Kanuslalom bei Olympia:Gold, Kraft und Liebe nach Ahrweiler

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Ricarda Funk feiert im Ziel - zu dem Zeitpunkt war Bronze sicher. Es wurde Gold.

(Foto: Enric Fontcuberta/Agencia EFE/Imago)

Die Kanustrecke, auf der Ricarda Funk einst ihren Sport begann, wurde vom jüngsten Hochwasser zerstört. Beim Olympiasieg beweist sie Nervenstärke, schickt eine Botschaft in die Heimat - und ist in Gedanken bei dem Trainer, den sie in Rio verlor.

Von Saskia Aleythe, Tokio

In der Nacht leuchtet das Riesenrad wie ein Diamant. Aber das Riesenrad ist vielseitig, es kann auch leuchten wie eine Blume. Das muss es auch, schließlich heißt es ja genau so: "Diamant und Blumen"-Riesenrad, so verrät es die sperrige Übersetzung. Wenn die Slalomkanuten bei den Olympischen Spielen in Tokio ihren Parcours hinabjagen, ragt es am höchsten Punkt 117 Meter über dem Boden stumm aus dem benachbarten Kasai-Rinkai-Park hervor wie ein Wächter. Nur runtergucken kann gerade niemand aus den 68 Kabinen. Für den Zeitraum der Wettbewerbe dreht es sich nicht. Fast so, als könnten sich die Athleten davon ablenken lassen, dabei gilt ihr Blick doch ohnehin nur dem Wasser und den Wellen.

Es ist eine spezielle Kulisse in Tokio; speziell, dieses Wort der Spiele. In der Ferne die Schnellstraße, Bucht, Riesenrad, mittendrin die Wildwasserstrecke. Für Tausende Zuschauer wurden auch hier die Tribünen aufgebaut, riesige Stahlrohrgerüste stehen jetzt vorwurfsvoll in der Leere der Pandemie herum. Aber allein fühlen sich die Athleten trotzdem nicht: Trainer, Betreuer, Kollegen säumen den Kanal - am Dienstag sprangen einige vor Freude sogar in das Becken.

Verantwortlich dafür war Slalomkanutin Ricarda Funk, die sich einen Lebenstraum erfüllte, gleich bei ihrer Olympia-Premiere: Den Parcours in Tokio bewältigte sie als Schnellste, ohne Berührung der Torstangen. Gold unterm Riesenrad, die 29-Jährige fasste sich immer wieder mit der Hand an den Helm, schüttelte den Kopf. Nur zwei Starterinnen mussten noch ihr Finale bestreiten, als Funk im Ziel im Zelt der Besten wartete. "Ich wusste, es ist auf jeden Fall eine Bronzemedaille. Und damit war mein Traum ja schon in Erfüllung gegangen", sagte Funk. Und dann wurde der Tag noch traumhafter.

Germany s Ricarda Funk celebrates on the podium after winning the gold medal in the women s kayak final for canoeing in

Ricarda Funk bei der Siegerehrung.

(Foto: Enric Fontcuberta/imago images/Agencia EFE)

Die Slowakin Eliška Mintálová wurde nach einem schweren Patzer nur Vorletzte, nun konnte Funk nur noch eine unterbieten: Jessica Fox aus Australien, die mehrmalige Weltmeisterin und Ikone ihres Sports. Fox war schnell unterwegs und bewegte sich gewieft durch die Stangen, selbst mit ihrer Berührung am vierten Tor hätte sie noch Gold gewonnen. Doch es blieb nicht dabei, am vorletzten Tor unterlief ihr der entscheidende Fehler. Schon am Vortag war Sideris Tasiadis mit Bronze ein großer Erfolg gelungen, nun legte Funk mit Gold nach. Zum ersten Mal lief in Tokio die deutsche Hymne.

