Olympia Lavillenie erlebt Unfairness in einer neuen Dimension

Der Stabhochspringer Lavillenie wird bei der Siegerehrung erneut ausgepfiffen und muss weinen. Das Verhalten des Publikums ist mehr als unsportlich.

Kommentar von Martin Schneider

Als der Brasilianer Thiago Braz da Silva die vielleicht größte Unsportlichkeit dieser Olympischen Spiele bemerkt, hebt er erst Arme und Schultern, dann beginnt er seinem Konkurrenten zu applaudieren. Da Silva hatte tags zuvor Gold im Stabhochsprung gewonnen. Er lieferte den Wettkampf seines Lebens mit einem Sprung über 6,03 Meter, eigentlich sollte diese Siegerehrung in Rio de Janeiro sein großer Moment werden. Aber so, wie er gerade abläuft, will er ihn nicht haben.

Neben ihm steht der Franzose Renaud Lavillenie, der Stadionsprecher hat gerade seinen Namen aufgerufen, "representing France" hört man noch, dann erklingt ein furchtbares Konzert aus Buhrufen und Pfiffen. Als da Silva das hört, hebt er die Arme zu einer Geste, die sagt: "Hey, was soll das? Warum buht ihr?" Als Lavillenie aufs Podest geht, applaudiert der Brasilianer ausdauernd seinem Konkurrenten. Der Gewinner klatscht gegen sein eigenes Publikum an.

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Dann wird die brasilianische Nationalhymne gespielt - und Renauld Lavillenie weint. Auf seiner Wange fließt ein glänzender Streifen, sein Mund verkrampft, er schluckt, seine Augen werden rot. Das Publikum hat es fertig gebracht, einen Weltrekordler und Weltsportler ein zweites Mal zu brechen, nachdem dieser schon das sportliche Duell am Vortag - ebenfalls begleitet von schrillen Buh-Rufen - verloren hatte. Am Ende hatte Lavillenie in bitterem Zynismus den Daumen Richtung Tribüne gezeigt.

Es wird viel gesprochen über die Zuschauer bei den Spielen in Rio. Wenn brasilianische Sportler dabei sind oder Usain Bolt startet, sind die Arenen voll und die Stimmung gigantisch. Bei "normalen" Spitzensportlern ist kaum jemand da. Zum Teil ist das verständlich: Tickets kosten meist umgerechnet 26 Euro, man kann sie in Raten bezahlen, aber für ein Land in der Wirtschaftskrise ist das viel Geld, für Bewohner der Favelas sowieso. Dazu kommen organisatorische Probleme: Beim Tennis-Finale von Angelique Kerber wollten viele deutsche Fans Karten haben und kamen trotzdem nicht in die halbleere Arena.

Trotzdem ist das Verhalten vieler einheimischer Fans, die im Stadion sind, olympischer Spiele nicht würdig. Wer gegen brasilianische Athleten antritt, weiß, dass er mit deutlichem Gegenwind von den Tribünen rechnen muss. Besonders hart trifft es Argentinier, wie ein Fan beim Tennisspiel von Juan Martin Del Potro erfahren musste: Er wurde verprügelt.