Bronze im Kanuslalom:Er liest das Wasser

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Canoe Slalom - Olympics: Day 3

Perfekt mit dem Paddel austariert: Sideris Tasiadis auf seiner Bronze-Fahrt im Kanukanal.

(Foto: Getty)

Sideris Tasiadis beherrscht die Kunst, Wellen zu sehen, bevor sie sich auftürmen. Nach Silber 2012 erringt der Augsburger nun Bronze - und macht bei der Siegerehrung klar: Der Gedanke an Gold lässt ihn nicht los.

Von Saskia Aleythe, Tokio

Drei Sekunden. Sideris Tasiadis wusste sofort, was ihn der Schlenker mit seinem Boot an Zeit gekostet hatte in diesem olympischen Finale, an Tor Nummer 19. Man muss sich nicht wundern über so viel Präzision, die Slalomkanuten sind mit feinen Fühlern und Sinnen ausgestattet. "Das Wasser lesen" nennt es der Deutsche, wenn er Wellen schon vor sich sieht, bevor sie sich auftürmen vor ihm. Und was das Lesen angeht, da ist er immer noch einer der Besten seines Sports.

Kanuslalom sieht nicht ohne Grund wie purer Kampf aus. Er musste die ganze Zeit pumpen, hat Tasiadis am Montagnachmittag gesagt: Luft reinholen in den Körper, Luft rauspressen, so arbeiten Kanuten, während sie alles an Kraft in ihre Paddel stecken. Hier ausweichen, dort gegenlenken, und alles bitte noch schneller miteinander kombinieren als die Konkurrenz. Seit Jahren werden die Strecken schwerer, sagt der Augsburger, was dann auch etwas darüber erzählt, dass er nun in Japan seine zweite Olympia-Medaille gewonnen hat nach 2012 in London.

Für zwei laute Jubelschreie hat die Kraft noch gereicht, als der 31-Jährige nach 103,70 Sekunden die Zeitnahme auslöste. Er wusste, dass er gut unterwegs gewesen war, trotz kleiner Fehler und diesem Patzer an Tor 19, selbstbewusst war er an den Start gegangen. Auf der Anzeige stand dann erstmal eine "1" neben seinem Namen, doch Tasiadis musste sich gedulden, fünf Starter waren noch unterwegs. "Ich bin zu alt für diese Art von Spannung", kommentierte später Cheftrainer Klaus Pohlen die Warterei. Es wurde Bronze für Tasiadis, er musste sich noch dem Gewinner Benjamin Savsek aus Slowenien und Lukas Rohan aus Tschechien geschlagen geben. "Innerlich ist die Freude groß", sagte er in die Mikrofone, da hatte er schon die Medaille um den Hals hängen. Aber eines dämpfte dann halt doch sein Empfinden: "Mein Ziel war es schon, nach Gold zu greifen, wenn man in der Weltrangliste ganz oben ist."

Canoe Slalom - Men's C1 - Medal Ceremony

"Wir sehen uns in drei Jahren in Paris": Sideris Tasiadis blickt bereits voraus auf die nächsten Olympischen Spiele.

(Foto: Yara Nardi/Reuters)

Als größten Kritiker benennt Tasiadis sich selber, er konnte auch gut beschreiben, was ihm an Tor 19 widerfahren war. "Ich war zu weit links mit der Hüfte und dem Schwerpunkt, und dann bin ich sehr spät ins Aufwärtstor reingekommen", analysierte er, er kippte also in die eine Richtung, musste aber eigentlich mit dem Boot eine Kurve in die andere fahren. Das Austarieren, ob es gerade der richtige Zeitpunkt ist, um mit dem Paddel zu lenken oder zu beschleunigen, ist die knifflige Angelegenheit beim Slalomkanu. "Ich muss entscheiden: Drehe ich das Boot mehr oder ziehe ich mehr an", erläuterte er, dafür bleibt ihm dann nur ein winziger Moment.

Weil er diese Entscheidungen so gut beherrscht, hat er früh Karriere gemacht in seinem Sport: Das Olympia-Silber von 2012 war schon ein Fingerzeig in die Zukunft. Wie er vor 12 000 Zuschauern in London zwischen seinen Idolen stand, dem Franzosen Tony Estanguet, 34 und Michal Martikan, 33, aus der Slowakei. Da waren die anderen schon im Karriereherbst, Tasiadis gerade erst 22 Jahre alt. "Das haben sie so nicht erwartet", sagte der Deutsche damals. Mittlerweile erwartet er von sich selber die Medaillen, und zwar Gold.

Sein Sport hat sich weiterentwickelt in den vergangenen neun Jahren. Dass heute ohne Schwimmweste gefahren wird, sorgt für mehr Bewegungsspielraum. Wer sich mit dem Oberkörper um die Stangen winden muss, kann sich nun besser verbiegen - muss es im internationalen Vergleich aber auch. "Wir fahren die Tore viel enger an", sagt er, "man muss beweglicher sein und mehr Kraft haben, das ist ein schmaler Grad, das miteinander zu kombinieren." Das Krafttraining hat er im Laufe der Jahre umgestellt, kein Bankdrücken mehr, dafür Klimmzüge mit Gewicht. "Wenn ich drei bis vier Wiederholungen mache, hängen 65 Kilo dran", sagt er. Die Muskeln kommen ja nicht von allein.

Das Jahr der Pandemie hat er "als Praxisjahr" genutzt, an der Technik gefeilt und an seinem Boot getüftelt. Das neue ist nun aufgrund seines Formats beweglicher; was es eben braucht, um in der Weltspitze konkurrenzfähig zu sein. Eine richtige Entscheidung, wie er auch am Montag befand, mit dem alten hätte es womöglich nicht zur Medaille gereicht.

Wenn er im Boot trainiert, läuft Hündin Milou den Kanal stets mit ab

Wie viel Leben in so eine Sportkarriere passt, hat Tasiadis auch erfahren, es waren reiche Momente und tragische. 2015 starb seine langjährige Freundin Claudia Bär an Leukämie, auch sie war Slalomkanutin, wurde Europameisterin. "Ich denke darüber nach, was Sinn im Leben hat und was nicht", sagt Tasiadis, "ich mache nur das, worauf ich Bock habe, das ist halt so." Wenn die anderen Kollegen in der Nationalmannschaft im Winter zum Trainingslager nach Australien reisen, bleibt Tasiadis daheim, jedes Jahr. "In Augsburg haben wir die perfekten Trainingsbedingungen, die man nirgendwo sonst hat", sagt er, "ich brauche es nicht, dass ich wegfahre für zwei Wochen, nur damit es wärmer ist. Die Zeit kann man auch hier verbringen, finde ich."

Wenn er im Boot trainiert, läuft Hündin Milou den Kanal daheim stets mit ab, "ich muss nur mit dem Finger zeigen, dass sie die Brücke wechselt, und dann funktioniert das", sagt Tasiadis. Milou sei "der wichtigste Part, der mir geholfen hat, ins Training zu gehen und motiviert zu sein." Und ein bisschen reisen wird er die nächsten Jahre dann auch noch, der Gedanke an die Goldmedaille lässt ihn nicht los: "Wir sehen uns in drei Jahren in Paris."

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