Sportler bei Olympia:"... dass es in China nicht üblich ist, seine Meinung zu sagen"

Lesezeit: 3 min

Sportler bei Olympia: Da waren sie noch voller Hoffnung: Härtl und Klug (Mitte) bei der Verabschiedung der Sportlerinnen und Sportler der bayerischen Polizei nach Peking.

Da waren sie noch voller Hoffnung: Härtl und Klug (Mitte) bei der Verabschiedung der Sportlerinnen und Sportler der bayerischen Polizei nach Peking.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei der Verabschiedung der bayerischen Olympiateilnehmer wird deutlich, dass sich die Vorfreude auf die Spiele sehr in Grenzen hält. Im DOSB-Leitfaden finden sich bedenkliche Warnungen.

Von Sebastian Winter

Sie haben Heizpilze aufgebaut im Odeon, dem einst als Konzert- und Ballsaal durch Leo von Klenze errichteten heutigen Innenhof des bayerischen Innenministeriums. Doch nur einer der Wärmespender ist in Betrieb, was gut zum Anlass passt: Hausherr Joachim Herrmann, der neben dem Innen- auch das Sportministerium im Freistaat leitet, verabschiedet an diesem Dienstag am Münchner Odeonsplatz die Spitzenathletinnen und -athleten der bayerischen Polizei zu den Olympischen Winterspielen nach Peking. Fehlt nur noch der Schnee, aber der wird ja auch in Peking vom 4. Februar an wohl eher nicht fallen, jedenfalls nicht aus echten Wolken.

Snowboarderin Melanie Hochreiter hat wie andere auch ihr Sportgerät mitgebracht, das lange, schmale Brett macht was her in diesem etwas schrägen Heizpilz-Stehempfang-Ambiente, auf den Tischen warten neben Kaffee, Wasser und Säften auch eingeschweißte FFP-2-Masken und Dosen mit Pfefferminz-Bonbons auf Abnehmer. Viele Kameras surren, das übliche Imagefilmchen läuft über einen großen Bildschirm, Minister Herrmann lobpreist die Olympiateilnehmer und natürlich auch Bayerns Polizei. Dann wird sich aufgestellt fürs Foto, hinter dem riesigen Bob, der da auf den Pflastersteinen im Odeon ruht.

Bei der Fragerunde geht es dann auch um Haare, Bob-Anschieber Tobias Schneider entpuppt sich als Friseur seines Zimmerkollegen Michael Salzer. "Er hat gejammert, dass seine Haare so lang sind. Ich habe mir das irgendwann nicht mehr anhören können und versucht, meine Friseur-Skills anzubringen. Es sah ganz passabel aus", sagt Schneider. Es ist vielleicht der einzige Moment, in dem die Athleten so richtig gelöst wirken, ja schmunzeln. Ansonsten ist da viel Ernsthaftigkeit zu sehen in den Gesichtern, jedenfalls nicht das, was vor so vielen Spielen, ob Sommer oder Winter, so oft zu sehen war: echte Vorfreude.

Auch an Ramona Hofmeister war dieser Zwiespalt abzulesen. Die 25-jährige Gesamtweltcupsiegerin der vergangenen Saison und Olympiadritte von Pyeongchang 2018 gilt auch in Peking als Medaillenkandidatin, ihr durchaus realistischer Traum ist es, ganz oben zu stehen in China. Doch sie macht keinen Hehl daraus, dass sie sich schon mal mehr nach Olympia gesehnt hat. "Natürlich freue ich mich auf den Wettkampftag, aber drumherum gibt es sehr viel negative Energie. Die Vorfreude ist nicht ganz so groß wie vor vier Jahren."

Hofmeister war 2019 schon mal bei einem Weltcup-Rennen auf der Olympiastrecke, sie gewann, "das Rennen war super organisiert, aber vielleicht muss man das eine oder andere Auge zudrücken, wenn man als Sportler dorthin fliegt", sagte sie später der SZ: "Wir wissen alle, dass es nicht der beste Austragungsort ist. Es gibt viele Punkte, wo man sich negativ äußern könnte, aber das möchte ich jetzt gar nicht. Für sportliche Boykotts ist es ohnehin zu spät."

Sportler bei Olympia: Olympische Vorfreude sieht anders aus: Snowboarderin Ramona Hofmeister sagte auf dem Podium mit Innenminister Joachim Herrmann, dass es "drumherum sehr viel negative Energie" gebe.

Olympische Vorfreude sieht anders aus: Snowboarderin Ramona Hofmeister sagte auf dem Podium mit Innenminister Joachim Herrmann, dass es "drumherum sehr viel negative Energie" gebe.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Ein paar Meter weiter versuchen die Bobfahrer ihr Sportgerät kurz anzuschieben für die Kameras. So richtig funktioniert das aber nicht auf den Pflastersteinen, einen ungeeigneteren Untergrund für die Kufenflitzer gibt es ja auch fast nicht. Den Versuch war es wert. Symbolträchtig war es auch, die Spiele in Peking dürften ja auch ziemlich ruckelig werden, Corona, die Menschenrechte, nur ausgewählte Fans, die fehlende Freiheit, mal aus der olympischen Blase auszubrechen. Das gilt auch für Christian Rasp, einen der prominentesten Polizeisportler neben Hofmeister, den Hermann nach Peking verabschiedet.

Für Rasp, 31, den Herausforderer von Franceso Friedrich, sind es ebenfalls die zweiten Olympischen Spiele, wie Hofmeister kennt der Bob-Anschieber, der 2017 mit Pilot Johannes Lochner Weltmeister wurde, die Bahn von einem Testwettkampf aus dem Jahr 2019. Doch schon damals bekam er einen Vorgeschmack darauf, was ihn nun auch in Peking erwartet. "Die Flugbegleiterinnen waren in voller Schutzmontur, am Flughafen wurde das Terminal für uns gesperrt, wir wurden über die für uns gesperrte Autobahn eskortiert, als wären wir der US-Präsident, der dort zu Gast ist", sagt Rasp.

Ein Gefühl des Eingesperrt-Seins habe er dennoch nicht gehabt, sondern sportlich eher traumhafte Bedingungen, mit einer 400-Meter-Bahn fürs Sprinttraining und zwei Krafträumen. "Man durfte das Areal halt nicht verlassen", sagt Rasp. Vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) habe er wie die anderen Athleten für die kommenden Spiele in Peking einen Leitfaden bekommen: "Der ist gut gemeint, es ist ja gewollt, mündige Athleten zu haben. Aber es wird auch darauf hingewiesen, dass es in China nicht üblich ist, seine Meinung zu sagen, vor allem seine politische Meinung. Durch die Blume kommt durch, dass man das Risiko dann selbst tragen muss."

Stressig war es zuletzt für Rasp, der Weltcup in St. Moritz am Wochenende, am Montag die Einkleidung in der Allianz Arena, am Dienstag die Verabschiedung im Odeon inmitten der Heizpilze. Ihren Bob mussten sie zwischendurch noch zum Königssee bringen, wo er schnell olympiagerecht umfoliert und dann in den Container verfrachtet wurde. Der Bob reist nun voraus ins Reich der Mitte.

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