Trotz Favoritenrolle in ihrem Sport hatte Funk die Olympischen Spiele 2016 in Rio verpasst, in der nationalen Qualifikation setzten sich andere durch. Unfassbar traurig und enttäuscht sei sie damals gewesen, sagte Funk nun, "für mich stand direkt danach fest: Tokio ist mein Ziel, darauf arbeite ich jetzt hin". Die Verschiebung der Spiele hatte sie belastet, sie musste sich ja noch ein Jahr gedulden. Aber Funk hat die Zeit genutzt, um immer noch besser zu werden. "Das Gesamtpaket aus technischen Fähigkeiten und Nervenstärke hat heute gewonnen", sagte Thomas Konietzko, Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes, als die Athletin gerade zur Siegerehrung lief. Nervenstärke, die kann man Funk mit gutem Recht attestieren.

Bei den Spielen in Rio kam ihr Trainer Stefan Henze bei einem Unfall ums Leben

Verloren hatte sie 2016 viel mehr als das Erlebnis Olympia und die Chance auf eine Medaille, verloren hat sie damals auch ihren Trainer Stefan Henze. Der 35-Jährige war im Kanuslalom-Team für die Kajak-Frauen zuständig gewesen, einen Tag nach den Wettbewerben in Rio wurde er auf einer Taxifahrt in einen Unfall verwickelt. Vier Tage später starb er, Eltern und Bruder waren noch nach Rio geflogen, um sich zu verabschieden. Funk bekam alles nur von zu Hause mit, der Verlust tut ihr noch immer weh. "Er ist ganz tief in meinem Herzen", sagte sie nun in Tokio, musste sich erst einmal sammeln, "er ist überall mitgefahren auf meiner ganzen Reise, bei jedem Wettkampf und jedem Training. Und er gibt mir immer noch meine Tipps." Henzes Familie gab die Organe des Trainers damals zur Spende frei; Herz, Leber und beide Nieren; vier Leben wurden damit gerettet. Das Schicksal von damals ist eines, das auch das Team und der Verband überwinden mussten.

Zum Kanuslalom ist sie über ihren Vater gekommen, auch er war begeisterter Paddler. Die Strecke in Sinzig im Landkreis Ahrweiler, auf der sie ihren Sport begonnen hat, gibt es jetzt nicht mehr, sie wurde vom Hochwasser zerstört. "Das ist supertraurig, da bin ich aufgewachsen und dort hat alles angefangen", sagte Funk, "es tut im Herzen weh, die Heimat so zu sehen. Ich bin unfassbar traurig wegen all der Menschen, die so leiden momentan." Die Bilder aus Deutschland haben sie auch in Tokio erreicht, "in der letzten Woche waren meine Gedanken schon sehr oft zu Hause". Einige Tränen habe sie auch vergossen, nun, bei ihrem großen Triumph schickte sie "ganz viel Liebe nach Hause. Kreis Ahrweiler ist stark, gemeinsam schaffen wir das." Der Verband hat für die von der Hochwasser-Katastrophe geschädigten Vereine eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

Doch in Tokio gibt es nun erst mal diesen Olympiasieg zu feiern, mit den Gedanken an die Heimat. Funk hat die erste deutsche Goldmedaille im Kanuslalom der Frauen seit 29 Jahren für das Land gewonnen, nach der Augsburgerin Elisabeth Micheler 1992 in Barcelona.

Mit 19 Jahren war Funk für ihren Sport zum Bundesstützpunkt nach Augsburg gegangen, auf der Olympiastrecke von 1972 trainiert sie, genau wie Sideris Tasiadis, der Bronze-Gewinner von diesem Montag in Tokio. "Ich hoffe, diese Goldmedaille gibt dem gesamten Team Deutschland Auftrieb und Mut", sagte Präsident Konietzko noch. Funk hat auf jeden Fall schon eines bewiesen: Kraft. Nicht nur im Sport.

© SZ/schm/fhas
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Bronze im Kanuslalom
:Er liest das Wasser

Sideris Tasiadis beherrscht die Kunst, Wellen zu sehen, bevor sie sich auftürmen. Nach Silber 2012 erringt der Augsburger nun Bronze - und macht bei der Siegerehrung klar: Der Gedanke an Gold lässt ihn nicht los.

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