Olympia ohne Russland "Unter neutraler Flagge würde ich nicht antreten"

  • Die Reaktionen aus Russland auf die IOC-Entscheidung, russische Sportler nur unter neutraler Flagge bei den Winterspielen starten zu lassen, wird unterschiedlich interpretiert.
  • Auch Sportler sind sich uneinig, ob sie Olympia boykottieren oder doch daran teilnehmen sollen.
  • Ein staatlich gelenktes Dopingsystem wird von fast allen geleugnet.
Von Matthias Schmid

Die russischen Athleten sollen nun selbst entscheiden, wie es mit ihnen weitergeht. Das hat zumindest Alexander Schukow der Agentur Tass zufolge mitgeteilt. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Russlands (ROC) hat am 12. Dezember zu einer "Olympischen Versammlung" geladen, bei der Sportler, Trainer und Verbandsvertreter darüber befinden sollen, ob sie vor den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) ziehen wollen. Auch ein Boykott der Winterspiele 2018 wäre denkbar.

Das IOC hatte am Dienstagabend einen Teil-Ausschluss des russischen Olympia-Teams für die Winterspiele in Pyeongchang verkündet - wegen systematischen Dopingbetrugs bei den Spielen 2014 in Sotschi, nachgewiesen von unabhängigen Ermittlern der Welt-Doping-Agentur Wada. Russische Sportler, Politiker und Funktionäre versuchen am Tag danach, den Dopingbetrug herunterzuspielen. Der ROC-Präsident Alexander Schukow, der als IOC-Mitglied suspendiert wurde, hält die Existenz eines staatlichen Dopingsystems weiter für nicht bewiesen und den Kronzeugen Grigori Rodtschenkow für unglaubwürdig: "Wir reden heute über die Disqualifizierung eines ganzen Landes aufgrund der durch keinerlei Belege gestützten Aussagen eines Betrügers, der in ein fremdes Land geflohen ist."

Die Entscheidung sei eine "politische Provokation"

Rodtschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, spielt eine Schlüsselrolle in der Causa, die dazu führte, dass das IOC 25 Sotschi-Teilnehmer lebenslang sperrte und Russland elf Medaillen von 2014, darunter vier goldene, aberkannte. Er berichtete nach seiner Flucht in die USA über den systematischen Austausch von Dopingproben russischer Athleten in Sotschi. Die exakten Abläufe dafür seien bis in höchste politische Kreise bekannt gewesen und vom Geheimdienst koordiniert worden. Seinen Aussagen zufolge wurden Manipulationen bei 15 von 33 russischen Medaillengewinnern vertuscht. Wo Rodtschenkow lebt, weiß nur das FBI, das den Whistleblower schützt.

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Nach Angaben der Agentur Interfax entschuldigte sich Schukow bei der IOC-Sitzung am Dienstag in Lausanne für die Vorfälle. Er beschuldigte allerdings allein Rodtschenkow und dessen Umfeld, für die Dopingpraktiken verantwortlich zu sein. Die staatliche Ebene hätte nichts davon gewusst.

Das sehen auch etliche Abgeordnete aus der russischen Duma so. Waleri Gassajew, ein früherer Fußballer und heute Politiker, sagt zum Beispiel, die IOC-Entscheidung sei eine "politische Provokation". Seine Kollegin Irina Rodnina, dreimalige Olympiasiegerin im Eiskunstlauf, entschuldigt sich bei den russischen Athleten: "Wir haben euch leider nicht vor dem Ausschluss bewahren können." Aber daran könne man erkennen, "wie sie uns fürchten". Sie, das sollen die anderen Nationen sein, auch das IOC.

"Wir müssen unbedingt zu Olympia fahren"

Uneinig sind sich die russischen Sportler darüber, wie sie nun mit der Entscheidung umgehen sollen: Boykottieren oder doch teilnehmen als Sportler mit einem neutralen Dress, auf dem steht: Olympischer Athlet aus Russland? "Wir warten jetzt auf Anweisungen unserer Führung", sagt der Snowboarder Nikolai Oljunin, schockiert sei er über die Entscheidung nicht: "Wir waren darauf vorbereitet, aber unter neutraler Flagge würde ich nicht antreten."

Der Präsident des russischen Skisprungverbandes, Dmitrij Dubrowski, hält von einer Vorfestlegung wenig: "Ich bin überzeugt davon, dass russische Top-Athleten teilnehmen müssen, nicht für sich, sondern für jeden Einzelnen in Russland." Auch Eishockey-Nationalspieler Ilja Kowaltschuk spricht sich gegen einen Boykott aus: "Wir müssen unbedingt zu Olympia fahren." Antreten dürfen dabei ohnehin nur Sportler, die nachweislich nichts mit Dopingpraktiken zu tun gehabt haben.