Bei der Verfassungsprüfung, Vet Check genannt, weil der Tierarzt ein wichtiges Wort mitzureden hat, nutzen sie die Chance, einen guten ersten Eindruck zu machen.

Die Reiterinnen federten neben ihren Vierbeinern entlang und ließen nicht erkennen, dass sie die meiste Zeit das Laufen ihren Pferden überlassen. Und die zeigten ausnahmslos ihre beste Seite: gelassen, mit gespitzten Ohren, das Fell auf Hochglanz poliert, trabten sie die manikürte Sandpiste hoch und wieder zurück. "Das haben wir auch geübt", sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu. "Das Wichtigste ist dabei, dass das Pferd Vertrauen zu dem Menschen hat, der es führt. Wenn ich antrabe, soll es auch antraben, wenn ich wieder Schritt gehe, soll es auch Schritt gehen."

Da gab es auch ganz andere Bilder. Der schwarze Hengst Everdale der Britin Charlotte Fry etwa, der erst kommen durfte, als alle anderen schon weg waren und von seinem kräftigen Besitzer selbst vorgestellt wurde, während die Reiterin in sicherer Entfernung verharrte. Behängt mit allerlei Lederzeug, um ihn zu bändigen, blieb er zunächst ganz sittsam, um erst auf den letzten Metern den Fury rauszulassen. Es sah aus, als sei ihm plötzlich eingefallen, dass er einen Ruf zu verteidigen hat. Andere Pferde zogen angesichts des Fotografen-Pulks am Ende der Piste entsetzt die Bremse und waren nur mühsam dazu zu bewegen, sich den Kameras zu nähern. Da zeigte sich mal wieder, dass ein Reiter ein hilfloses Nichts ist, wenn sein Pferd etwas nicht will und die Vertrauensfrage verneint.

Isabell Werth ist seit 2016 die weltweit erfolgreichste Reiterin

Die deutschen Frauen treten als hohe Favoriten an, Gold für die Mannschaft ist fest vom Deutschen Olympischen Sportbund eingeplant, die Entscheidung fällt am Dienstag. Jeder im Team ist am kommenden Mittwoch in der Kür auch ein Olympiasieg in der Einzelwertung zuzutrauen. Isabell Werth steht womöglich ein historischer Erfolg bevor: Gewinnt sie zwei Goldmedaillen, dann hat sie mit acht Gold- und vier Silbermedaillen die Kanutin Birgit Fischer als erfolgreichste deutsche Olympiasportlerin überholt.

Die weltweit erfolgreichste Reiterin ist sie bereits sei 2016, seit dem Gold und Silber von Rio. Fragt man sie nach ihren Tokio-Ambitionen, wiegelt sie ab: "Ich mache mir nicht soviel aus Statistiken, wichtig ist, dass wir hier eine Top-Leistung abliefern." Die Stimmung im Team sei besser denn je, versichern die Reiterinnen. Das war ja schon mal anders, da konnten die Medien genüsslich vom Zickenkrieg berichten.

In der heißesten Zeit des Tages herrscht strikte Ruhe im klimatisierten Stall

In der Vorbereitung wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Reiter wohnen nicht im olympischen Dorf, sondern in einem näher am Reitstadion gelegenen Hotel und damit quasi in einer eigenen "Blase", die zum Training nicht verlassen wird. Auch bei der Eröffnungsfeier war kein deutscher Reiter dabei, nicht nur, weil an diesem Samstag mit dem Grand Prix die erste Prüfung ansteht, sondern auch um unnötige Kontakte zu Sportlern aus allen Ecken der Welt zu vermeiden.

Die tägliche Arbeit wurde zweigeteilt, morgens entspannt ein bisschen Grasen, ein bisschen Führen auf dem kleinen Grasareal, das die Japaner mitten in ihrer Riesenstadt angelegt haben. Hier warten auf die Buschreiter auch ein paar Geländehindernisse zum Üben. In der heißesten Zeit des Tages, zwischen elf und 15 Uhr, herrscht derweil strikte Ruhe im klimatisierten Stall, ab 17 Uhr wird dann trainiert.

Auch die Wettkämpfe wurden in den späten Nachmittag und Abend gelegt. "Den Pferden macht die Hitze wenig aus", sagt Mannschaftstierarzt Marc Koene. Trotzdem werden sie akribisch überwacht, eine Wärmekamera verfolgt jede Bewegung, und sobald die Temperatur, gemessen auf der Kruppe, über 40 Grad steigt, muss das Training abgebrochen werden. Das sei allerdings noch nicht vorgekommen, versichert Koene. Wenn es dabei bleibt, dann werden es ja vielleicht doch fast normale Spiele.

© SZ/klef/bkl/and
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