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Fußball bei Olympia:Sogar Kuntz ist kurz schlecht gelaunt

Soccer Football - Men - Group D - Brazil v Germany

Fehlt im nächsten Spiel: Maximilian Arnold sieht gegen Brasilien die gelb-rote Karte.

(Foto: Phil Noble/Reuters)

Die deutschen Fußballer werden beim 2:4 zum Auftakt des olympischen Fußballturniers von Brasilien stellenweise vorgeführt. Maximilian Arnold fliegt vom Platz - aber das Weiterkommen ist noch drin.

Von Sebastian Fischer

Der Verteidiger Amos Pieper hat eine starke Bundesligasaison mit Arminia Bielefeld hinter sich, er ist vor Kurzem in der Sommerpause U21-Europameister geworden, aber man tritt ihm wohl nicht zu nahe, wenn man die Aufgabe, die sich ihm am Donnerstagabend japanischer Zeit stellte, eine der bislang schwierigsten seiner Karriere nennt: Pieper, 23, spielte gegen den brasilianischen Angreifer Richarlison, 24. Es war ein Duell, das die Kräfteverhältnisse beim 2:4 (0:3) Deutschlands gegen Brasilien zum Auftakt des olympischen Fußballturniers gut illustrierte.

Eine halbe Stunde war gespielt im Stadion in Yokohama, in dem Deutschland im WM-Finale von 2002 schon mal gegen Brasilien verloren hatte, da hatte Pieper den Stürmer vom FC Everton schon waghalsig grätschend gestoppt und einmal in letzter Sekunde am Trikot gezogen, wofür er die gelbe Karte sah. Richarlison hatte aber trotzdem schon drei Tore erzielt.

"Wir haben im Spielaufbau nicht gut agiert, haben viele Fehlpässe gespielt", sagte Trainer Stefan Kuntz im TV-Interview nach dem Spiel. "Wenig Mut" und "wenig Präzision" bemängelte er im Auftritt seines Teams und sagte, neben dem zur Pause ausgewechselten Pieper hätten "aus Leistungsgründen" noch ein paar andere Spieler draußen bleiben können - theoretisch. Praktisch waren aber nicht so viele da, die dafür hätten reinkommen können. Kuntz sagte: "Meine Jungs sind auch körperlich noch nicht auf der Höhe, das sage ich ohne Vorwurf." Auf Seiten der Brasilianer habe man dagegen gesehen, was eine gute Vorbereitung ausmache.

Max Kruse fiel zunächst kaum auf, so selten waren deutsche Angriffssituationen

Neben den Spaniern, mit sechs Profis aus dem EM-Halbfinale angereist und trotzdem nur mit einem 0:0 gegen Ägypten ins Turnier gestartet, sind die Brasilianer einer der großen Turnierfavoriten. Trainer André Soares Jardine konnte für seinen Kader aus einem großen Fundus wählen, als Rechtsverteidiger und Kapitän ist etwa das alte Schlachtschiff Dani Alves, 38, dabei, aus der Bundesliga Matheus Cunha von Hertha BSC und Paulinho von Bayer Leverkusen - und eben Richarlison als mutmaßlich wertvollster Spieler, mit einem geschätzten Marktwert von mehr als 50 Millionen Euro.

Für Deutschland dagegen sind nur 18 von möglichen 22 Spielern in Japan überhaupt anwesend, Kuntz hat verständlicherweise den Unwillen vieler Klubs bemängelt, Profis für Olympia abzustellen, wozu sie nicht verpflichtet sind. Von 100 Anrufen des U21-Bundestrainers war in den vergangenen Tagen oft die Rede, viele davon vergeblich. Und so ist die deutsche Auswahl nun eben eher ein Team aus der zweiten oder dritten Reihe: Zwei Spieler vom FC Augsburg standen in der Startelf, Marco Richter und Felix Uduokhai, mehr als aus jedem anderen Klub - und selbst aus Augsburg hatte Kuntz noch eine Absage bekommen, eine sehr bedeutsame von Mittelfeldspieler Niklas Dorsch. Dass vorne als wohl prominentester Profi der ehemalige A-Nationalspieler Max Kruse von Union Berlin dabei war, fiel zunächst kaum auf, so selten waren deutsche Angriffssituationen.

Beim ersten brasilianischen Treffer, schon in der achten Minute, sah Verteidiger Pieper dem Torschützen nur hinterher, was auch am herausragenden Zuspiel von Antony lag, dem Flügelspieler von Ajax Amsterdam - Richarlison traf im Nachschuss. Das zweite Tor nach 22 Minuten war dann schon eher dem deutschen Verteidigungsverhalten zuzuschreiben, in aller Ruhe erspielten sich die Brasilianer Überzahl auf der von Leipzigs Benjamin Henrichs fahrlässig offengelassenen rechten deutschen Abwehrseite, Richarlison verwertete einen Flankenball von Außenverteidiger Guilherme Arana per Kopf. Und auch beim 3:0 in der 30. Minute fehlte echte Gegenwehr.

Die gelb-rote Karte für Maximilian Arnold nimmt Trainer Stefan Kuntz auf seine Kappe

Kuntz stellte noch während der ersten Halbzeit um, ließ statt mit einer Vierer- mit einer Fünferkette verteidigen. Dass seine Mannschaft halbwegs im Spiel blieb, war allerdings eher Glück und Torhüter Florian Müller zu verdanken. Der aus Mainz zum VfB Stuttgart gewechselte Keeper hielt kurz vor der Pause einen Handelfmeter von Cunha, er hielt auch in der zweiten Hälfte mehrmals bravourös.

Auf der anderen Seite fiel das 1:3 durch Nadiem Amiri nach einem Distanzschuss nur wegen eines Torwartfehlers des Brasilianers Santos. Und spätestens als Wolfsburgs Maximilian Arnold nach etwas mehr als einer Stunde für sein zweites taktisches Foul die gelb-rote Karte sah, wirkte Deutschland geschlagen. Zwar gelang durch einen Kopfball von Ragnar Ache in der 83. Minute noch der überraschende Anschlusstreffer. Doch das letzte Tor schoss Paulinho nach einem Konter, und es war der weitaus verdientere Treffer als etwa ein möglicher Ausgleich.

Kuntz, für seine stets hervorragende Laune bekannt, war während des Spiels über die Außenmikrofone zu hören, wie er seiner Unzufriedenheit über die Leistung der Mannschaft Ausdruck verlieh. Es war eine recht trostlose Atmosphäre im Stadion in Yokohama, in dem die Olympia-Organisatoren wie in allen Veranstaltungsstätten Stimmung vom Band einspielten, die eher wie das Rauschen einer Klimaanlage klang. Die Brasilianer tanzten trotzdem. Und Kuntz lächelte nach dem Spiel im Interview auch wieder.

Dass in Arnold, 27, nun ausgerechnet einer von drei erfahrenen, vor 1997 geborenen Profis im Kader fehlt, für das nächste Spiel gegen Saudi-Arabien? Dass am Sonntag dann nur noch 14 Feldspieler zur Verfügung stehen? Nahm der Trainer auf seine Kappe. Er hätte Arnold früher auswechseln müssen, sagte Kuntz. Und auch mit noch einem Spieler weniger können die Deutschen natürlich noch weiterkommen. "Zwei Spiele liegen noch vor uns, es ist alles drin", sagte Torhüter Müller, und: "Wir wollen kein Mitleid bekommen, weil wir wenig Leute sind."

© SZ/ebc/jkn
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