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Deutsches Olympia-Team:Eine Fahne, zwei Träger

Olympics - Previews - Day -2

Sie tragen am Freitag in Tokio die deutsche Fahne: Laura Ludwig (rechts) und Patrick Hausding.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Erstmals bei Olympischen Spielen trägt ein Duo die deutsche Fahne, die Wahl fällt auf Laura Ludwig und Patrick Hausding. Einige Athleten werden allerdings auf die Eröffnungsfeier verzichten.

Von Saskia Aleythe, Tokio

Tokio ist momentan nicht der beste Ort für unerwartete Anrufe. Beachvolleyballerin Laura Ludwig saß im Bus nach ihrem Training, als das Handy klingelte, der Teamleiter war dran, man müsse sich schnell treffen. "Mir ging erst mal was Schlechtes durch den Kopf", sagte Ludwig am Donnerstag im olympischen Dorf. Ist ein Corona-Test positiv ausgefallen? Ist sie Kontaktperson eines Infizierten? Aber recht bald fiel der 35-Jährigen ein: Da gibt's ja vielleicht noch einen anderen Anlass. Einen guten.

An diesem Freitag wird Ludwig gemeinsam mit Wasserspringer Patrick Hausding bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele die deutsche Fahne tragen, zum ersten Mal dürfen die Nationen Duos benennen. Das passt natürlich nicht zufällig zum neuen Motto der Spiele: "Höher, schneller, weiter, gemeinsam". Die Idee, dass zu "gemeinsam" auch Frauen gehören sollten, ist ja eine recht naheliegende.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die teilnehmenden Nationen mit einer Änderung des Regelwerks ermutigt, den Blick im eigenen Land zu weiten und je einen männlichen sowie weiblichen Repräsentanten zu nominieren. IOC-Präsident Thomas Bach spricht nun gerne von den ersten Spielen, die geschlechterneutral seien, mit 48,8 Prozent Frauen in den Wettwerben. Und wo kann man das besser zur Schau stellen als bei der Eröffnungsfeier und dem Einmarsch der 206 Nationen?

Hausding landete bei der Abstimmung hauchdünn vor einem Turner

Hausding und Ludwig jedenfalls merkte man die Freude an, wie sie da saßen auf dem Pressepodium, anerkennendes Nicken und Lachen, als sie feststellten, dass es ein paar Parallelen gibt zwischen ihnen. Nicht nur, was die Erfolge in ihren Sportarten angeht, Ludwig wurde 2016 Olympiasiegerin mit Kira Walkenhorst, Hausding gewann 2008 im Synchronspringen vom Turm Silber mit Sascha Klein, 2016 in Rio Bronze vom Drei-Meter-Brett. Zum vierten Mal erleben sie nun Olympische Spiele, beide sind in ihrem Sport mit anderen Partnern unterwegs als zuvor und auch Hausding kam mit einer Anekdote daher, wie er von neuem seinem Amt erfahren hat: Er musste sein Training unterbrechen, widerwillig, "aber das hat sich dann gelohnt".

Für die Fahnenträger abstimmen konnten die Öffentlichkeit und die deutschen Athleten. Während Ludwig 36,49 Prozent der Stimmen bekam und mit zehn Punkten Vorsprung vor der zweitplatzierten Turnerin Elisabeth Seitz landete, war die Sache bei den Männern eine "hauch-hauch-hauchdünne" Entscheidung, wie es Veronika Rücker, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), ausdrückte: 0,07 Prozentpunkte landete Hausding vor Turner Andreas Toba.

Die Liste der weiblichen Kandidatinnen hatte sich im Voraus reduziert: Ursprünglich waren nicht nur Ludwig, Seitz, Isabell Werth (Reiten) und Annekatrin Thiele (Rudern) nominiert, sondern auch Angelique Kerber. Sogar abstimmen konnte man für die Tennisspielerin, doch nach ihren strapaziösen Auftritten in Wimbledon sagte die 33-Jährige für Olympia ab. Ludwig ist nun die sechste Frau, die in der Geschichte der Eröffnungsfeiern im Sommer die deutsche Fahne tragen darf, nach Hockey-Spielerin Natascha Keller (2012), Kanutin Birgit Fischer (2000), Handballerin Kristina Richter (1980), Hürdenläuferin Karin Balzer (1968) und Wasserspringerin Ingrid Krämer-Gulbin (1964), damals noch unter dem Namen Engel-Krämer. Die Premiere war übrigens: in Tokio. Sechs Frauen von nun 30 deutschen Fahnenträgern, einbezogen das Team der damaligen DDR - das offenbart dann schon die Notwendigkeit dieser Neuerung.

Bei Betreuern und Trainern muss man Frauen ja oft noch immer suchen dass man nun immerhin mehr Teilnehmerinnen bei Olympia sehen kann, liegt auch an der Erweiterung des Programms: Die Einführung von Mixed-Wettbewerben im Bogenschießen, Judo und Triathlon trägt dazu bei, vor allem auch Umgestaltungen in den einzelnen Sportarten. Im Kanusport etwa wurden drei Männerentscheidungen durch drei neue Wettkämpfe für Frauen ersetzt; auch im Boxen, Rudern und Bogenschießen haben Anpassungen stattgefunden. Am Ende kommt man bei 165 Wettbewerben für Männer und 156 für Frauen heraus. Noch 1992 war nicht mal ein Drittel der Teilnehmer weiblich.

Die Handballer lassen die Eröffnungsfeier aus, die Reiter und Segler wohl auch

Wie genau das Fahnen-Prozedere am Freitag aussehen soll, war bei der Vorstellung von Ludwig und Hausding noch unklar - fest steht: Es gibt nur eine Fahne, nicht zwei. "Ich hoffe, Patrick ist der Gentleman und übernimmt die schwere Arbeit", sagte Ludwig halb im Scherz, dann gab es einen kurzen Bizeps-Vergleich. "Die Fahne darf nur nicht kaputtgehen oder runterfallen, und wir dürfen nicht über unsere Füße stolpern", ergänzte Hausding, 32. Wie das Team überhaupt aussieht, das sie dann anführen, wird sich auch erst am Ort des Geschehens zeigen. Der DOSB gebe im Anbetracht der Corona-Lage keine Empfehlung für oder gegen eine Teilnahme ab, sagte Präsident Alfons Hörmann, jeder Athlet müsse selbst entscheiden. Immerhin: Es gibt die Möglichkeit eines Schnelldurchlaufs. Sportler müssen sich nicht für die ganze Show entscheiden, sondern können nach einer Stadionrunde wieder verschwinden.

Die Handballer hatten schon am Mittwoch ihren Verzicht publik gemacht, auch Reiter und Segler werden wohl komplett fehlen. Eine ziemlich merkwürdige Party, für die die Beachvolleyballerin und der Wasserspringer nun die Anheizer sein werden, noch dazu ohne Publikum. "Wenn man in 30, 40 Jahren auf diese Spiele zurückschaut, wird man sich denken: Warum sind da keine Zuschauer?", sagte Hausding, "aber auch das wird einzigartig."

© SZ/ebc/sjo
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